Die Kunst der Selbstausbeutung "Arbeitslose auf Bewährung"

Stress, Überstunden, Burn-out: Angestellte fühlen sich oft überlastet. Selber schuld, glaubt der Soziologe Jakob Schrenk: "Arbeitnehmer beuten sich selber aus."

Interview: Tanja Schwarzenbach

Viele Berufstätige machen Überstunden, aber nur selten stellen sie diese auch in Rechnung. In der wenigen Freizeit, die ihnen bleibt, machen sie sich fit für den nächsten 14-Stunden-Tag. Alles dreht sich um den Job. Jakob Schrenk, 28, Soziologe, geht diesem Phänomen in seinem Buch ,"Die Kunst der Selbstausbeutung" (Dumont, 2007) nach.

SZ: Sie behaupten in Ihrem Buch, Arbeitnehmer beuteten sich selbst aus - inwiefern?

Jakob Schrenk: Selbstausbeutung beschreibt das Phänomen, dass wir immer mehr und härter arbeiten ohne es als Problem zu empfinden. Wir sind nicht etwa froh, wenn die Arbeit um 17 Uhr getan ist, nein, Arbeit macht Spaß.

SZ: Was ist so verkehrt daran, Spaß an der Arbeit zu haben?

Schrenk: Nichts. Arbeit bedeutet auch Selbstverwirklichung. Das Problem ist, dass immer mehr Angestellte für den Beruf auf ein erfülltes Privatleben verzichten. In dem Moment, in dem unser Leben mit der Vorstellung von einem gelungenen Leben kollidiert, stimmt etwas nicht. Das zeigt sich auch an psychischen Krankheiten infolge von Stress, wie dem Burn-out-Syndrom. Das sind Beispiele für die unguten Seiten der Selbstausbeutung.

SZ: Welche Berufsgruppen beuten sich besonders aus?

Schrenk: Ich glaube, dass der Ursprung der Selbstausbeutung in den freien Berufen liegt - bei den Werbern, Architekten, freien Journalisten. Doch setzt sich das Prinzip der Selbstausbeutung auch immer mehr durch, etwa bei Beratern, Ingenieuren, Scheinselbständigen. Das liegt daran, dass die Arbeitszeit nicht mehr kontrolliert wird. Für die Arbeitnehmer gilt: Macht, was ihr wollt, aber seid profitabel.

SZ: Das klingt nach einem enormen Druck und nicht nach freiwilliger Selbstausbeutung...

Schrenk: Um so mehr Freiheiten und Selbstbestimmung wir in unserem Arbeitsumfeld bekommen, umso mehr handeln wir wie ein Unternehmer im Unternehmen. Das ist einerseits freiwillig, weil es unter Umständen Spaß macht, andererseits entstehen ganz neue Zwänge. Wenn in der Arbeit zum Beispiel alle bis 21 Uhr bleiben, bleibt man selbst eben auch bis 21 Uhr. Man ist kein passiver Angestellter mehr, sondern ein Unternehmer der eigenen Arbeitskraftausbeutung.

SZ: Waren früher passive Angestellte, die um 17 Uhr ihre Arbeit niedergelegt haben, die glücklicheren Arbeitnehmer?