Bachelor und Master: Warum die neue Studienstruktur Unzufriedenheit auslöst - und wieso eine Reform der Reform nötig ist.
Mit dem Bachelor sollte vieles besser werden: Schneller, straffer und zugleich praxisnah und international sollte das Studium sein. Doch zehn Jahre nach Beginn des Bologna-Prozesses, der größten Hochschulreform Europas, ist die Liste der Klagen lang: Studenten und Professoren in Deutschland stöhnen unter der Prüfungslast, Studieninhalte sind dicht gedrängt, Auslandsaufenthalte und Praktika entfallen, und selbst innerhalb Deutschlands ist der Wechsel von einer Hochschule zur anderen schwierig.
Unzufriedenheit mit den Effekten der Reform: Studenten vermissen im Bachelorstudium unter anderem Freiräume. (© Archiv-Foto: dpa)
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Doch Bologna ist noch nicht verloren. Im Stillen arbeiten viele Hochschullehrer und Studenten längst an einer Reform der Reform. Dabei werden sie aber auch auf die Unterstützung der Politik angewiesen sein.
Michael Melkonian hat das Jammern über den Bachelor nie verstanden. Für den Biologie-Professor markiert die Umstellung auf das zweistufige Studienmodell einen überfälligen Aufbruch. Als Erster an der Universität Köln stellte er sein Fach auf Bachelor und Master um. Langzeitstudenten gibt es bei den Biologen heute nicht mehr: Die Bachelor-Studenten beenden ihr Studium nach 5,9 Semestern.
Das sei nur möglich, sagt Melkonian, weil die neue Struktur und die Studiengebühren die Dozenten dazu zwängen, sich den Studenten mehr zuzuwenden, sie zu beraten, Veranstaltungstermine einzuhalten und die Fähigkeiten der Studenten regelmäßig zu bewerten.
Kein Platz für Nebenjobs
Aber so wie viele Befürworter der Reform muss sich auch Melkonian heute einen gewissen Übereifer eingestehen. Denn ein Leiden, das Deutschlands Unis schon seit Jahrzehnten quält, wurde auch er nicht los: das Heer von Studienabbrechern. 40 Prozent der Biologen in Köln kapitulieren.
Gründe dafür gibt es viele, einen wichtigen nennt der Kölner Professor: Für Studenten, die ihr Studium mit Nebenjobs finanzieren müssen, ist das neue Vollzeitstudium kaum zu schaffen. In einem Merkblatt riet er im Juli 2008 Interessenten deshalb "dringend" vom Biologiestudium ab, wenn sie nebenher mehr als 20 Stunden pro Woche arbeiten müssten.
"Wir brauchen Teilzeit-Studiengänge und Stipendien"
Ein Biologie-Bachelor nur für Reiche? Auch Professor Melkonian weiß, dass dies keine Lösung sein kann. Deshalb arbeitet er daran, die Beratung und Unterstützung gerade in den ersten Semestern zu verbessern. Auch der Prüfungsdruck soll abnehmen. Stehen bisher schon zu Studienbeginn alle Termine für Prüfungen fest, sollen vom Wintersemester an alle Studenten selbst entscheiden dürfen, wann sie zum Test antreten wollen. "Die Probleme der jungen Leute werden damit aber nicht gelöst sein", sagt Melkonian, "wir brauchen Teilzeit-Studiengänge und Stipendien."
Die Voraussetzungen für ein Teilzeitstudium und ein Stipendiensystem kann jedoch nur die Politik schaffen. Um Fragen der sozialen Gerechtigkeit und um die Studierbarkeit der neuen Studiengänge wird es unter anderem bei der Bologna-Nachfolgekonferenz Ende April im belgischen Löwen gehen. Dort werden die beteiligten Staaten ihre nationalen Aktionspläne präsentieren, mit denen sie Fehlentwicklungen entgegensteuern wollen. Ihr erklärtes Ziel ist es, bis 2010 einen "gemeinsamen europäischen Hochschulraum" zu verwirklichen.
Offen ist bisher, ob Auslandsaufenthalte durch die neuen Bachelor-Studiengänge gefördert oder eher gehemmt werden: In den alten Studiengängen gingen im Schnitt knapp ein Viertel der Studenten ins Ausland, bei Bachelorstudiengängen an Universitäten sind es nur 15 Prozent, an den Fachhochschulen sogar nur neun Prozent.
Denn statt eine didaktisch sinnvolle Ordnung ins Studium bringen, wie es das Ziel der Reform war, sind in Deutschland Tausende spezialisierte Module und Studiengänge entstanden, die einen Hochschulwechsel erschweren.
Nur wenige haben es wie die Wirtschaftswissenschaftler in Hamburg geschafft, das Einzelgängertum von Lehrstuhlinhabern schnell zu beenden. Dort arbeiten die Professoren heute im Team, stimmen ihre Studieninhalte, Veranstaltungsangebote und Termine miteinander ab. "Aus 20 kleinen Königreichen ist ein organisiertes Ganzes geworden", sagt Martin Nell, Professor an der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät in Hamburg. Davon profitiert hätten nicht nur die Professoren, sondern auch die Studenten, die weniger Prüfungen ablegen müssten.
"Nicht jeden Atemzug bewerten"
Die "Prüfungswut" müsse eingedämmt werden, sagt Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin: "Wir müssen ja nicht jeden Atemzug bewerten, den ein Student macht." Doch selbst den Wirtschaftswissenschaftlern in Hamburg gelang es nicht, im Bachelor Auslandszeiten unterzubringen. Nell sieht nur einen Ausweg: Das Studium wieder zu verlängern. Mit seiner Forderung steht der Wissenschaftler längst nicht mehr alleine da.
Viele Politiker und Experten plädieren dafür, die Studiendauer beim Bachelor von sechs auf sieben oder acht Semester zu erhöhen, um den Studenten wieder mehr Raum zur persönlichen Entfaltung zu geben. Auch der Politologe Roland Bloch, der für seine Doktorarbeit Studenten befragte, vermisst bei den stark verschulten Studiengängen in Deutschland Freiräume für die Studenten: Je stärker man ein Studium durchstrukturiere, desto mehr fördere das die Stromlinienförmigkeit im Lernverhalten der Studenten.
"Die Hochschulen müssen ihren Gestaltungsspielraum besser nutzen", sagt Peter Zervakis vom Bologna-Zentrum der Hochschulrektorenkonferenz. Einer Verlängerung des Bachelors stehe rechtlich nichts entgegen. Denn die Vereinbarung, auf die sich Europas Wissenschaftsminister 1999 in Bologna einigten, schreibe eine Sechs-Semester-Struktur gar nicht verpflichtend vor. Dass sich die meisten deutschen Hochschulen dennoch für ein Kurzzeitstudium entschieden haben, habe auch mit dem Spardiktat der Bundesländer zu tun. "Die Idee von Bologna bringt viele Vorteile", sagt Holger Burckhart, Prorektor für Lehre und Studium an der Universität Köln. Die Nachteile seien oft nur der schlechten deutschen Anwendung geschuldet.
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(SZ vom 14.04.2009)
DFB-Pleite gegen die Schweiz
"komisch dass sie diese oh so grosse Ueberlegenheit der deutschen Diplomanden im internationalen Vergleich noch nie in ein Uni-ranking niedergeschlagen hat"
Kein Wunder, denn diese Rankings testen das gar nicht. Fragen Sie mich jetzt bitte nicht, was ein Ranking denn sonst testet - so genau weiß das nämlich niemand. Das ist auch der Grund warum solche Rankings so umstritten sind. Und wie gesagt, als Student im 3. Jahr habe ich mich an der Uni Manchester in Vorlesungen des 4. Studienjahres gelangweilt - auch ohne das ich länger studiert hätte. Glauben Sie mir, ich und viele andere haben diese Erfahrung persönlich gemacht!
Was wichtiger ist, theoretisches Verständnis oder praktisches Können, hängt davon ab was die Uni leisten soll. Soll sie als Zuchtstall für genormte Arbeiterdrohnen der Industrie fungieren - dann ist viel praktisches Können wichtig, denn wozu Zeit mit theoretischem Verständnis verschwenden. (Am Ende kommen die Leute noch auf eigene Gedanken!)
"Wer in GB einen Physik-Master macht, der kann einem deutschen Physikdiplomanden bei Weitem nicht das Wasser reichen."
Erstens ging es darum gar nicht sondern um die Probleme in der BRD mit der Umsetzung eines Studienmodells das in der ganzen Welt verbreitet ist und auch funktioniert, und zweitens, komisch dass sie diese oh so grosse Ueberlegenheit der deutschen Diplomanden im internationalen Vergleich noch nie in ein Uni-ranking niedergeschlagen hat. Meist schaffen es dort die 3 oder 4 "Elite-unis" der BRD gerade noch so in die Top 100. Oft auch nicht.
Und selbst wenn es so waere, wenn man davon ausgeht dass deutsche Diplomanden rund 10 bis 12 Semester bis zum Abschluss brauchten (und das galt as zuegig studiert!) dann ist es wohl nicht erstaunlich dass sie einen gewissen Vorsprung was Fachwissen betrifft, haben.
Meine eigene Erfahrung war die dass deutsche Diplomanden im Vergleich zu US-Bachelors und Masters zwar einen gewissen Vorsprung an Theorie hatten aber in der Anwendung und Praxis dafuer deutlich hintendran waren.
"in so ziemlich jedem anderern Land (USA, GB, NL. CDN, AU, S, etc) haut es ja mit aehnlichen Modellen ganz gut hin"
Ein ganz entschiedenes NEIN! Ich habe während meines (Physik-)Studiums ein Jahr in England zugebracht und mein Fazit (und das vieler meiner Kommilitonen die ebenfalls ins Ausland gegangen sind) war: Dazwischen liegen Welten! Wer in GB einen Physik-Master macht, der kann einem deutschen Physikdiplomanden bei Weitem nicht das Wasser reichen. Ein deutscher Physikstudent hat von der fachlichen Kompetenz MINDESTENS ein Jahr Vorsprung, auch wenn beide im selben Semester sind. Und das hat nichts mit dem Studienort zu tun! Ich war an der Uni Manchester, die in Physik zu den Top 5 in GB gehört - das Niveau in diesen Studiengängen ist einfach niedriger.
Was ich sagen will: Vor Bologna hatte Deutschland mit seinem Diplom (z.B. in Physik) exzellente Studiengänge die international sehr hoch angesehen waren. Der Bologna-Prozess und die Kleinstaaterei der Bundesländer macht diesen Vorsprung gerade kaputt. Das ist der Grund, warum Bologna reformiert werden muss!
Wenn man sich den Artikel genau durchliest dann steht fast nur Positives drin: Die Lehre und Betreuung hat sich verbessert, die Leute studieren zuegiger, mehr Kooperation zwischen Lehrstuehlen, und die Studenten bekommen frueh eine Wertung wo sie stehen.
Auf der Gegenseite wird es dann schwammig: Die Studenten brauchen Raum zur "persoenlichen Entfaltung" und Auslandssemester sind nicht mehr so einfach unterzubringen. First things first: "persoenliche Entfaltung" heisst oft schlicht Zeitverschwendung oder auch nur Nixtun. Und davon gab es eine Menge in den alten Diplom- und Magisterstudiengaengen. Ganze Semester lang. Und Auslandssemester passten damals schon nicht richtig in den Studienplan, man nahm sie halt weil es ja egal war ob man nun in 12 oder 14 Semestern zum Abschluss kam.
"Die Nachteile seien oft nur der schlechten deutschen Anwendung geschuldet."
So ist es - in so ziemlich jedem anderern Land (USA, GB, NL. CDN, AU, S, etc) haut es ja mit aehnlichen Modellen ganz gut hin. Statt schon wider eine Reform der Reform zu fordern sollte man mal ein paar Jahre das System ausprobieren und reifen lassen.
Ich gehörte noch zu einer der Generationen, die im Rahmen der Diplomstudiengänge studieren durften und unterrichte heute nebenberuflich an einer FH im Rahmen eines Bachelor-Studiengangs.
Ich bin über die Auswirkungen dieser "DEFORM" absolut schockiert! Eine Prüfungsleistung nach der anderen, so dass den Studis überhaupt keine Zeit mehr bleibt, das Gehörte zu reflektieren und sich damit auseinanderzusetzen. Das ist es aber doch eigentlich, was m.E. gerade ein Studium ausmachen sollte! Die besten Noten hat in der Regel derjenige, der in kurzer Zeit das meiste in sich reinstopfen und zum Klausurtermin ausk... kann! In den Arbeiten wird aber ganz klar erkennbar, dass hier häufig nur auswendig gelernt wird. Verständnis? Weitgehend Fehlanzeige! Wie sollte das bei dem Prüfungsdruck auch anders gehen?
Und jetzt tatsächlich allen Ernstes vorzuschlagen, die Regelstudienzeit zu verlängern, ist ein Offenbarungseid! Dann hätte man es gleich lassen könne, wie es war.
Und das Argument, dass unsere Absolventen im internationalen Vergleich "zu alt" sind, wird damit auch gleich vom Tisch gewischt, obwohl dies ein wesentlicher Aspekt für diese "DEFORM" war!
Heute beklagt man sich im Gegenteil sogar darüber, dass die Absolventen noch zu unreif/unerfahren sind. Na welche Überraschung aber auch, wenn die Leute im Schnitt 2 bis 3 Jahre jünger sind...
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