Warum, um des Rocker-Himmels Willen, gibt es für das neue Album von AC/DC so viel Lob?
Hard Rock liefert die beständigsten Parallelwelten des Pop. Kein anderes Genre schafft so unveränderlich starke Signaturen, die sich in der konsequent gleichbleibenden Musik fortsetzen. So klang das letzte, vor kurzem erschienene 24. Motörhead-Album "Mötörizer" nicht viel anders als das 23., 22., oder 21. Für die australische Rockband AC/DC gilt Gleiches.
Zwei alte Hüte und die üblichen Verdächtigen: AC/DC posieren für ihr neues Album "Black Ice". (© Foto: Sony BMG)
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Seit mehr als 30 Jahren entwerfen die Australier äußerst erfolgreich (sie haben bisher mehr als 200 Millionen Alben verkauft) ein Gefüge aus Sprache, Gesten und Sound, das den wechselnden Moden des Pop trotzt und zum verbindenden Mythos für die Fans wurde. Ein Hard-Rock-Brauchtum, in dem es keine Überraschungen gibt und das festen Regeln folgt. Jedes neue AC/DC Album fügt dieser Rockerzählung aus Teufelshörnern, kleinem Gitarristen in Schuluniform, Höllenglocken und Sprengstoff nichts hinzu - es fügt sich ein.
"Black Ice" (Columbia/Sony, 2008), das 15. AC/DC-Studioalbum und das erste seit acht Jahren, ist da keine Ausnahme. Es könnte auch Anfang der achtziger Jahre aufgenommen worden sein und "Back in Black II" heißen. Jedes Stück ist eine Variation des einen immerwährenden Stücks, das AC/DC seit 35 Jahren spielen.
"Rock N Roll Train", der erste Song des neuen Albums, folgt dem Schema. Er beginnt mit ein paar Powerchords und einem druckvollen, simplen Beat. Nach ein paar Takten setzt Brian Johnsons hohe krächzende Stimme ein. Der Refrain schließlich ist so einfach gestrickt, dass man ihn auch noch nach zehn Fosters problemlos mitgrölen kann: "Runaway train / Running right off the track". Der Refrain wird geloopt, und irgendwann fingert Angus Young eines seiner schnellen, sehr sparsamen Solis über den schnaubenden Rhythmus. So setzt sich das über die 15 Songs fort.
Alles geht
Eine Ausnahme ist allenfalls "Anything Goes". Mit dem postmodernen Diktum weht ein wenig ZZ-Top-Rock-Boogie-Fröhlichkeit und melodiöser Schwung durch den Song. In den engen Grenzen des AC/DC-Sounds muss man das fast schon experimentell nennen. Sonst bleibt das verbindende Element die Simplizität der Struktur, die AC/DC schon immer von den pseudovirtuosen Barock-Hard-Rockern mit ihren doppelhalsigen Instrumenten unterschied.
Bei AC/DC geht es nicht um Muckertum, es geht um Wucht. "Skies on Fire", "Smash N Grab", "Stormy May Day" heißen Songs auf "Black Ice", denen ein gemeinsames Thema zugrunde liegt - die Zerstörung von Barrieren. Das Einreißen einer Wand ist ein Topos, der in den Bühnenshows und in den Musikvideos der Australier immer wieder auftaucht. Ein Symbol für das Ende des Bewusstseins und den Beginn des Rauschs.
"Come on, let's blow your mind!", singt Brian Johnson. Jedes Stück auf Black Ice trägt den Willen zur Katharsis im Rock in sich, bis es abrupt endet, so als würde es sich nach einer Überdosis Testosteron plötzlich übergeben.
Nicht jeder der 15 Songs kann das Energielevel halten. Trotzdem werden AC/DC jetzt fast einhellig gefeiert. Weil sie sich nicht verbiegen lassen, unbeirrbar ihren Weg gehen, weil sie ihrem Stil treu bleiben. Die üblichen Forderungen nach ständiger Neuerfindung, nach Innovation, für AC/DC gelten sie nicht. Ihr Rockentwurf scheint das Bedürfnis zu befriedigen, eine verlorene Zeit wieder in die Gegenwart zu holen.
Alte Freunde
Mancher Kritiker schwelgte in Kindheitserinnerungen, erinnerte sich an die Zeit, als er das erste Mal "Highway To Hell" hörte, an die beglückenden Momente des Aggressionsabbaus, die der Song ihm bescherte, und gestand gar seine aufrichtige Liebe zu Bon Scott, dem Anfang der achtziger Jahre am Alkoholismus und eigenem Erbrochenen zugrunde gegangenen ersten Sänger der Band.
Für echte Fans sind Angus Young und seine Bandkollegen wie alte Freunde, die alle paar Jahre vorbeischauen und immer die gleichen Witze erzählen, über die man dann trotzdem noch lachen kann. Erwartbar, aber nicht enttäuschend. Wenn ein Fan das erste Riff von "Black Ice" hört, frohlockt er euphorisch - "Mensch, zum Glück ist es wie immer!" -, um dann eine kleine Träne wegzudrücken, weil ihn die Nostalgie überwältigt - "Weißt du noch wie wir zu ,TNT'..."
Brian Johnson erzählt in seinen Texten von Frauen mit großen Brüsten, die warme Umarmungen spenden, von Streitereien, die mit einem ordentlichen Faustkampf ausgetragen werden. Ein Mann steht hier seinen Mann - und zu seinem Wort. Ehrlichkeit herrscht, jeder bekommt das, was er verdient und die Fans jedes Mal die gleichen Riffs.
Ein Quäntchen Trost
"Sie haben einen sehr puristischen Zugang und machten immer instinktiv das Richtige für die Fans. Sie denken langfristig und sind nicht auf Profit aus", sagte Steve Barnett, der Chef des AC/DC-Labels Columbia Records, der New York Times. Nun ja. Tatsache ist jedenfalls, dass die Band im Gegensatz zu allen anderen großen Rock-Institutionen ihre Stücke nicht bei iTunes anbietet. Kein Song des neuen Albums und auch kein alter steht im Netz zum legalen Download zur Verfügung. Trotzdem wurde "Black Ice" in den ersten zwei Tagen nach der Veröffentlichung allein in Deutschland 170 000 Mal verkauft. Platten werden eben im Plattenladen verkauft. Das war schon immer so, und so soll es bleiben. Klare Orientierung, keine Widersprüche, good ol' times auch hier.
Nur weil eben genau so das Konzept AC/DC funktioniert, kann die Band, trotz ihres unübersehbaren körperlichen Verfalls, für die Dauer eines Albums oder Konzerts alterslos erscheinen. Und ihre Fans können sich ebenso fühlen. Der einhellige Jubel zur neuen Platte hat also einen einfachen Grund: Trost.
(SZ vom 22.10.2008/rus)
Ihre seltsam gestelzte Wortakrobatik, genau, man erkennt sie an der Sprache. Und alle sprechen gleich. Sie schreiben für sich selbst und lieben sich auch selbst. Fast nie hat man den Eindruck, dass sie auf die Musik eingehen und sie so verstehen wie sie gemeint ist. Das gelingt ihnen höchstens bei Musikern ihrer eigenen Generation oder Nachgeborenen. Die Vorgängergenerationen fallen durchs Raster. Traditon wird negiert oder gering geschätzt. Respekt vor Größen der Rockgeschichte ist in Gänze nicht vorhanden. Dabei wird diese Musik noch gehört werden, wenn diese Jungkritikaster selbst schon Opas sind.
Und wie schon bei der Konzertkritik in München fälschlich formuliert, sollte man den Unterschied zwischen Hardrock und Bluesrock kennen, wenn man über AC/DC schreibt. Deshalb nochmal mein Vorschlag zur Güte: Belasst es beim Rock`n Roll.
...neben der Kritik an der fachlichen Kompetenz von Herrn Sarreiter bleibt noch anzumerken, dass ein Journalist der Süddeutschen Zeitung sich zumindest jenseits der Grundkenntnisse der deutschen Sprache bewegen sollte. Auch ein wenig bildungsbehaftete Musiker weiß eigentlich, daß die Mehrzahl von Solo nicht Solis sondern Soli heißt. (Außer die neue Rechtschreibung lässt dies zu, dann möchte ich mich vielmals entschuldigen)
Ich hoffe, das nimmt sich die SZ-Redaktion auch für zukünftige Recherchen zu Herzen...
und in der Tat: der Artikel aus der York Times zeigt, was guter Journalismus ist. Ein Journalist darf ruhig kritisieren, aber er sollte doch bitte auch Ahnung haben, von was er da schreibt.
hat die SZ keinen Mitarbeiter beauftragt, der das neue AC/DC-Album, angemessen will ja gar nicht erwarten: kompetent rezensieren kann oder will?
Benedikt Sarreiter berichtet uns von unübersehbar körperlich verfallenen, üblichen Verdächtigen, Präsidenten einer Parallelwelt des Pop unter alten Hüten (ja, richtig: Keine Baseballkappen, widerlich!), die in den engen Grenzen ihres Sounds einen simplen Beat mit gelooptem Refrain (fast Techno?! Wow!) in postmodernem Diktum präsentieren, Stücke, deren Struktur-Simplizität und schnaubender Rhythmus irgendwann durch schnelle, sparsame (immerhin!) Soli überfingert werden und abrupt enden, als würden sie sich nach einer Überdosis Testosteron plötzlich übergeben (welch lyrischer Klischee-Erguss), um gleichzeitig und unaufhörlich die üblichen Forderungen (Herrn B.S.s?) nach ständiger Neuerfindung, Innovation, zu missachten.
Der am eigenen Erbrochenen zugrunde gegangene Bon Scott wird da bin ich mir sicher mit überaus genüsslichen Wohlbehagen von seiner Wolke auf das herabschauen und vor allem hören, was seine hier unten verbliebenen Mitstreiter gemeinsam mit seinem Nachfolger, von Herrn Sarreiter so unverhohlen und atemlos beklagt, werkgetreu immer und immer wieder wiederholen.
Warum das so viel Lob erfährt? Trost? Ach, was! Trost über das Älterwerden brauchen nur Menschen, die Probleme damit haben. So wie möglicherweise der Rezensent, der mir in seinem Artikel nicht gerade ein übersprudelndes Herz für den in seinen Augen verfallenden Gegenstand seiner Bemühungen zeigt, von überwältigender Ahnung über das Thema Hard Rock ganz zu schweigen.
AC/DC-Fans lieben einfach gute Musik und freuen sich, wenn sie die als Black Ice zu hören bekommen Und das um des Rocker-Himmels Willen noch hoffentlich sehr, sehr lange und, Bitt schön!, möglichst wenig innovativ! Denn genau so ist es richtig, auch in hundert Jahren noch.
p.s.:
Eine kompetente Rezension zu Black Ice hat Robert Levine in The New York Times schon am 12. Oktober 2008 geschrieben. Siehe: http://www.nytimes.com/2008/10/12/arts/music/12levi.html?ref=music
Das braucht niemand, dass Angus & Co oder Lemmy anfangen, moderne -ähh, was ist denn eigentlich modern? - Mukke zu machen, das soll rocken und sonst nichts.
Ist doch super, dass es Dinge im Leben gibt, auf die man sich verlassen kann. Wo AC/DC drauf steht, ist auch Rock drin. Gleiches gilt für Motörhead und viele andere.
Wenn man als Autor/Renzensent mit dem Lebensgefühl, das solche Bands transportieren oder eher reflektieren (wenn man AC/DC und Motörhead überhaupt in einen Topf schmeißen will), nichts anfangen kann, dann sollte man besser nichts schreiben. Vor allem, wenn man offenkundig keine Ahnung hat. Wieso vergleicht der Autor "Black Ice" mit "Back in Black"? Wegen dem "Black" im Albumtitel? Wie originell, ein Wortspiel, brilliant. Gehört hat der Autor "BinB" wohl nicht, sonst wäre ihm aufgefallen, dass das seinerzeit ein in weiten Teilen sehr schweres, heftiges, wirklich eine hardrockiges Album war. Black Ice ist für mich einfach Boogie und Rock`n`Roll, ähnlich wie bei "Stiff Upper Lip" sind alleine schon die Gitarrensounds weit weniger verzerrt als früher, beide Gitarristen spielen jetzt einen crunchigeren Sound, so wie Malcolm immer schon, Angus brät bei den Riffs und Chords lange nicht mehr so rum wie beispielsweise bei Hells Bells, Thunderstruck oder gerade auf den Livealben zu hören. Es dominieren lockere Riffs, die Musik kommt weitaus lockerer, fast schon fröhlicher daher, als in den 80ern und 90ern, mehr Boogie und Blues-Roots, keine Heavy-Anklänge mehr. Mir gefallt das gut, wenn ich auch das schwere Zeug a la Hells Bells, Razors Egde, For those about to rock immer noch gerne mag (da kann man schön mitspielen und richtig laut Krach machen und sich mal die Löffel gscheit durchpusten...hehe).
Nun, meiner Meinung nach hat sich AC/DC über die Jahre sehr wohl entwickelt, Black Ice ist keineswegs ein Aufwasch der früheren Scheiben. Das Problem ist nur, dass der Autor leider keinen Plan von härterer Rockmusik, geschweige denn von AC/DC hat. Schade, Burschi, aber vielleicht fällt der Groschen ja noch. In der Zwischenzeit empfehle ich: Erst mal hinhören, dann nachdenken und dann evtl. den Auftrag für den Artikel eher ablehnen, als solch unsubstantiierten Mist zu schreiben. Noch was: Welchen Sound mag der Autor denn eigentlich so richtig gerne, das wäre mal interessant. Obwohl, eigentlich is es wurscht, aber lasst ihn bitte keine Rockalben mehr besprechen, wegen der Platzverschwendung und so...
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