Flexibilität und Beruf "Akademiker pendeln, um nicht abzusteigen"

Die Deutschen sind erstaunlich mobil - erzwungenermaßen: Denn Firmen verlangen, dass ihre Angestellten beweglich und flexibel sind. Der Soziologe Detlev Lück über Arbeit, Reisen und soziale Belastungen.

Interview: Julia Bönisch

Zahlreiche Unternehmen verlangen von ihren Mitarbeitern einen hohen Einsatz. Ohne die Bereitschaft, für den Beruf umzuziehen oder längere Reisen in Kauf zu nehmen, kommt kaum ein Bewerber an eine attraktive Stelle. Die erste repräsentative Studie zur berufsbedingten Mobilität in Deutschland und fünf weiteren europäischen Ländern erforscht Ursachen, Verbreitung und Folgen des permanenten Unterwegsseins. Der Soziologe Detlev Lück von der Universität Mainz, der an der Untersuchung mitgearbeitet hat, fasst die wichtigsten Ergebnisse zusammen und erklärt die Konsequenzen.

Detlev Lück, Soziologe an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz: "Ein Familienleben, wie wir es aus den 50er und 60er Jahren kennen, werden wir nie mehr haben."

(Foto: Foto: oH)

sueddeutsche.de: Wie mobil sind die Deutschen?

Detlev Lück: Von den Vollzeiterwerbstätigen zwischen 25 und 54 Jahren sind 20 Prozent mobil. Dazu kommen alle Arbeitnehmer, die in der Vergangenheit bereits reisen oder pendeln mussten. Insgesamt hatte oder hat die Hälfte aller Berufstätigen Erfahrung damit.

sueddeutsche.de: Wer zählt denn zu den Berufsmobilen? Ist auch der schon mobil, der jeden Tag eine Viertelstunde mit dem Auto ins Büro fährt?

Lück: Nein. Nach unserer Definition ist derjenige mobil, der mindestens dreimal in der Woche nicht weniger als 60 Minuten für eine einfache Fahrt zur Arbeit braucht. Aber daneben gibt es natürlich noch andere Arten der Mobilität, mit denen wir uns ebenfalls beschäftigt haben: Die sogenannten "Übernachter" verbringen mindestens 60 Nächte im Jahr nicht zu Hause. Dann gibt es noch die Umzugsmobilen, die für den Beruf in eine andere Region umgezogen sind, und diejenigen, die eine Fernbeziehung führen, weil Job und Partner in unterschiedlichen Städten sind. Zwei Prozent aller Menschen im erwerbsfähigen Alter sind im Übrigen "multi-mobil", das heißt, sie praktizieren gleich zwei oder sogar drei dieser Mobilitätsformen auf einmal.

sueddeutsche.de: Welche Berufsgruppen sind besonders beweglich?

Lück: Typischerweise sind es die Höhergebildeten, Jüngeren und die Berufsanfänger, die mobil sind. Daneben gibt es natürlich Branchen, in denen eine hohe Mobilität Voraussetzung ist, etwa bei Berufssoldaten, im Bau- oder Transportgewerbe. Auch Beratern wird diese Flexibilität abverlangt.

sueddeutsche.de: Warum nehmen die Betroffenen das auf sich - aus Karrieregründen?

Lück: Nein. Wir haben festgestellt, dass es den meisten Mobilen nicht darum geht, aufzusteigen. Sie pendeln und reisen vielmehr, um nicht abzusteigen. Sie stehen häufig vor der Wahl, sich entweder mit einem Umzug oder der Pendelei zu arrangieren, oder arbeitslos zu werden. Das sieht man auch an der Art der Jobs, für die Mobile die Strapazen auf sich nehmen: Akademiker etwa ziehen häufig für befristete Arbeitsverhältnisse um. In einer neuen Stadt wartet also keine Stelle mit großem Prestige, sondern eine mit einer ungewissen Zukunft. Abgesehen davon hat sich aber auch die Gesellschaft gewandelt: Frauen geben sich heute nicht mehr damit zufrieden, nur Hausfrau zu sein und sind deshalb längst nicht mehr so oft bereit, ihrem Partner hinterher zu ziehen, wenn er aus beruflichen Gründen in eine andere Stadt muss. So wohnen Paare häufig nicht mehr dort, wo beide arbeiten.

sueddeutsche.de: Ihre Studie deutet aber darauf hin, dass dieser Wandel für Männer und Frauen unterschiedliche Folgen hat.

Lück: Ja, Väter können Mobilität und Familie offensichtlich oft gut vereinbaren: Ehe und Kinder sind für sie kein Grund, das Pendeln oder Reisen aufzugeben oder zu verweigern. Frauen dagegen gelingt dieser Spagat nur ganz selten. Sobald sie Mütter werden, sind sie auch nicht mehr mobil, weil sie sich vorrangig um die Familie kümmern. Weil Mobilität auf dem Arbeitsmarkt aber oft eine Voraussetzung ist, um erfolgreich zu sein oder überhaupt zu arbeiten, verzichten viele auf Kinder oder schieben den Kinderwunsch auf. Manche tun das so lange, bis es zu spät ist und sie dann überhaupt keine Kinder bekommen.

sueddeutsche.de: Die Anforderungen des Arbeitsmarktes führen also dazu, dass weniger Familien gegründet werden? Müssten Unternehmen und der Staat da nicht gegensteuern?