Braindrain Wenn Wissen in Rente geht

Wie Unternehmen sich darum bemühen, den Erfahrungsschatz älterer Mitarbeiter an deren Nachfolger weiterzugeben.

Von Sabine Hense-Ferch

(SZ vom 22.9.2001) Die Berliner Luftbrücke", so lautet ein Scherz, der vor einiger Zeit in einem Projektteam zum Wissensmanagement kursierte, "wäre heute vermutlich gar nicht mehr zu wiederholen." Denn das organisatorische und technische Know-how, das die Briten und Amerikaner seinerzeit angehäuft haben, versandet heute in Altenheimen - in den ergrauten Köpfen pensionierter Militärs. Und wäre nur unter größten Schwierigkeiten abrufbar. Ein - wenn auch überspitztes - Beispiel, das zeigt, wie wichtig für eine Organisation Wissensmanagement ist: Wissen muss man festhalten. Sonst nimmt es eines Tages jemand mit. Unwiederbringlich.

Mit jedem pensionierten Mitarbeiter scheidet auch eine große Menge an Erfahrungen und Wissen aus der Berufswelt aus. Vor dem Hintergrund, dass die Gesellschaft immer älter wird, ist im Gegensatz dazu aber die Beschäftigungsquote Älterer gesunken. Das Alter wird immer mehr "entberuflicht", obwohl die "Alten" von heute meist wesentlich vitaler und besser ausgebildet sind als die Rentner vergangener Jahrzehnte.

Implizites Wissen

"Das Expertenwissen, das sich Menschen im Laufe ihres Berufslebens aneignen, ist enorm. Unternehmen suchen zunehmend nach Wegen, wie dieses Potenzial erhalten werden kann", so Professor Heinz Mandl, Lehrstuhlinhaber für Pädagogische Psychologie an der Uni München und seit Jahren mit dem Thema Knowledge Management befasst.

"Wesentlich ist vor allem das implizite Wissen, die Dinge, die man nicht in Projektberichten und Datenbanken dauerhaft speichern kann: Wie geht man mit den Managern der xy-Firma um? Wie sind die Gepflogenheiten bei der Konkurrenz? Wie verhält man sich bei schwierigen Verhandlungen? Das ist ja gerade das interessante Wissen. Um solches Wissen abzurufen, sollte man eigentlich die Pensionäre aus ihrem Berufsleben erzählen lassen, notfalls vor laufenden Kameras", schlägt Mandl vor.

Tandem-Modell

Einige Firmen sind bereits dabei, solche Vorschläge umzusetzen, Siemens beispielsweise: "Vor einem Jahr haben wir ein Team gegründet aus Siemens-Leuten und Mitarbeitern von Intel, BMW, der Winterthur Versicherung und der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich", erklärt Thomas Falter, Programm-Manager im Siemens Knowledge Management. Allen Beteiligten ist gemeinsam, dass in den kommenden Jahren viele Mitarbeiter in Rente gehen, deren Wissen für die Firma verfügbar bleiben soll. "Eine Lösung ist ein Tandem-Modell für eine Übergangsphase, die bis zu zwei Jahre dauern kann, in der ein älterer erfahrener einen jüngeren Mitarbeiter einarbeitet."

Ein anderer unkonventioneller Weg ist das regelmäßige gemeinsame Mittagessen von jungen Meistern im Handwerk mit Kollegen im Ruhestand. Beim Essen kommen die Kollegen ins Plaudern: "Wie habt Ihr das denn damals gemacht?" Die Jungen kriegen Tipps von alten Hasen, die Älteren die Bestätigung, dass sie noch gebraucht werden.

Eine weitere Möglichkeit: Zum Abschied aus der Firma gibt's ein Handy. So kann der Ruheständler jederzeit angerufen und gefragt werden, wenn's in der Firma brennt. Das hat für den Rentner nicht nur den Vorteil eines Gratis-Handy-Vertrags, er kann bei passender Gelegenheit auch demonstrieren, dass seine Meinung noch gefragt ist, wenn mal wieder die Firma anruft.

Mentorenprogramme

Beraterverträge für pensionierte Experten oder die Mentorenschaft für ältere, erfahrene Mitarbeiter sind ebenfalls probate Mittel, einen Wissenstransfer von Alt nach Jung zu erreichen. Zum Beispiel bei IBM Global Services: "Grundsätzlich ist es möglich, dass sich ein Mitarbeiter einen älteren und erfahrenen Mentor innerhalb des Unternehmens suchen kann, der ihm beruflich weiterhilft", erzählt Bettina Nerbel, bei IBM Global Services zuständig für Knowledge Management und Intellectual Property.

Dabei geht es nicht um das berufliche Fachwissen im engeren Sinne, mit dem der Mentor seinen Schützling vertraut macht, sondern darum, bei der beruflichen Weichenstellung zu helfen mit den Kontakten und der Lebenserfahrung, die der Ältere hat. "Mein eigener Mentor hat mir geholfen, ein Netzwerk aufzubauen und mich immer wieder kritisch begleitet. Wer viele Jahre Menschenkenntnis und Berufserfahrung hat, sieht Fehler beim Anfänger natürlich sofort."

Starthilfe von Expertinnen

Nach einem ähnlichen Prinzip arbeitet auch das Hamburger Expertinnen- Beratungsnetz, eine Institution, bei der erfolgreiche Frauen verschiedener Berufssparten, die bereits aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sind, jüngeren Starthilfe in Sachen Karriere geben.

"Wir legen Wert auf den generationenübergreifenden Kontakt von Frau zu Frau", erzählt Sabine Podolsky vom Expertinnen-Beratungsnetz Hamburg, für das mittlerweile rund 50 Ruheständlerinnen ehrenamtlich in Rat und Gespräch aktiv sind. "Frauen wissen eher, mit welchen Problemen ihre Geschlechtsgenossinnen zu kämpfen haben und welche Steine ihnen in den Weg gelegt werden. Sie haben im Laufe ihres Berufslebens schließlich einiges durchfechten müssen, um es bis nach oben zu schaffen."

Wie die 67-jährige ehemalige PR-Managerin Ruth von Schnakenburg: "Ich habe in den vielen Jahren so viel Wissen über den Beruf zusammen getragen, das möchte ich gerne weiter geben. Nachfolger und Konkurrenten wollen davon nichts wissen, Freunde und Familie auch nicht. Nur Fremde, die den gleichen Weg noch vor sich haben, trauen sich, ungeniert Fragen zu stellen."

Handwerker als Berater

Sein Erfahrungswissen nicht einfach in den Ruhestand zu verabschieden, wenn der Mitarbeiter geht, gilt übrigens auch fürs Handwerk: Eine Studie der Handwerkskammer Hamburg hat sich damit beschäftigt. "Es zeigt sich, dass viele Handwerker am Bau schon mit Mitte vierzig in die Frührente gehen, weil sie körperlich nicht mehr können. Aber dann sind sie gerade durch ihre Lebenserfahrung und die langjährige Erfahrung am Bau gut in anderen Dingen: Umgang mit Menschen, Organisation, Kenntnis auch anderer Gewerke", so Uli Zens von der Handwerkskammer.

Solche Leute nicht durch Umschulung in andere Berufe oder in den frühzeitigen Ruhestand zu verlieren, hat sich die Institution zum Ziel gesetzt. "Sie können ihr Know-how einsetzen, indem sie Bauherren beraten, Baustellen organisieren und ähnliches. Da kommen die wirklichen Stärken der Älteren zum Tragen."