Sprachtests Lernziel Deutsch

In vielen Bundesländern müssen schon Vierjährige zu Sprachtests antreten. Der Nutzen der Kurse ist allerdings fraglich.

Von Felix Berth

Nun testen sie wieder. Mehrere tausend Grundschullehrer in Nordrhein-Westfalen begutachten in diesen Wochen mehr als 60.000 Kinder. Sie sollen herausfinden, wie gut die Vierjährigen mit der deutschen Sprache zurechtkommen: Können sie auf einem Tierbild das kleine Küken finden und darauf zeigen? Fällt ihnen die Aussprache von Kunstwörtern wie "Jakedu" schwer? Sind sie fähig, den Satz "Der Hund wird von Paul gefüttert" nachzusprechen? Können die Kinder erklären, was sie auf dem Bild eines unaufgeräumten Kinderzimmers sehen?

Sprachtests für Vierjährige; dpa

Prüfung am Spielbrett: Nordrhein-Westfalen testet alle Kinder mit einem Sprachtest namens "Delfin".

(Foto: Foto: dpa)

Schneidet ein Kind schlecht ab, bleibt viel Zeit für die Sprachförderung. Erst zwei Jahre nach dem Test kommen die Mädchen und Jungen in die Schule. Pro gefördertem Kind zahlt das Land den Kindergärten 340 Euro im Jahr; mit diesem Geld können sie Erzieherinnen fortbilden oder externe Sprachtrainer für die Kinder ins Haus holen. Schulministerin Barbara Sommer (CDU) verweist stolz auf die 28 Millionen Euro, die Nordrhein-Westfalen für die Sprachförderung aufwendet; im Jahr 2005 waren es nur sieben Millionen.

Sprachdefizite bei zu vielen Kindern

Frühe Sprachtests sind auch in anderen Bundesländern verbreitet. Die Ministerien lassen dafür Aufgaben entwickeln, sie schulen Mitarbeiter für die Prüfungen und bezahlen die anschließende Förderung der Kinder. Doch es stellen sich Fragen: Sind die Tests wirklich notwendig - oder sind alternative Verfahren, bei denen Erzieherinnen die Kinder im Alltag beobachten, genauso gut, aber preiswerter? Auch die spätere Sprachförderung ist nicht unbedingt erfolgreich: Zwei neue empirische Studien über Förderangebote stellen vernichtende Zeugnisse aus.

Konsens in Politik und Wissenschaft ist, dass zu viele Kinder Sprachdefizite haben. Je nach Stadt und Region können derzeit ein bis zwei Drittel der eingeschulten Kinder, deren Eltern Migranten sind, dem Unterricht nicht richtig folgen. Die größten Probleme haben Kinder aus türkischen Familien. Bei einer Untersuchung in Mannheim zeigte sich, dass ein Drittel von ihnen erhebliche Schwierigkeiten mit dem Deutschen hatte, in Osnabrück waren es 50 Prozent. Kinder, deren Muttersprache Deutsch ist, haben erwartungsgemäß seltener gravierende Sprachprobleme. In Mannheim traf dies nur auf zwei Prozent der Getesteten zu.

Wie die Sprachdefizite zu beheben sind, darüber diskutieren Politiker und Beamte in den Ministerien nun seit einigen Jahren - "eine erfreuliche Entwicklung", wie Karin Jampert vom Deutschen Jugendinstitut sagt, "zumal die Politik bereit ist, Geld für die Förderung auszugeben." Allerdings ist den Politikern die schnelle Tat oft wichtiger als das nachhaltige Ergebnis.

So hat fast jedes Bundesland ein eigenes Testverfahren entwickeln lassen, stets mit Blick darauf, dass Autoren aus dem eigenen Land beschäftigt wurden. Bundesweit sind zehn Verfahren im Einsatz - eine Folge des Föderalismus in der Bildungspolitik. Und alle kämpfen mit Startschwierigkeiten. Auch in NRW wurde gerade wieder nachgebessert; trotzdem moniert die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, der sogenannte Delfin-Test erfasse gar nicht alle Problemkinder.

Zusatzkurs oder kontinuierliche Förderung

Während der Sprachtest in Nordrhein-Westfalen für alle Vierjährigen verpflichtend ist, sind andere Länder zurückhaltender. Rheinland-Pfalz bestellt nur Kinder ein, die nicht in eine Kita gehen. Alle anderen beobachten die Erzieherinnen anhand eines detaillierten Fragebogens, der ihnen einen Eindruck vermitteln soll, wo welches Kind in der Sprachentwicklung steht. Was die Kindergärtnerin dadurch erfährt, kann sie im Alltag nutzen - anders als in Nordrhein-Westfalen, wo die Tests von Grundschullehrern abgenommen werden. Preiswerter ist das Verfahren in Rheinland-Pfalz obendrein, weil es weniger Personal benötigt und die Fragebögen vom Bayerischen Staatsinstitut für Frühpädagogik importiert sind. Politisch freilich hat es einen Nachteil: Es läuft unauffällig im Kindergarten, weshalb es nicht für Fototermine mit Politikern taugt.

Am Ende entscheidend ist die Frage, wie man Kinder unterstützen kann, deren Sprachprobleme erwiesen sind. Auch hier erproben die Bundesländer viele Konzepte, deren Zahl durch die Autonomie der Kindergärten potenziert wird: Manche kümmern sich seit Jahren intensiv um das Thema, anderen ist es egal. Manche setzen auf zwei Stunden Zusatzkurs pro Woche, andere bemühen sich um eine kontinuierliche Förderung.

Wirkungslose Kurse

Was wirklich hilft, ist nicht erforscht, weil sich jahrzehntelang fast niemand dafür interessierte. Bis vor wenigen Monaten gab es in Deutschland kaum eine brauchbare empirische Untersuchung über den Nutzen einzelner Förderprogramme. Immerhin arbeiten in Baden-Württemberg nun zwei Forscherteams an dem Thema; sie haben inzwischen erste Ergebnisse veröffentlicht. Fatales Resultat: Einjährige Kurse, die pro Woche zwei Stunden zusätzliche Förderung vorsehen, sind weitgehend wirkungslos. Zwar lernen Kinder, die schlecht Deutsch sprechen, dazu. Doch das tun auch Migrantenkinder, die nicht in Förderkurse gehen - ähnlich wie jene, deren Deutsch ohnehin gut ist. "Keine Annäherung zwischen den Leistungsniveaus", lautet die ernüchternde Bilanz der Studienautorin Karin Schakib-Ekbatan.

Dass Sprachförderung sinnlos ist, wäre jedoch der falsche Schluss. Zum einen handelt es sich um erste Befunde in einem Feld, das in Deutschland bislang empirisch nicht erforscht wurde. Zum anderen stellen die Studien allein die Zusatzkurse in Frage, die in vielen Kitas laufen. "Es hat wenig Sinn, wenn ein Kind eine Stunde lang spielerisch den Plural übt", sagt Karin Jampert. Sprachförderung müsse in den Alltag eingebunden sein. Dafür müssten Erzieherinnen aber besser ausgebildet werden.

"Nur eine Erzieherin, die die Sprachentwicklung der Kinder genau wahrnimmt, kann gut unterstützen", sagt Gudula List, Psychologin an der Universität Köln. Erst wenn sie erkenne, dass ein Kind sich an unregelmäßigen Verben versucht oder mit dem Dativ experimentiert, könne sie gezielt Lernprozesse anstoßen. Dann sei im Kindergarten vieles möglich. Sprache sei bei Bewegungsspielen ebenso vermittelbar wie beim Singen, beim Vorlesen oder beim Besprechen von kleinen Experimenten. "Wichtig ist, dass die Wörter gehaltvoll werden", sagt Jampert. Das gelinge bei Vier- oder Fünfjährigen nicht in Unterrichtssituationen.