Wenn der Job mehr wert ist als die Gesundheit: Aus Existenzangst schleppt sich Anne Walther immer wieder krank zur Arbeit. Präsentismus nennen Mediziner das, immer mehr Deutsche sind betroffen.
Diese Kaltschnäuzigkeit hatte Anne Walther (Name von der Redaktion geändert) nicht erwartet. Mit leichter Verärgerung hatte sie gerechnet, einem kleinen Hinweis vielleicht, dass sie künftig besser auf sich achtgeben solle, damit sie nicht mehr krank werde. Doch als ihr der Chef über die Sekretärin mitteilen ließ, dass sie bei ihrer nächsten Krankschreibung keinen Lohn mehr erhalte, bekam sie Angst. Um ihren Job, ihre Wohnung, ihre ganze Existenz.
Anwesenheit um jeden Preis - mit Schmerztabletten statt Krankenschein. (© Foto: dpa)
Anzeige
Anne Walther arbeitet auf freier Basis fünf Tage in der Woche für eine PR-Agentur. Im Prinzip erledigt die 28-Jährige die gleichen Jobs wie ihre festangestellten Kollegen, nur bekommt sie dafür weniger Gehalt und weniger Rechte: keinen Kündigungsschutz und keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.
Das Gegenteil von Krankfeiern
Ihr chronisches Rückenleiden versucht sie deshalb einfach zu ignorieren. "Seit dieser Ansage aus meiner Firma gehe ich arbeiten, auch wenn der Arzt mich krankgeschrieben hat. Ich habe das Gefühl, dass ich es mir einfach nicht erlauben kann, zu fehlen."
Präsentismus nennen Arbeitsmediziner dieses Phänomen: Obwohl ein Mitarbeiter krank ist und sich elend fühlt, schleppt er sich zur Arbeit. Industrie und Forschung nehmen dieses Verhalten bislang kaum zur Kenntnis und beschäftigten sich lieber mit dem Gegenteil, dem Krankfeiern, auch Absentismus genannt.
Handfeste betriebswirtschaftliche Argumente
"Alle Unternehmen konzentrieren sich auf die Senkung der Fehltage", bestätigt der Arbeitsmediziner Hans Drexler von der Universität Erlangen. Dabei sei ein Krankenstand von null keineswegs normal. "Ein gesundes Unternehmen braucht auch einen gesunden Krankenstand. Der Zusammenhang 'Keine kranken Mitarbeiter - der größte Gewinn für die Firma' ist schlicht falsch."
In der Tat sind die Kosten, die der deutschen Wirtschaft durch kranke, aber trotzdem arbeitende Mitarbeiter entstehen, enorm - höher noch als die Kosten des Absentismus. Laut Schätzungen unterschiedlicher wissenschaftlicher Institute sind die finanziellen Ausfälle drei- bis siebenmal so groß und gehen in die Millionen.
Abgesehen von der moralischen Komponente gäbe es für Personalabteilungen also auch handfeste betriebswirtschaftliche Argumente, kranke Mitarbeiter nicht unter Druck zu setzen. Doch diese Erkenntnis hat sich bislang noch nicht herumgesprochen: In den vergangenen zehn Jahren ist der Krankenstand um mehr als 20 Prozent gesunken, 2007 fehlten jeden Tag durchschnittlich nur 3,21 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten - das ist der niedrigste Stand seit der Wiedervereinigung.
Betroffen sind Selbständige und Hochmotivierte
Zahlen der Bertelsmann-Stiftung sind ähnlich alarmierend: Demnach sind 71 Prozent der Deutschen innerhalb eines Jahres mindestens einmal zur Arbeit gegangen, obwohl sie sich eigentlich richtig krank gefühlt haben. Über 46 Prozent der Befragten - insgesamt über 1600 Arbeitnehmer - taten dies sogar mehrmals. Und 30 Prozent missachteten auch den Rat ihres Arztes, um in der Firma um jeden Preis anwesend zu sein.
Die Gründe für den zwanghaften Drang, sich keine Erholungsphase mehr zu gönnen und immer ins Büro zu gehen, sind vielfältig. Betroffen sind vor allem Selbständige, weil sie die Verantwortung für ihr Unternehmen und die Mitarbeiter tragen müssen. Auch die sogenannten Hochmotivierten gehören zur Risikogruppe: hektische, ungeduldige und sehr leistungsorientierte Mitarbeiter, die häufig parallel an mehreren Aufgaben arbeiten und deren Verhalten schnell in Arbeitssucht umschlägt.
Auf der nächsten Seite: Wie Anne Walther versucht, den Kreislauf aus Krankheit und Angst zu durchbrechen.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
- Die Kunst der Selbstausbeutung "Arbeitslose auf Bewährung" 16.10.2007
- Burnout Stillstand im Hamsterrad 20.12.2006
Die Zahl der Krankenstände in den letzten Jahren sinkt signifikant. Die ArbeitnehmerInnen sind aber nicht als gesund zu werten, denn sie gehen im vielen Fällen trotz Erkrankung arbeiten. Krank am Arbeitsplatz, sprich der Präsentismus kostet die deutsche Wirtschaft jährlich 120 Milliarden Euro. Präsentismus führt bei andauernder Belastung in letztlich zum endgültigen Zusammenbruch, dem Burnout. Hier setzt die Arbeit der Business Doctors an. Denn Vorbeugung ist in Unternehmen eine essentielle Notwendigkeit um die möglichen personalen sowie finanziellen Verluste bereits im Vorfeld einzudämmen. Beispielsweise kostet Burnout die Schweiz 4,8 Milliarden Schweizer Franken pro Jahr. Die irreparablen Burnoutfälle haben sich innerhalb von zwei Jahren verdoppelt.
Rechtzeitige zielgerichtete Maßnahmen und maßgeschneiderte Präventionspackages können dem gegensteuern. Sie ersparen der Wirtschaft und dem Gesundheitswesen das mehr als nötige Geld.
Um die Effizienz durch geeignete berufsspezifische Maßnahmen sowie durch innerbetrieblich einsetzbare Präventionspackages, bei minimalsten Kosten, zu erhöhen, führten die Business Doctors in 10 Berufsgruppen, eine Burnoutstudie durch.Infos,Zahlen Daten und Fakten unter: www.business-doctors.at
Danke für diesen Beitrag. Hier sieht man mal wieder, wie wichtig Gewerkschaften in diesem Land sind.
Schöne Grüße!
Frau Bönisch sollte, bevor sie so einen Artikel schreibt, zuerst mal die Unterschiede verschiedener Beschäftigungsverhältnisse recherchieren (freiberufliche, festangestellte etc.)
Bei einem freien Mitarbeiter z.B. ist es doch völlig klar, dass es keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gibt und dass er für seine soziale Absicherung selbst sorgen muss.
Die Dame soll sich doch mal mit "Birne" in Verbindung setzen und fragen, wie er das wohl mit dem "Freizeitparadies Deutschland" so gemeint hat.
Und sie sollte sich dringendst einen neuen, regulären Job als Festangestellte suchen, auch wenn sie da evtl. weniger verdient. Dann stimmt auch die Absicherung im Krankheitsfall.
Als Selbstständige / Freischaffende ist sie damit ja ganz offensichtlich überfordert.
Da wird einem von der Politik und der Wirtschaft immer wieder vorgehalten, dass die Deutschen also WIR zu faul sind. Zuviele Urlaubstage frei haben, zuviele Feiertage und vor ein paar Jahren waren wir auch zu oft krank.
Das einem/einer bei Krankheit ein Rauswurf angedroht wird zeigt von der Unmenschlichkeit die in "manchen" Unternehmen herscht. Früher war man krank und blieb zu hause. Nun setzt man seine Gesundheit des Jobs wegen aufs spiel.
Früher wurden auch ältere und Arbeitnehmer mit Familie als letztes entlassen. Jetzt sind die die ersten, weil sie nicht mehr so flexibel sind.
Schade, dass in diesem harten Globalisierungsgeschäft die sozialen und menschlichen Umstände immer mehr an Gewicht verlieren
Paging