65. Filmfestspiele in Venedig Die Einsamkeit der Heldinnen

Die Filme der 65. Mostra handeln viel von versehrten Frauen. In ihrem Kampf um Freiheit wissen sie nicht, wie sie die damit einhergehende Einsamkeit ertragen sollen.

Von Susan Vahabzadeh

Der Lido, leerer als sonst in diesem Jahr, wird beherrscht von mäkeliger Unruhe, von der Hitze gelähmt. Weil die mit Pomp inszenierten Mega-Premieren fehlen. So aber kann man die leisen Stimmen besser hören, die sonst im Geschrei des Starrummels untergehen.

Die Filme der 65. Mostra haben einander viel zu sagen, ihre Heldinnen besonders, die ihre Freiheit erkämpft haben und nun nicht wissen, wie sie die Einsamkeit, die sie birgt, ertragen sollen.

Sei selbst Herr deines Schicksals und gib dich dabei wie eine Dienerin - so lebt Barbet Schroeders Geisha ihr Leben in "Inju". Ich kann nicht, antwortet Emma aus "Un giorno perfetto", immer wieder, und die Frau in "L'autre', die herausfindet, dass eben diese andere, die ihr den Geliebten genommen hat, Teil ihrer selbst ist, zieht sich immer mehr in diese unheimliche Zweisamkeit zurück.

Über den Zustand des Weltkinos hat dieser Wettbewerb allemal etwas zu berichten - dass es im Kino nicht um die großen Gesten geht, sondern um die kleinen, den Leben abgerungenen Wahrheiten.

Claire Denis, deren "35 Rhums" außer Konkurrenz lief, verzichtet sowieso darauf, sich mit ihrem Kino in Positur zu werfen. Eine urbane Kleinfamilie, vier Menschen in einem Haus, die zusammenhalten: Vater und Tochter, die Frau nebenan, die den Vater seit Jahren liebt, der junge Nachbar, der sonst niemanden hat und gern so tut, als mache ihm das nichts aus.

Alle sind Immigranten, es geht ihnen ganz gut mit ihren Jobs, aber sie haben ganz kleine Lebensentwürfe, ohne jede Aussicht auf mehr als das Zusammensein. Eine leise, melancholische Geschichte von der Mühsal, das wenige, was einen glücklich macht, festzuhalten.

Die hohe Kunst der Prätention

Auch Guillermo Arriagas Regiedebüt "The Burning Plain" erzählt vom alleinerziehenden Vater, aber das ist dann schon die einzige Gemeinsamkeit. Dieser Film will unbedingt alles zur Explosion bringen, zur Not auf Kosten der Glaubwürdigkeit.

Zwei Handlungsstränge gibt es - eine mexikanischstämmige Familie, deren Vater mit seiner amerikanischen Geliebten, ebenfalls verheiratet, verbrannt ist; und eine Frau im Norden der USA, der ein fremder Mexikaner folgt.

Damit das zusammenfindet, hat Arriaga so viele Zufälle bemüht, dass sie für den ganzen Wettbewerb reichen würden. Charlize Theron spielt die Amerikanerin, eine konfuse Gestörte, und sie macht das meisterlich, denn diese Frau verhält sich nicht in einer einzigen Szene nachvollziehbar: Sie bleibt ein spekulativ am Reißbrett entworfenes Fabelwesen.

Manches der erzählerischen Teilchen - die verheiratete Frau beispielsweise, Kim Basinger, und ihr Ringen um die Zurückeroberung ihres Körpers nach einer Brustkrebsoperation - hätte für eine wundervolle Geschichte getaugt, wäre das nicht auf den Knalleffekt angelegt, wie Basinger sich die Bluse aufreißt.

Wie "21 Gramm" und "Babel", die Arriaga für Alejandro González Iñárritu schrieb, balanciert "The Burning Plain" zwischen Herzschmerzroman-Weisheiten und unplausibel konstruiertem Super-Drama - nur sehen Iñárritus Filme besser aus.

Auch "The Burning Plain" bietet eine aufgebrochene Chronologie der Szenen, ohne assoziativ sinnvolle Neuordnung. Das ist die hohe Kunst der Prätention.

Der Film passt trotzdem, irgendwie, in die Assoziationskette, die der Wettbewerb auslöst, der sich gerade auf die Frauen konzentriert, ihren Kampf um Unabhängigkeit.

Krieg gegen das eigene Spiegelbild

"L'autre" von Patrick Mario Bernard und Pierre Trividic erzählt von einer alleinstehenden Frau Ende vierzig, die anfängt, der neuen Freundin ihres Exgeliebten nachzustellen - es ist faszinierend, ihr zuzusehen, wie sie ihrem Spiegelbild nach und nach den Krieg erklärt, nicht nur dem ältergewordenen Gesicht, sondern vor allem der anderen Person, die in ihr wohnt - eine verbitterte Fremde.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, in welchem Wettbewerbsbeitrag das Kino den Emotionen freien Lauf lässt.

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