23. Dezember 2012, 09:28 Tanz-Musik-Drama "Lo Real/Le Réel/The Real" Vernichtungsflamenco

Madrid streitet über ein Tanzstück, das Hitler und Flamenco verbindet. Israel Galvàn inszenierte das Drama, welches vom Massenmord an den Sinti und Roma, aber auch von der seltsamen Anziehungskraft erzählt, die die "Zigeunermusik" auf die NS-Kulturelite hatte. Bei der Premiere verließ ein Teil des Publikums das Teatro Real hörbar indigniert.

Von Thomas Urban

Schon im Vorfeld war sich die Madrider Presse einig, dass Gerard Mortier, der künstlerische Leiter des Teatro Real, ein großes Wagnis mit seiner neuen Welturaufführung eingeht: Das Tanz-Musik-Drama "Lo Real/Le Réel/The Real" ("Das Wirkliche") von Israel Galvàn verbindet Flamenco und Hitler. Es erzählt vom Massenmord an den Sinti und Roma, aber auch von der seltsamen Anziehungskraft der "Zigeunermusik", die die NS-Kulturelite in ihren Bann schlug.

Galvàn ist der nicht unumstrittene Star des Nuevo Flamenco aus Sevilla, der ihn als eigenständige dramatische Kunst an die Pantomime herangeführt hat. Ein sehr positives Echo fanden in den letzten Jahren sein Solo nach Franz Kafkas Erzählung "Die Verwandlung" sowie "Das Ende dieses Zustandes der Dinge".

Heimliche Faszination für diese "afrikanische Kunst"

Galvàn tanzt auch die Hauptrolle: einen SS-Mann in schwarzer Uniformhose mit schweren Hosenträgern, die gleichzeitig Peitsche und Fessel sind. Zwei Tänzerinnen aus der Sevillaner Schule des Flamenco clásico stehen für die gepeinigten Gitanos, die Sinti und Roma. Sie veranschaulichen die Spannung zwischen der offiziell bekundeten Verachtung der Nazis für diese "afrikanische Kunst" und ihrer heimlichen Faszination.

Isabel Bayón und Belén Maya stellen den Flamenco als oft schmerzerfüllte Suche dem glatt polierten, scheinbar stets erotische Lebensfreude verströmenden Kostümtanz mit Kastagnetten gegenüber, wie er bei den Nazis gefragt war.

Die Eltern Galvàns stammen aus Gitano-Familien, die sich dem traditionellen Flamenco verschrieben haben, der Vater war zudem Zeuge Jehovas; beide Gruppen wurden von den Nationalsozialisten verfolgt. Galvàn, 39, hat sich seit seiner Jugend in das Thema tief hineingearbeitet, daher rührt ihm zufolge das Bestreben, in seiner Kunst die Berührung von Tanz und Tod auszuloten.

Unmittelbarer Anlass für "Lo Real" war für ihn seine Auseinandersetzung mit dem Film "Tiefland" von Leni Riefenstahl nach der Novelle des nationalpatriotischen spanischen Schriftstellers Angel Guimerà. Er handelt von einem Konflikt zwischen Dorfbewohnern und ihrem Fronherrn.

Für "Tiefland", in dem Riefenstahl selbst die weibliche Hauptrolle übernahm, ließ sie Sinti und Roma aus den "Zigeunerlagern" Maxglan bei Salzburg sowie Berlin-Marzahn Rastplatz rekrutieren. Angeblich stellte sie ihnen in Aussicht, sich bei der SS-Führung für sie zu verwenden, brach dieses Versprechen aber. Der Film kam erst 1954 in die Kinos, die Szenen mit den "spanischen Komparsen" waren herausgeschnitten. In "Lo Real" wird das Geschehen um den Film angedeutet, Kamera und Scheinwerfer aufgefahren.

Die Zerrissenheit des Nazis zwischen Rassenlehre und dem heimlichen Aufgeilen an den "Zigeunertänzen" verkörpert ein Klavier: Als es aufklappt, offenbart es seine innere Zerstörung. Die Klaviatur wird weggezogen, die Saiten bilden nun den Elektrozaun des KZ.

Eine Gefangene kommt erst darin um, überwindet dann aber tanzend den todbringenden Zaun. Sie tanzt auch zum Lied "Hitler in my heart"von Antony and the Johnsons, das laut Galvàn nicht zufällig im Fandango-Rhythmus, einer Flamenco-Art, geschrieben ist; auch der "Tango des Todes" von Edoardo Bianco, den Roma-Musiker im Lemberger Ghetto gespielt haben, scheint auf.

Disharmonische Geräusche veranschaulichen den NS-Terror

Galvàns Flamenco-Ensemble erzeugt auf vielfache Art disharmonische Geräusche, die das Grauen des NS-Terrors veranschaulichen sollen: knallende Peitschen, übersteuerte Elektrogeräte, das Kratzen und Kreischen von metallenen Zaunpfählen, die über den Boden gezogen werden, Rauschen und Stampfen einer Lokomotive - in Viehwagen wurden die Sinti und Roma nach Auschwitz gebracht. Die lakonische Erklärung dazu kommt auf Deutsch.

Ein Teil des Madrider Premierenpublikums verließ während der Aufführung hörbar indigniert das Teatro Real - der andere Teil feierte Israel Galvàn und Gerard Mortier. 2013 kommt das Stück auf mehrere europäische Bühnen, es wird auch bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen aufgeführt. Eigentlich ist es ja ein Stück vor allem für die Deutschen.