Deutsche Arbeitnehmer in Österreich Immer mehr Piefkes kommen - und bleiben

Österreich hat einen attraktiven Arbeitsmarkt für Deutsche - immer mehr Arbeitnehmer überschreiten die ehemalige Grenze südwärts. Es sind schon lange nicht mehr nur Kellner, die in Tirol endlich einen Job finden. Auch immer mehr Akademiker machen Karriere - und das hat eine ganze Reihe von Gründen.

Von Eva Nussbaumer

Für den Juristen Dirk Weber war es eine Laune, für seine Frau Margit eine Lösung für die Babypause, für den Finanzmanager Carsten Beck ein Karrieresprung. Die Gründe, weshalb Deutsche ihre Koffer packen und gen Süden ziehen, sind vielfältig. Und sie werden immer zahlreicher: Die Anzahl der Deutschen, die in Österreich leben und arbeiten, steigt seit Jahren kontinuierlich an.

Heute stellen die aus dem Norden Eingereisten die größte Gruppe an Ausländern. Die Statistik Austria zählte mit Stichtag 1. Januar 2011 insgesamt 146.392 deutsche Staatsangehörige in Österreich - vor zehn Jahren waren es nur halb so viele. Knapp dahinter rangieren Migranten aus Serbien, Montenegro und Kosovo und auf Rang drei die Türken. Die meisten Deutschen haben sich in der Hauptstadt Wien und im Umland niedergelassen, aber auch in Tirol.

Eine große Gruppe von etwa 30.000 ist hier, um zu studieren. Doch mehr als 83.000 gebürtige Deutsche waren 2010 als Arbeitnehmer bei der österreichischen Sozialversicherung angemeldet, viermal so viele wie im Jahr 2000. Und es sind längst nicht mehr nur abenteuerlustige Skilehrer oder die sprichwörtlichen sächsischen Kellner, die vor der Arbeitslosigkeit im ehemaligen Osten flohen und nun in Tiroler Hotels G'röstl und Schnitzel servieren.

"Das Bild wird vielfältiger", sagt Thomas Gindele, Geschäftsführer der deutschen Handelskammer in Wien, "das reicht heute vom Handel bis in hochspezialisierte Bereiche wie Flugzeugbau." Zwar räumt Gindele ein, dass nach wie vor die mit Abstand größte Gruppe im Tourismus arbeitet. "Aber es gibt sehr spezielle und hochqualifizierte Leute aus Deutschland zum Beispiel in der Industrie", erklärt der gebürtige Schwabe. Ingenieure hätten gute Chancen bei zahlreichen mittelständischen Betrieben, etwa im Maschinenbau. Spezialisten im Finanzwesen und im Bankensektor würden ebenso geschätzt wie Juristen.

Dabei ist der Akademikeranteil unter den deutschen Wahlösterreichern nach einer Analyse des Österreichischen Integrationsfonds dreimal so hoch wie jener der Österreicher. Hier macht sich das Phänomen der "Brain Circulation" bemerkbar; denn für einen Teil gerade der höher qualifizierten Arbeitskräfte ist Österreich nur eine Durchgangsstation: Sie nehmen die Chance wahr, mit einer befristeten Entsendung ins Ausland eine Karrierestufe höher zu klettern.

Ein attraktiver Posten war etwa für den gebürtigen Norddeutschen Carsten Beck der Grund, nach Wien zu kommen. "Es ging mir nicht um die Stadt, im Gegenteil", gibt der 39 Jahre alte Finanzmanager eines international agierenden Software-Konzerns zu. "Ich wollte eigentlich gar nicht nach Österreich. Ich war gerade ein paar Monate in London gewesen. Dann ergab sich die Chance auf eine attraktive Stelle im Controlling mit Zuständigkeit auch für Osteuropa, und dafür nahm ich Wien in Kauf." Der Biss in den sauren Apfel wurde für Beck zur positiven Überraschung: "Jetzt bin ich das dritte Jahr hier und will eigentlich nicht mehr weg." Vieles, womit er sich anfangs schwertat, macht für ihn jetzt die Qualität aus - im Leben wie in der Arbeit. "Die Österreicher gehen die Dinge pragmatischer an", meint er. "Für mich stimmt hier die Work-Life-Balance."

Von ähnlichen Erfahrungen berichtet Dirk Weber, der ursprünglich aus Karlsruhe kommt und heute als Firmenjurist bei einem großen Büroausstatter in Wien arbeitet. Das Jurastudium in Leipzig war abgeschlossen, die ersten Berufsjahre hatte er hinter sich - aber das sollte es doch noch nicht gewesen sein. "Da war der starke Wunsch, noch mal anderes zu machen", erzählt der 37-Jährige. Der andere Grund lautet: nach Österreich gehen, weil er das Land mochte. Er ließ den Abschluss anerkennen und arbeitete sich in neue Sparten ein. Mit dem Effekt, dass der Aufstieg in eine attraktive Position schneller gelang als den meisten zu Hause gebliebenen Studienkollegen - der Alltag aber auch sehr spezielle Lernprozesse erforderte.

"Es gibt schon große Mentalitätsunterschiede", meint der gebürtige Württemberger. "In Deutschland ist man distanzierter, Freundlichkeit ist deutlicher mit Sympathie verbunden." Weber hat zudem festgestellt, dass in Österreich zwar im Umgang Formalismen ausgeprägt sind, gleichzeitig in Vereinbarungen aber eine größere Flexibilität herrscht. "Die Dinge werden vager gehalten, und Abmachungen sind manchmal nicht so verlässlich. Dafür gibt es aber auch ein größeres Entgegenkommen, wenn Veränderungen oder Verschiebungen nötig sind."

Seine Frau Margit, ebenfalls Juristin mit mehreren Jahren Erfahrung als Rechtsanwältin in einer ostdeutschen Kanzlei, folgte Dirk hochschwanger über die Grenze. Zwei Kinder und vier Jahre Babypause später gelang ihr nun in Österreich ein unerwarteter und rascher Wiedereinstieg - im Staatsdienst. "Ich hätte nie gedacht, dass ich als Deutsche bei einer Behörde in Wien landen könnte", sagt Margit. Die Übertragung von Berufswissen aus ihren ersten Jahren in Deutschland klappt generell ganz gut, sagt die 35-Jährige, "ich habe aber unterschätzt, wie sehr sich die beiden Varianten des Juristendeutsch unterscheiden: Das grundlegende Rechtsverständnis ist zwar vergleichbar. Es gibt hier in Österreich aber andere Feinheiten. Dafür muss man ein Gespür entwickeln, und das erfordert einen langen Lernprozess".