Hierarchien in Unternehmen Wer machtlos ist, macht Fehler

Führungszirkel sind geschlossene Gesellschaften. Doch zu glauben, die Elite versperrt den anderen den Weg, ist falsch. Eine neue Studie zeigt: Wer unten steht, trägt auch selbst Schuld daran, dass er den Aufstieg nicht schafft.

Von Julia Bönisch

In der Karriereforschung wird viel gestritten um Aufstiegschancen, Hierarchien und Einfluss in Organisationen. Ökonomen, Soziologen und Psychologen gehen davon aus, dass ein Mitarbeiter vor allem über Führungswillen, Gewissenhaftigkeit und inneren Drang zur Leistung verfügen muss, um eine Führungsposition zu erreichen. Auch Herkunft und Elternhaus spielen eine Rolle, doch welchen Anteil diese Faktoren an einer Karriere haben, ist umstritten.

Eine neue Studie, die an der niederländischen Universität Nimwegen entstand und im Fachblatt Psychological Science veröffentlicht wurde, bringt nun einen ganz neuen Aspekt in die Diskussion: Macht . Wer in einem Unternehmen machtlos ist und über keinen oder nur geringen Einfluss verfügt, der schneidet auch in Leistungstests schlechter ab. Und dies liegt der Studie zufolge ausdrücklich nicht daran, dass sich Machtlose weniger anstrengen und weniger motiviert sind als Menschen in Führungspositionen.

Starre Hierarchien

Trotzdem verringern sich durch ihre schlechtere Leistung die Aufstiegschancen für Menschen in unteren Ebenen: Wer "unten" startet, dessen Möglichkeiten nach oben zu kommen, sind sehr beschränkt. Hierarchien sind also starr und kaum zu verändern, das legen die Ergebnisse der Sozialpsychologin Pamela K. Smith und ihrer Kollegen Nils B. Jostmann, Adam Galinsky und Wilco W. van Dijk nahe.

In ihrer Untersuchung erklärten die Wissenschaftler den Teilnehmer an den Experimenten zuvor, ob sie sich in einer höheren Position mit Macht und Einfluss befänden, oder ob sie in der Hierarchie in unteren Ebenen eingeordnet seien. Letztere schnitten in allen Tests schlechter ab als diejenigen, die davon ausgingen, Macht zu besitzen. "Das galt vor allem für Aufgaben, in denen es um komplexe Tätigkeiten wie die Unterscheidung wichtiger Informationen von unwichtigen ging", erklärt Pamela Smith. "Es waren also gerade solche Bereiche betroffen, in denen Führungskräfte aktiv werden müssen."

Mangelnde Kontrolle als Angstauslöser

Dabei wirke der Mechanismus nicht unbedingt wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, so Smith. Der Effekt habe sich nämlich auch dann gezeigt, wenn den Leuten nicht klar gesagt wurde, zu welcher Gruppe sie gehörten, sondern nur Signale erhielten, von denen sie Rückschlüsse auf ihre Position ziehen konnten. "Wir denken, dass die Effekte durch Angst entstehen", sagt Smith. "Menschen ohne Macht besitzen keine Kontrolle über ihr Umfeld, sie sind abhängig von anderen. Das ist eine beängstigende Situation."

Nehme man den Menschen diese Angst, steigere sich auch ihre Leistung. "Menschen in unteren Positionen, die glauben, sie hätten eine guten Chef, dem sie vertrauen könnten, zeigen keine Defizite", sagt Smith. Den naheliegenden Schluss, die machtlosen Untergebenen hätten einfach aufgegeben, lässt die Sozialpsychologin dagegen nicht gelten. "Diesen Aspekt haben wir sorgfältig untersucht: Daran liegt es nicht. Die Menschen sind genau so motiviert und strengen sich genau so an wie andere."

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