Sie leiden an Depressionen, flüchten sich in Drogen und Alkohol: Wenn die Börsen Achterbahn fahren, sind viele Banker mit den Nerven am Ende. Therapeuten haben Hochkonjunktur.
Mike Roja umklammert einen Pappbecher mit heißem Kaffee. Der junge Mann mit der locker gebundenen Krawatte hat es eilig. Er wirkt nervös. Seine Worte überschlagen sich. "Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Der Stress macht mich fertig", stammelt er. Sein Blick schweift aus dem Starbucks-Cafe. Draußen braust der Autoverkehr. Menschen hasten vorbei. Männer in dunklen Anzügen mit feinen Streifen. Frauen bevorzugen Kostüme in gedeckten Farben. Es sind die Uniformen der Banker und Broker im Londoner Finanzviertel.
Gestresste Börsianer: Während sich an den Aktienmärkten die Schockwellen der internationalen Finanzkrise ausbreiten, rutschen Banker in die Psycho-Baisse. (© Foto: afp)
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Rojas linkes Auge zuckt nervös. Hastig stürzt er den Kaffee hinunter. Der 35-Jährige arbeitet im Aktienhandel einer großen Londoner Bank. Ein Job, den sich viele seiner Altersgenossen in Europas größtem Finanzzentrum erträumen. Roja war bis vor kurzem noch stolz auf das Erreichte. Er stammt nicht aus einer jener internatserzogenen Oxford-Eliten. Sein Vater, ein Postbeamter, konnte ihm kein teures Studium zahlen.
Sechsstelliges Jahresgehalt
Trotzdem schaffte es Mike Roja. "Ich war immer ehrgeiziger als die anderen", erzählt er. Er startete mit einer Bankausbildung und belegte Abendkurse für die Fortbildung als Aktienhändler. Seine Vorgesetzten entdeckten sein Talent. Er wurde immer weiter befördert. Jetzt bekommt Roja ein sechsstelliges Jahresgehalt. Er kaufte ein schickes Loft, düste im Sommer mit Kollegen zur Strandparty auf die Bahamas, im Winter zum Heli-Skilaufen nach Kanada.
Doch nun ist für den jungen Aufsteiger das schnelle Leben zur Qual geworden. Die "Hockerei vor dem Computerschirm mit den blinkenden Zahlenkolonnen" öde ihn an, klagt Roja. Und noch schlimmer: In diesem Jahr werde er seine Umsatzziele nicht erreichen, fürchtet er. Das bedeutet: keine üppige Bonuszahlung. Jeder weiß in der adrenalingeschwängerten Luft des Londoner Finanzviertels, dass dies fast einer Kündigung gleichkommt. Er solle sich demnächst einen neuen Job suchen, habe man ihm schon angedeutet, erzählt Roja.
Die Börsenpartyist beendet
Nun will er sich einem Therapeuten anvertrauen. "Ich halte es nicht mehr aus", sagt er. "Ich habe die Nase voll." Roja ist nicht der einzige, dem der Stress über den Kopf zu wachsen droht. Während sich an den Aktienmärkten die Schockwellen der internationalen Finanzkrise ausbreiten, rutschen Banker und Broker in die Psycho-Baisse. Sie können nicht damit umgehen, dass die Börsenparty erst einmal beendet ist. Der Anstieg der Kurse schien für sie eine Art Naturgesetz geworden zu sein. Doch in den vergangenen Monaten haben sich die Koordinaten der einst schönen, funkelnden Börsenwelt verschoben.
In Großbritannien wurde der Beinahe-Zusammenbruch der viertgrößten Hypothekenbank Northern Rock vor einem Jahr zum Menetekel. Dann folgten die Hiobsbotschaften aus den Finanzkonzernen Barclays, HSBC und Royal Bank of Scotland. Sie reißen bis heute nicht ab. Noch immer ist unklar, wie viele Milliarden-Risiken die Banken noch in ihren Büchern haben. Das Ende der Krise sei noch nicht erreicht, warnen Londoner Finanzanalysten.
Während die Börsen Achterbahn fahren, spielen sich hinter den glitzernden Glasfassaden der Bankpaläste Dramen ab. Die Akteure sind die vermeintlichen "Meister des Universums", wie der Schriftsteller Tom Wolfe die Geldmanager in seinem Bestsellerroman "Fegefeuer der Eitelkeiten" beschrieb. Doch jene tollen Kerle, die per Mausklick Millionen verschieben, zweifeln plötzlich an ihrer Allmächtigkeit. Ihr Mythos ist zerbrochen. "In volatilen Märkten erleiden Händler und Investoren tägliche Gefühlssprünge zwischen Hoch und Tief", sagt der amerikanische Psychologe Alden Cass.
New Yorks Wall Street, Londons City, Frankfurts Bankenviertel - dieses sind die Spieltische im weltweiten Börsencasino. Es sind aber zugleich auch Haifischbecken, in denen ein gnadenloser Konkurrenzkampf herrscht. Die Stärksten überleben. Sie durften sich zumindest bislang am Jahresende über millionenschwere Bonuszahlungen freuen. Und für die, die noch nicht ganz mithalten konnten, blieb zumindest das Prinzip Hoffnung, irgendwann den großen Deal zu landen.
Auf der nächsten Seite: Es ist wie bei Süchtigen, die an der Nadel hängen und nun auf Entzug gesetzt werden sollen. Schon die Aussicht auf eine Kürzung von Bonuszahlungen kommt für die Spekulanten einem Fall ins Bodenlose gleich.
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Gewalt in Syrien
Der Unsinn in den nun an Kredit verlierenden Veranlagungen liegt darin, dass er vor allem auch von den Privatanlegerinnen und Privatanlegern gewünscht war. Der Wunsch nach Kapitalsicherheit in einem Geschäft, in dem es logischerweise keine gibt - nämlich dem Aktiengeschäft, hat sie krudesten Konstruktionen zum Vorschein gebracht. Da wurden Zerobonds mit Butterflykonstruktionen gemischt, das ganze in oder ausserhalb eines Fonds in Form von Zertifikaten auf den Markt gebracht ... und am Schluss sah sich niemand mehr darüber aus. Um einen Aspekt der gegenwärtigen Krise zu beschreiben.
Der zweite Aspekt ist der Quartalszahlenfetischismus der instituionellen Anlegenden und der Fondsgesellschaften. Nachhaltigkeit in einem Unternehmen wird nicht als positiv angezahlen, auch Investitionen werden abgestraft. Vor allem die, bei denen Eigenkapital gebunden wird und so dem Cashflow entzogen. Das drückt auf den Cashflow pro Aktie. Nebenbei hat das noch schlechte Wirkung auf die Eigenkapitalrendite. Also lieber Schulden aufbauen, Eigenkapital kleinhalten, dann schaut auf den ersten Blick alles nach eitel Wonne aus.
Investitionen wiederum drücken auf den Gewinn pro Aktie - denn je höher der reale Wert des Unternehmens, desto schlechter das KGV. Und das ist ein grosses Pfui für diejenigen, die es lieber sehen wenn tausende Arbeitsplätze verloren gehen ... denn das ist gut für die eben zitierte Kennzahl weil kostensenkend = gewinnsteigernd.
Und weil natürlich ein Unternehmen oder ein Fonds, die ein Viertelprozent weniger Perfomance bringen als ein vergleichbares Papier, vom grossen Geldregen nichts abkriegt, wird das abgestraft. Und heutzutage, wo jeder Hinz und Kunz glaubt mit einem Fonds- oder Aktienanalyseprogramm nur auf die gewinnorientierten Zahlen zu schauen können, der weiss das Gier und kurzfristiges Denken belohnt wird.
Die Tiefschläge an den Börsen lassen offenbar eine ganze Branche nach der Sinnhaftigkeit ihres `Handelns´ fragen. Der Wert des jeweiligen Papiers richtet sich nach der Nachfrage. Und die ist derzeit schwach. Das Geschäft mit dem Kunden, dem Spekulanten funktioniert nicht so wie es sollte. Die schlechte Stimmung ist beim Kunden angekommen ist. Er ist skeptisch geworden, lässt sich von plötzlichen positiven Wirtschaftsdaten einzelner Unternehmen nicht in dem Maße zum Kauf verleiten. Gegen die schlechte Stimmung kann der einzelne Broker nicht ankommen. Es ist menschlich, dieser Belastungssituation nicht mehr gewachsen zu sein.