Cooling out Wissenschaftliche Karrieren sind männlich

Europaweit sind Frauen an Hochschulen unterrepräsentiert.

Von Vivien Marx

(SZ vom 29.1.2002) Lediglich ein subjektiver Eindruck" und "nur ein Gefühl". Solche Reaktionen ernten Wissenschaftlerinnen bisher, sagt Brigitte Degen von der Europäischen Kommission, wenn sie darauf hinweisen, dass Frauen in der akademischen Welt benachteiligt werden. Mit einer neuen Studie erhalten nun die Gefühle eine solide Grundlage.

Eine Studie der so genannten Helsinki-Gruppe der Kommission, 1999 gegründet, um die Lage der Frauen in der Wissenschaft zu untersuchen, belegt, dass Frauen quer durch alle Fachbereiche im Professorenrang massiv unterrepräsentiert und vor allem in den Natur- und Ingenieurwissenschaften nur als Minderheit vertreten sind. Deutschland schneidet in der Statistik besonders schlecht ab. Eine Tagung diese Woche in München soll Wege aufzeigen, wie sich insbesondere der Anteil der Naturwissenschaftlerinnen steigern lässt.

Dünne Luft auf der Karriereleiter

Unter den Studenten ist das Geschlechterverhältnis noch ausgewogen, doch es verschlechtert sich auf jeder weiteren Stufe der Karriereleiter.

Im EU-Durchschnitt sind 26 Prozent aller Professoren Frauen. In vier Staaten - Deutschland, Belgien, Irland und den Niederlanden - liegt der Anteil weit unter diesem Durchschnitt, hierzulande sind sogar nur neun Prozent der Lehrstuhlinhaber weiblich. "Diese Ergebnisse überraschen nicht", sagt Degen, Leiterin der Helsinki-Gruppe. "Sie bestätigen nur, was Wissenschaftlerinnen seit vielen Jahren sagen." Geschehen sei dennoch nichts.

Unterrepräsentiert sind die Frauen auch bei der staatlich geförderten Forschung an Hochschulen. Im EU-Durchschnitt sind etwas mehr als 70 Prozent der Forscher Männer und, so besagt die Studie, "in keinem EU-Mitgliedsstaat wird diese Dominanz durchbrochen." Die Spitzenreiter sind Irland, Griechenland und Portugal wo der Anteil von Frauen in der Forschung etwa 40 Prozent beträgt. Deutschland bildet wiederum, zusammen mit Belgien und den Niederlanden mit 20 Prozent das Schlusslicht.

Betrachtet man nur die Natur- und Ingenieurwissenschaften, wird die Luft in den meisten EU-Ländern sehr dünn für die Frauen. In den Ingenieurwissenschaften und Technikdisziplinen ist im Durchschnitt nur etwa eine von zehn Forschern weiblich. Spitzenreiter sind Irland mit 25 und Portugal mit 29 Prozent Frauenanteil. Unten auf der Liste siedeln sich erneut Deutschland und Österreich (neun Prozent), die Niederlande (sechs Prozent) und Belgien (zwei Prozent) an.

Diskriminierende Erfahrungen

Jutta Allmendinger, Professorin und Soziologin an der Universität München und ihre Mitarbeiter Stefan Fuchs und Nina von Stebut studieren die Hürden, die Frauen in ihrer akademischen Laufbahn behindern.

Im Auftrag der Max-Planck-Gesellschaft haben sie Betroffene gefragt, Organisationsdaten und Personalstatistiken ausgewertet. Kaum ein Institut der ehrenwerten Forschungsgesellschaft kommt in die Nähe eines 30-prozentigen Frauenanteils. Sie stellten zudem fest, dass Frauen weit weniger Möglichkeiten haben, dauerhaft in der Max-Planck-Gesellschaft ihre wissenschaftliche Laufbahn fortzusetzen. Sie haben, so Allmendinger und ihre Mitarbeiter, eine 21 Prozent höhere Austrittswahrscheinlichkeit.

Das liegt nicht an fehlender Ausbildung oder Motivation - darin zeigen sie sich den männlichen Kollegen ebenbürtig. Vielmehr berichtet über die Hälfte der befragten Frauen von unmittelbar diskriminierenden Erfahrungen.

Sie müssen frauenfeindliche Bemerkungen tolerieren, ihre Ideen und Vorschläge bleiben unbeachtet, ihre Diskussionsbeiträge werden übergangen. Ihre männlichen Kollegen werden eher auf Konferenzen geschickt oder bei Stellenbesetzungen bevorzugt. Vielleicht ein wenig überraschend ist der Befund des Soziologen-Teams, dass Frauen in der Wissenschaft nicht erst beim Konflikt Karriere oder Kinder ihr "cooling out " beginnen. Bereits während der Promotion schalten sie einen Gang herunter, da Unterstützung und Austauschmöglichkeiten oft ausbleiben. So entsteht bei vielen das Gefühl "nicht gewollt zu sein."

Eine Liste mit Vorschlägen

Laut Jutta Allmendinger verstärkt das hierarchisch angelegte System der deutschen Wissenschaft die Benachteiligung der Frauen. Sie hat der MPG eine Liste mit Vorschlägen überreicht. Dazu gehören Programme, die deutlich machen sollen, dass es ranghohe Frauen in der MPG gibt sowie Maßnahmen, die den wissenschaftlichen Nachwuchs fördern. Mehr Kinderbetreuung, eine bessere Kommunikation mit den Vorgesetzen und häufiger Austausch mit anderen Nachwuchswissenschaftlerinnen könnten auch das "cooling out" vermeiden.

Und anderswo in Europa? Interessant ist der Blick in die Niederlande am unteren Ende der Skala und nach Portugal, das gut abgeschnitten hat. "Ich denke seit 15 Jahren darüber nach", sagt Ilja Mottier, Forscherin im niederländischen Bildungs-, Forschungs- und Kulturministerium, "und habe keine klaren Antworten oder Rezepte."

An Maßnahmen wie Karriereförderung und Mentoring für Mädchen und Frauen mangele es nicht. "Wenn man sie aber lässt, wählen Mädchen in der Oberstufe die naturwissenschaftlichen Fächer ab," sagt Mottier. "Sind wenige Frauen in einer Disziplin vertreten, verstärkt sich das Image des Faches als männerdominiert und das wiederum stößt Frauen ab." Das Ministerium versucht deshalb, Technikstudiengänge interdisziplinär anzulegen, sie mit anderen Fächern zu koppeln, etwa Medizin oder Kommunikationswissenschaften. "Diese Kombinationen scheinen Frauen besser zu finden," sagt Mottier.

"Die guten Zahlen werden Frauen in ihrem Ansinnen stärken, weiterhin in den Naturwissenschaften tätig zu werden und dort auch zu bleiben", sagt Ligia Silva vom Institut für Wissenschafts- und Technologieaustausch des Bildungsministeriums in Lissabon, das seit 1995 die Ausgaben für Naturwissenschaften und Technik um jährlich zehn Prozent gesteigert hat. Dieser Anstieg habe den starken Anteil von Frauen in der Wissenschaft begünstigt, glaubt Silva. Gegenüber dem Vorjahr sei die Anzahl von Frauen mit Doktortitel in den Jahren 1998-99 um zwölf Prozent gestiegen.

Und der männliche Nachwuchs?

Von Reformen der Hochschul- und Forschungslandschaft und der Beleuchtung solcher Themen wie das Geschlechterverhältnis in der akademischen Welt werden nicht nur Frauen sondern auch Männer profitieren, sagt Brigitte Degen.

Insbesondere könnten solche Reformen auch jüngeren Männern helfen, eine akademische Laufbahn einzuschlagen. "Es sind nicht nur die Frauen, die unter dem archaischen und alten Hochschulsystem leiden. Junge Männer klinken sich vielfach aus, um zum Beispiel Firmen zu gründen und kehren Forschung und Lehre als mögliche Karriere den Rücken zu".