Lästern mit Kollegen Klatsch im Büro - gefährliche Notwendigkeit

Am Kaffeeautomaten, in der Kantine, beim Rauchen: Klatsch im Büro ist allgegenwärtig. Das verändert auch unser Arbeitsverhalten.

Von Maria Holzmüller

Es kann überall passieren. Beim Mittagessen, in der Raucherpause, vor dem Kaffeeautomaten. Ein verschwörerischer Blick nach links und rechts - und dann kommen sie, die Informationen, die wir nicht brauchen, aber unbedingt wollen. Die Geschichte, wie die Kollegin aus dem Nachbarzimmer an ihren Job gekommen ist, wer kurz davor steht, entlassen zu werden - und zwischen wem mehr läuft als nur Teamarbeit.

65 Stunden jährlich

Klatsch und Tratsch gehören zum Büroalltag wie das tägliche Lamentieren über die Qualität der Kantine. Meistens geht es dabei um Veränderungen im Unternehmen, Kündigungen, Beförderungen oder Kollegen und Vorgesetzte. 65 Stunden jährlich verbringt der Angestellte damit, Büroklatsch zu verbreiten, wurde für eine Studie der Software-Firma Equisys ermittelt.

Das Gerede bringt Farbe in den grauen Bürokosmos. Aber oft genug schadet ein loses Mundwerk auch der eigenen Karriere - und das nicht nur, wenn einen der Chef dabei erwischt, wie man sich über dessen Krawatte lustig macht. "Klatsch hat einen schlechten Ruf, und das zu Recht. Er kann soziale Gefüge angreifen, Gefühle verletzen, Ansehen und Beziehungen zerstören, Projekte verzögern und Karrieren beenden", sagt Nicholas DiFonzo, Psychologe am amerikanischen Rochester Institute of Technology in der Fachzeitschrift Science.

Gerüchte bauen Ängste auf

Aber selbst wer versucht, sich aus dem Reigen des Lästerns herauszuhalten, wird durch die Gerüchteküche im Büro beeinflusst. Irgendetwas hört man immer.

Eine Laborangestellte, die in der Raucherpause erzählt bekommt, dass der Abteilungsleiter von Labor C ein totaler Kontrollfreak sei, wird in ihrer Wahrnehmung beeinflusst. Ob sie will oder nicht. Hört sie von seinen regelmäßigen Kontrollanrufen, entscheidet sie schon beim Zuhören, dass sie in seine Abteilung nicht wechseln will. Bekommt sie dann von anderer Seite zu hören, dass die neue Chefin in Labor D nur auf ihre eigene Karriere aus sei, wird auch diese Wechselmöglichkeit im Kopf gestrichen - ohne zu wissen, wie eine Zusammenarbeit tatsächlich aussehen würde.

Durch die verbreiteten Gerüchte bauen Zuhörer automatisch Ängste und Vorurteile auf, die ihrer eigenen Karriere möglicherweise schaden, ergab eine Studie des Fachmagazins Science. Wer in einer bestimmten Abteilung nicht arbeiten will, nur weil er Schlechtes über den Chef gehört hat, schränkt sich und seine Möglichkeiten unnötig ein. Dabei könnte der Vorgesetzte netter sein als man denkt und die Arbeit in seiner Abteilung endlich die gewünschten Freiräume bringen. Auch wenn andere Leute lästern - nur wer sich unvoreingenommen auf neue Situationen und Menschen einlässt, gibt seinen Entfaltungsmöglichkeiten den größtmöglichen Spielraum.

Wichtig für die soziale Stabilität

Also am besten sämtlichen Klatsch ignorieren? Oder gar verbieten, wie es eine PR-Agentur in Chicago 2007 versuchte, und drei Mitarbeiter feuerte, die sich nicht daran hielten? Nicht ganz, sagen Psychologen.

"Klatsch im Büro dient dem sozialen Zusammenleben. Er legt Regeln fest, an die wir uns halten, weil wir nicht wollen, dass andere über uns lästern", erklärt DiFonzo. Dem stimmt auch der Soziologe Christian Schuldt, Autor des Buches Klatsch! Vom Geschwätz im Dorf zum Gezwitscher im Netz zu: "Klatsch ruft dazu auf, sich an die Normen zu halten, die innerhalb einer Gruppe gelten." Er hält also im besten Fall davon ab, sich gesellschaftsschädigend zu verhalten. Wer nicht Opfer der nächsten Tratsch-Attacke werden will, verhält sich so, wie es den Regeln der Gruppe entspricht.

Für immer verbunden

Und damit nicht genug. In der richtigen Dosierung fördert Klatsch im Büro den Teamgeist der Mitarbeiter. Wer delikates Wissen mit seinen Kollegen teilt, fühlt sich enger mit ihnen verbunden. Gemeinsame Feindbilder schaffen Verbündete - und der einzelne Mitarbeiter fühlt sich gleich weniger allein: Über den Chef schimpfen als Wohltat für die Seele.

Klatsch im Büro bleibt also trotz aller Risiken das Salz im Arbeitsalltag. Nur die eigene Karriere versalzen sollte man sich damit nicht.