Wer heute auf der Chefetage nicht anständig fremdspricht, hat schon verloren - oder nicht? Gerade die besserwisserischen Deutschen belächeln die Englisch-Patzer ihrer Politiker und würden im Ausland natürlich nie die deutsche Speisekarte verlangen. Aber nützt ihnen das was?
Mal angenommen, Anshu Jains Postadresse wäre in Deutschland bekannt, man könnte sich den Inhalt seines Londoner Briefkastens derzeit gut vorstellen. Wäre es doch erstaunlich, hätten die Langenscheidts, die Berlitze und andere Vermittler fremden Sprachguts die Chance noch nicht ergriffen, dem künftigen Halbvorstandschef der Deutschen Bank endlich das beizubringen, was nach populärer Lesart aus der geplanten Doppel- eine Singlespitze machen könnte: Deutsch.
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Manch einer geht lieber zum Business Lunch als zum Geschäftsessen. (© CATH)
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Dabei wäre der gebürtige Inder mit Amerika-Ausbildung auf dem Sprung nach Frankfurt gut beraten, statt des neuen Idioms lieber deutsche Politik, Grundlagen der Mitbestimmung oder wenigstens den Genuss von Äppelwoi zu trainieren. Denn fremdsprachlich, das ist klar, kann man mit allem diesseits der Perfektion in Deutschland nur danebenliegen.
Seit der Erfindung des Gymnasiums im 19. Jahrhundert, als der Sprachunterricht für höhere Söhne zur Pflicht wurde, hat sich das perfekte mehrsprachige Deklinieren und Parlieren zu einem Statussymbol der gehobenen Klassen entwickelt. Während in anderen Ländern Radebrechen akzeptabel ist und sich das Europäische Parlament sogar 23 Amtssprachen genehmigt, erwarten die Deutschen von ihren wichtigen Vertretern mindestens Englisch, ohne Akzent.
Stolpert Bundespräsident Christian Wulff kürzlich bei der Olympia-Krönungsmesse in Durban etwas unbeholfen durch den Schluss seiner auf deutsch gehaltenen Rede ("Let dreams come true"), kichert der deutsche Besserwisser.
Schwäbelt sich EU-Kommissar Günther Oettinger durch einen englischen Vortrag, ist das Stoff für die Filmchenkonserve Youtube, ebenso wie Guido Westerwelles Präferenz für die deutsche Antwort bei der (deutschen) Pressekonferenz. Ein Wulff-Lästerer formulierte das kürzlich im Internet so: "Ich gebe ja zu, ich kann auch nicht so gut Englisch, aber von unseren Spitzenvertretern erwarte ich das einfach."
Einfach? Klar, für Söhnchen und Töchterlein aus dem Zweisprachen-Kindergarten, der Internationalen Schule und dem Auslandsuni-Zirkus ist das akzentarme Fremdsprechen bei mäßiger Begabung kein Problem. Aber was ist mit all denen, deren Aufstieg keine Klassensache, sondern herkunftstechnisch unvorhersehbar und deshalb eine klasse Sache war? Nach der Theorie der Maulzerreißer hätte Wulff schon als Schüler ahnen müssen, dass er mal Bundespräsident wird. Oder eben verzichten. Schließlich unterscheidet der deutsche Bildungsbürger auch den guten vom bösen Touristen dadurch, dass er "due Cappuccini" bestellt und nicht "zwo Cappuccinos", kombiniert mit dem Wedeln zweier Finger.
Niemals würde sich der gute Reisende die deutsche Speisekarte geben lassen und niemals der deutsche Austauschstudent im Ausland nach deutschen Freunden suchen, mögen die anderen noch so sehr mit ihresgleichen zusammenglucken. Umgekehrt sollte sich der Migrationshintergründige hier nur mit seinem Deutsch aus der Deckung wagen, wenn er die Phrasen aus dem Sprachkurs perfekt imitieren kann. Was er sagt, ist dabei fast egal.
Nein, Jain sollte beim Englisch bleiben. Schließlich kann man dieselbe Sprache beherrschen und sich dabei trotzdem gründlich missverstehen. Bei der Deutschen Bank haben das Vorstandschef Josef Ackermann und Aufsichtsratschef Clemens Börsig gerade vorgemacht.
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(SZ vom 18.07.2011/holz)
Abholzungen im Amazonas-Gebiet
Die Lage ist leider ziemlich katastrophal. Ein paar Beispiele aus der Praxis:
Deutsche Manager einer deutschen Bank schreiben E-Mails an britische Mitarbeiter der Londoner Filiale dieser Bank. Das Englisch ist so schlecht, dass die E-Mails jeweils an einen deutschen Mitarbeiter vor Ort gehen müssen, der sie dann in verständliches Englisch umschreibt.
In einer bedeutenden deutschen Kommunikationsagentur finden Meetings mit englischsprachigen Kunden statt. Das Englisch des Projektmanagers ist so schlecht, dass selbst die Deutschen am Tisch nicht verstehen, was er sagen will. Der Projektmanager hatte vorher das Angebot einen Dolmetscher zu engagieren abgelehnt, da er "sehr gut Englisch" spreche.
Bei einer Filmproduktion werden mehrere junge (20-25 Jahre) Mitarbeiter fristlos entlassen, da sie bei ihrer Bewerbung angegeben hatten, "fließend Englisch" zu sprechen, die britischen und amerikanischen Schauspieler aber kein Wort verstanden. Statt ihren Fehler einzusehen, beharrten die Mitarbeiter darauf, "fließend Englisch" zu sprechen.
In den Niederlanden wird in den Grenzregionen wieder verstärkt Deutsch gelernt, da man festgestellt hat, dass deutsche Mittelständler so schlecht Englisch sprechen, dass man keine Geschäfte mit ihnen auf Englisch machen kann.
Leider meinen die meisten Deutschen, dass Englisch eine leichte Sprache sei, die sie selbstverständlich beherrschen. Arme Irre, kann man dazu nur sagen. Wer ausgezeichnet Englisch sprechen will, kann sein Leben damit zubringen, diese Sprache zu erlernen. Das Englisch der meisten Deutschen ist schockierend schlecht. Schlimmer sind allerdings noch ihre Arroganz und Selbstüberschätzung.
darum eckt der Ackermann auch immer an: er spricht kein Deutsch (und wahrscheinlich auch kein akzentfreies Englisch und kein Suaheli und.. und ..und...)
Allerdings habe ich auch in SZ-Online schon Übersetzungen aus dem Englischen lesen müssen da rollen sich die Fußnägel auf. Von manch gewagter deutscher Schlagzeile ganz zu schweigen.
"Was ich aber nie verstanden habe ist, dass deutsche Großkonzerne Englisch quasi zu ihrer Dienstsprache erhoben haben."
Deutsche Großkonzerne?
Es gibt doch keine nationalen Großkonzerne mehr, dank Globalisierung...
Weder Siemens noch VW noch Bayer u.a. sind "deutsche Konzerne".
Nicht mal die Deutsche Bahn...
"erwarten die Deutschen von ihren wichtigen Vertretern mindestens Englisch, ohne Akzent."
Und dieses "ohne Akzent" ist lächerlich. Kein englischsprachiger Muttersprachler spricht akzentfrei Englisch. Ein Texaner unterscheidet sich massiv von einem New Yorker oder Kalifornier, jemand aus London massiv von einem aus Edinburgh, jemand aus Dublin massiv von einem aus Melbourne. Und von den Südostasiaten, die mit Englisch als Verkehrssprache (Indien, Singapur, Malaysia ...) aufwachsen, ganz zu schweigen.
Die Frage "ohne Akzent" stellt sich also eigtl nicht. Eher die Frage: Welcher Akzent wird gewünscht... (Diese Erfahrung machen auch manche, die in der Schule ein Austauschjahr in Amerika hatten, deren Lehrer nach der Rückkehr aber den Oxford-Akzent toll fanden. Ich persönlich habe ziemlich am Anfang meines Auslandssemesters in Dublin beschlossen, mir diesen Akzent nicht anzugewöhnen.)
Zumal es ja auch kaum Deutsche gibt, die akzentfrei sprechen.
Und warum soll jemand, der schon kein akzentfreies Deutsch kann wi Herr Öttinger plötzlich seinen Akzent in der Fremdsprache ablegen? Denn grammatikalisch war bei ihm zumindest alles in Ordnung, wenn ich seine Ansprache richtig iim Kopf habe... Sicher klang s komisch...
wenn eine Führungskraft eine Fremssprache spricht. Was ich aber nie verstanden habe ist, dass deutsche Großkonzerne Englisch quasi zu ihrer Dienstsprache erhoben haben. M.E. wäre es trotz unserer grausligen Geschichte moralisch nicht verboten, Deutsch aus einer Art Patriotismus wenigsten in den großen und traditionsreichen deutsche Unternehmen noch zu pflegen und auf ein gepflegtes Deutsch Wert zu legen.
"Schlimm finde ich z.B. dieses Denglisch, d.h., diese Mixtur aus Deutsch und Englisch: "Wir suchen noch eine location!" usw., wobei es natürlich "eingedeutschte" Wörter gibt wie Job, Party und so, die sind Teil geworden in der deutschen Sprache"
"Location" mittlerweile auch. Denn grade wenn es um eine "location" für eine "party" geht, gibt es kein passendes deutsches Synonym. "Räumlichkeit" ist nicht ganz zutreffend, da es sich ja auch um eine Open-Air-Location handeln könnte. "Örtlichkeit" ist auch nicht ganz passend, schon allein wegen der Konotation.
Viel schlimmer sind falsche Anglizismen wie "Handy" für ein Mobiltelefon, auf Englisch heißen die Dinger "mobile" oder "cellphone".
Und noch schlimmer finde ich sprachliche Anglizismen, die erst gar nicht auffallen. Mein Lieblingsbeispiel dies bezüglich ist der Standardsatz eines deutschen Sportreporters, der immer kurz vor Spielende den Satz raushaut: "Noch mindestens x Minuten zu gehen." Das ist zwar im Englischen korrekt "x minutes to go", im Deutschen muss es aber heißen "Noch x Minuten zu spielen."
"wie auch eigenartigerweise ins Englische das Wort "Kindergarten" übernommen wurde."
Und "rucksack". Und "hinterland". Und "teamgeist". Und "zeitgeist". Und "blitz(krieg)".
"Heftig sind die Franzosen im Vertreten ihrer Sprache, so gibt es schon lange keinen computer mehr, sondern nur noch den ordinateur."
Das liegt v.a. aber auch daran, dass "computer" französisch ausgesprochen ziemlich unanständig klingt, hört der Franzose doch die Wörter "con" und "pute" heraus, deren deutsche Übersetzung die Nettiquette nicht erlaubt.
Ähnlich verhät es sich mit dem Wort "E-Mail" - das wird zwar gelegentlich verwendet, klingt den Franzosen aber eigtl zu sehr nach dem Wort für "Honig": "miel".
Schön finde ich das französische Wort für SMS: "texteau".
Allerdings sind die Franzosen generell restriktiver was die eigene Sprache betrifft - versuchen Sie mal als Tourist in Frankreich sich auf Englisch zu verständigen... ;-)
"Die deutsche Sprache (...) ist schließlich auch die Sprache der Philosophen!"
Stimmt: Aristoteles, Plato, Sokrates, Cicero, Erasmus, Augustinus, Bacon, Voltaire, Descartes, David Hume, Hobbes etc - haben alle auf Deutsch geschrieben...
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