Schulboykotteure Schule schwänzen, weil der Herr es so will

Die Hamburger Familie R. ist auf der Flucht vor den Behörden - die Bibel, glauben die Eltern, verbietet ihren Kindern den Schulbesuch.

Von Ralf Wiegand

Es dürfte keine bequeme Reise gewesen sein, acht Menschen in einem Wohnmobil und dazu alles, was einem an Besitz wichtig ist. Sie ist ja nicht einfach nur in Urlaub gefahren, die Familie R. Niemand weiß, ob sie überhaupt zurückkehren wird ins Reihenendhaus in Hamburg-Bahrenfeld, viereinhalb Zimmer, kleiner Garten. Andre und die schwangere Frauke R. sind vermutlich eher ausgewandert.

Das Wohnmobil haben ihnen angeblich Nachbarn geliehen, aber das ist nur ein Gerücht von vielen. Sicher ist, dass sie am Sonntag mit unbekanntem Ziel aufgebrochen waren und in Österreich gesehen wurden. Bild hat ein Foto gedruckt, denn Familie R. ist "die Bibel-Familie" und auf der Flucht vor der Schulbehörde.

Andre, 43, und Frauke R., 38, haben ihre sechs Kinder mitgenommen, sie sind zwischen zwei und 15 Jahren alt. Vier von ihnen müssten zur Schule gehen. Seit Jahren streiten die Eltern mit den Behörden darum, ihre Kinder selbst unterrichten zu dürfen. Bis 2001 gingen die beiden ältesten Töchter noch auf eine private christliche Schule, ehe der Vater sie abmeldete. Tochter Nummer drei besuchte von Anfang an keine Schule, nun wurde auch das viertälteste Kind schulpflichtig. Anträge auf Befreiung von der Schulpflicht lehnte die Behörde ab.

Familie R. lebt offenbar in einer eigenen Welt, deren Gesetz nur die Bibel ist. Ihren Anträgen, den Kindern Heimunterricht erteilen zu dürfen, lag die Überzeugung zugrunde, dass Schulunterricht schädlich sei. Zu Hause ließe sich's besser lernen: keine Drogen, keine Gewalt, keine Freizügigkeiten, die vom Sexualkundeunterricht begünstigt würden.

Ihr Leben, schrieben die Eltern, basiere auf der Überzeugung, dass der Mensch von Gott geschaffen worden sei - und kein Ergebnis der Evolution sei. Gegen die Eltern R. wurden Buß- und Zwangsgeld verhängt, der Vater musste eine Woche in Erzwingungshaft. Er schickte die Kinder trotzdem nicht zur Schule. Nun peilen die Behörden den Entzug des Sorgerechts an. In Österreich dagegen ist "Homeschooling", wie die Bewegung heißt, Kinder statt in der Schule selbst zu unterrichten, unter bestimmten Umständen erlaubt.

In Hamburg besteht dagegen seit 2005 sogar Schulzwang. Schüler können "mit Vollstreckungsbeamten vorgeführt" werden, heißt es im Behördendeutsch. Die Regelung ist eine Reaktion auf den Hungertod der neunjährigen Jessica. Sie war durch alle Netze der Behörden gerutscht, von den Eltern weggesperrt worden und elend gestorben. Beamte schickten Mahnbriefe, weil sie nicht zur Schule kam. Mit der Polizei anrücken durften sie nicht.

Den Kindern der Familie R. dagegen geht es körperlich offenbar gut, das zeigen die Fotos. Daheim hatten sie nach Angaben der Nachbarn weder Fernsehen, Radio oder Zeitung. Die Mutter, Frauke R., ist Kinderarzthelferin, der Vater hat eine Lehrerausbildung nicht abgeschlossen. Sie leben von Kindergeld, Geschenken, Nachhilfeunterricht.

In ihrer Überzeugung, wonach Kinder nur im behüteten Zuhause aufwachsen sollten, sind die Eltern nicht alleine. Sie werden vom Frankfurter Anwalt Armin Eckermann vertreten, der mit dem Verein "Schulunterricht zu Hause" für "die Verwirklichung des grundgesetzlich garantierten Erziehungsanspruchs der Eltern" kämpft. Der Fall R. ist PR für die Homeschooling-Bewegung. Hunderte Kinder sollen in Deutschland aus ähnlichen Gründen bewusst von der Schule ferngehalten werden.