Von Birgit Taffertshofer

Kinder, die in eine Sonderschule abrutschen, haben ihre Zukunft oft schon verloren - die Politik kümmert das nicht.

Politiker reden gerne über Bildung. Das Thema steht für Zukunft, es transportiert Wärme und Weitblick. "Jedes einzelne Kind muss optimal gefördert werden", sagt Jürgen Zöllner, Präsident der Kultusministerkonferenz. Und dies dürfte auch im föderalen Deutschland Konsens aller Sonntagsredner sein.

Sonderschüler

Fast jeder 20. Schüler besucht eine Sonderschule. (© Foto: picture-alliance)

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Wie weit die Schulen von dieser Zielvorgabe entfernt sind, zeigt sich in der Kolkrabenschule, einer von 33 Sonderschulen in Köln. In dem grauen Flachbau am Westfriedhof lernen Kinder, die als lernbehindert gelten. Hier sitzen die Armen, die Vernachlässigten, die Aggressiven, die Migranten. Wohlgemerkt: Die Förderschule am Kolkrabenweg gehört zu den besten in Nordrhein-Westfalen. Trotzdem schafft nur jedes dritte der 240 Kinder einen Schulabschluss.

Schulleiterin Christiane Vogt hat miterlebt, wie sich das Klima in der Gesellschaft geändert hat, in der nur noch Wissen zählt. Wie der Druck wuchs, Störer und Langsamlerner möglichst schnell abzuschieben. Wie die Probleme vieler Schüler zunahmen, weil deren Eltern mit dem Leben überfordert sind. Und wie der Staat gerade bei den Schwächsten sparte und weiter spart.

Eine echte Ganztagsschule will die CDU/FDP-Regierung in Nordrhein-Westfalen den Förderschülern nur selten finanzieren. "Zu teuer, heißt es", sagt Vogt. Dabei bräuchten gerade ihre Schüler mehr Erziehung und mehr Zeit zum Lernen.

Politik der Absonderung

Die Sonderschule bleibt eine vergessen Schule, auch wenn momentan so viele über gerechte Bildungschancen reden. Selbst die Pisa-Studien haben Sonderschüler kaum berücksichtigt. Doch deren Zahl wächst.

In Deutschland besucht mittlerweile fast jeder zwanzigste Schüler eine Sonderschule. Im Jahr 2003 waren es laut Statistik der Kultusministerkonferenz 430.000 Kinder, zehn Prozent mehr als noch Mitte der neunziger Jahre. 85 Prozent der Schüler, die nach der offiziellen Definition im Regelunterricht "nicht oder nicht ausreichend" gefördert werden können, lernen unter Kindern mit ähnlichen Schwierigkeiten. Die Hälfte von ihnen besucht eine Förderschule für Lernbehinderte.

In manchen Bundesländern gibt es zehn verschiedene Arten von Sonderschulen. Eine Schulform, die es im Ausland oft gar nicht gibt. Vernor Muñoz, UN-Inspektor für das Recht auf Bildung, attestierte Deutschland deshalb eine "Politik der Absonderung". Die Kultusminister hielten dem Costa-Ricaner anschließend vor, er habe keine Ahnung vom deutschen Bildungswesen.

Doch mit seiner Kritik an der Sonderschule steht Muñoz keineswegs alleine da. Auch deutsche Experten für Sonderpädagogik fordern, diese Schulart abzuschaffen. Und selbst Franz Rumpler, Vorsitzender des Interessenverbandes für Sonderpädagogen, würde seine Schule am liebsten zusperren. "Wenn die Regelschule einen guten Unterricht bietet", sagt er, "sind Förderschulen überflüssig".

Die Politiker machen allerdings wenig Hoffnung. Selbst in Bundesländern wie Hamburg, wo die Schulstruktur von Grund auf reformiert wird, bleiben die Sonderschüler im Abseits. Neben dem "Zwei-Säulen-Modell" aus Gymnasien und Stadtteilschulen wird es dort weiterhin den Sonderschulbereich geben.

Zwar tüfteln viele Kultusministerien an einer Lösung, wie man den Unterricht effektiver machen kann, aber von einer Auflösung der Förderschule wagt bisher nur die Opposition zu sprechen. Vor allem die konservativen Landesregierungen setzen lieber darauf, die Grenzen zwischen den verschiedenen Schularten durchlässiger zu machen. Kindern, die in die Förderschule abgesackt sind, soll der Weg zurück nicht versperrt bleiben.

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