Drogen am Arbeitsplatz Qualmen, kiffen, koksen

Doping ist nicht nur im Sport ein Problem: Immer mehr Angestellte wollen mit illegalen Substanzen ihre Leistung steigern. Chefs sehen dem nicht länger tatenlos zu.

Von Verena Wolff

Es muss nicht immer ein volltrunkener Kollege sein, der durchs Büro torkelt - Sucht in deutschen Büros hat viele Gesichter. Die Spitzenreiter sind bekannt und seit Jahren dieselben: "Das Hauptproblem ist Alkohol, gefolgt von Medikamenten", sagt Rolf Hüllinghorst, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen im westfälischen Hamm.

Illegale Drogen wie Heroin, Kokain oder Cannabis hingegen spielten kaum eine Rolle im Geschäftsleben. "Wer Heroin nimmt, kann nicht arbeiten", betont er. Cannabis kommt vor - das Kraut wird nach seinen Worten am ehesten von Auszubildenden und jungen Mitarbeitern konsumiert. "Aber das ist eher selten."

Aufputschen, relaxen, wach bleiben, einschlafen - dabei brauchen aufstrebende Angestellte und Arbeitsbienen offenbar die meiste Hilfe. Die Hilfe auf Rezept ist dabei besonders beliebt. Aber gefährlich - denn Tabletten und die Folgen ihres regelmäßigen Konsums bleiben lange unentdeckt. Länger jedenfalls als ein Vollrausch - denn der dürfte den Kollegen früher oder später auffallen. "Gerade bei Medikamenten gibt es einen verdeckten Konsum - davon sind vor allem Frauen betroffen", sagt Hüllinghorst.

Allerdings: Zahlen und verlässliche Statistiken gibt es nicht. Viele Betroffene können ihre Sucht über Jahre kaschieren, andere sind immer wieder aus den unterschiedlichsten Gründen krankgeschrieben. Und: "Die Dunkelziffer ist hoch", sagt er. Eine andere Statistik allerdings wird geführt - und die lässt aufhorchen: So entstand im vergangenen Jahr allein durch die Arbeitsunfähigkeit Suchtkranker ein Schaden von rund 2,7 Milliarden Euro.

Damit spiegelt sich in deutschen Büros wider, worauf auch die Drogenbeauftragte alljährlich aufmerksam macht: Etwa 1,3 Millionen Bundesbürger sind alkoholabhängig, knapp zehn Millionen werden als "riskant Konsumierende" eingestuft. Diese Zahlen hat Sabine Bätzing, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, für ihren aktuellen Drogen- und Suchtbericht erhoben. Rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland gelten zudem als medikamentenabhängig, mehr als zwei Drittel davon sind Frauen.

Viele Betroffene machen sich jedoch keine Vorstellung davon, dass Drogen am Arbeitsplatz kein Kavaliersdelikt sind. "Suchtmittel sind sehr gefährlich", betont Jörg Feldmann, Sprecher der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Dortmund. Beispiel Alkohol: Er vermindert die Steuerungsfähigkeit, Risiken werden nicht erkannt, Mitarbeiter überschätzen sich. "Und bei einem Vollrausch schafft man gar nichts." Auch Aufputsch- und Beruhigungsmittel haben nur eine kurze Wirkung - aber langfristige, äußerst negative Auswirkungen auf die körpereigene Biochemie, wie der Experte sagt.

Dabei kann die Abhängigkeit die verschiedensten Gründe haben: "Bei der Sucht geht es auch um Überforderung und um Unterforderung am Arbeitsplatz und regelmäßige Arbeitszeiten", sagt Hüllinghorst. Diese Probleme können das Suchtverhalten negativ beeinflussen - wenn sie auch lange nicht immer der Auslöser für eine Abhängigkeit sind.

Es tut sich aber auch etwas in deutschen Büros, was die Sucht betrifft: War die Abhängigkeit von Rauschmitteln noch bis vor wenigen Jahren ein Thema, dass in den meisten Unternehmen mit Schweigen und Verdrängen behandelt wurde, sind diese Zeiten nach Angaben der Experten vorbei. Nicht mehr Abmahnung und Kündigung stehen oftmals auf Abhängigkeit - sondern der Versuch der Hilfe und Heilung. Kollegen und Vorgesetzte schauen hin - und wollen meist helfen. Das sollen sie auch, meinen die Experten - aber richtig.

"Der sogenannte Ko-Alkoholismus - wenn das Umfeld also nichts unternimmt - schützt den Suchtkranken zwar, hilft aber nicht", sagt Feldmann. Jede Sucht sei eine Krankheit, müsse so gesehen und behandelt werden. "Das Ende ist der totale Absturz und Zusammenbruch - je früher eingegriffen wird, umso besser."

Viele Unternehmen haben mit dem Betriebsrat zusammen eine sogenannte Interventionskette, nach der im Fall eines Suchtkranken vorgegangen wird. "Der Vorgesetzte muss ein erstes Gespräch führen, wenn dienstliche Belange nicht mehr richtig geregelt werden." Ändert sich danach nichts, sind die Personalabteilung und der Betriebsrat in einem weiteren Gespräch dabei. "Dabei wird auf ambulante Beratung hingewiesen, auf die Hilfe eines Suchtbeauftragten oder des Betriebsarztes."

Auch wenn in diesem Land nahezu alles per Gesetz geregelt ist - der Rausch im Büro ist es nicht. Der Gesetzgeber kennt kein allgemeines Rechtsverbot, bei der Arbeit etwa Alkohol zu konsumieren. "Mitarbeiter dürfen sich nur nicht in einen Zustand versetzen, in dem sie sich oder andere gefährden können", sagt Feldmann. Mehr ist - allgemein zumindest - nicht geregelt.