Bewerbung Wie lange muss ich in einem ungeliebten Job durchhalten?

SZ-Leser Thomas F. ist unzufrieden mit seinem aktuellen Arbeitgeber. Kann er sich nach nur einem Jahr auf neue Stellen bewerben? Karriere-Experte Vincent Zeylmans weiß Rat.

SZ-Leser Thomas F. fragt:

Ich arbeite seit gut einem Jahr als Ingenieur in einem kleinen Unternehmen. Dort wird recht kurzfristig gedacht: Projekte werden schnell durchgedrückt, Fehler nur notdürftig behoben, langfristige Verbesserungen werden nicht umgesetzt, Teamarbeit findet nicht statt, jeder arbeitet isoliert vor sich hin. Ich habe anfangs versucht, meine Ideen einzubringen, aber die Unternehmensleitung sieht keine Notwendigkeit, an den Strukturen etwas zu ändern. Andere Mitarbeiter teilen viele meiner Auffassungen, haben aber meist resigniert. Deshalb bewerbe ich mich nun neu. In Vorstellungsgesprächen stoße ich nun auf das Problem, meinen gewünschten Wechsel zu erklären. Oft sieht es so aus, als sei ich unfähig oder unwillig, Konflikte zu lösen. Oder es wirkt, als wolle ich über meinen alten Arbeitgeber lästern. Was kann ich hier sagen? Oder sollte ich einen anderen Grund für den Wechsel vorgeben?

Vincent Zeylmans antwortet:

Lieber Herr F., wer nach einem Jahr den Arbeitgeber wechseln möchte, muss dieses in der Tat gut begründen. Unternehmen erwarten, dass Sie im Normalfall mindestens drei Jahre eine Funktion ausüben. Ab diesem Zeitpunkt wird es als legitim angesehen, dass Sie sich weiter entwickeln wollen. Vielleicht weil Sie auf einen Job stoßen, der besser zu Ihnen passt. Oder weil Sie die Chance bekommen, bei einem renommierteren Arbeitgeber einzusteigen. Oder Sie entscheiden sich für eine Führungskarriere und können das anderswo besser erreichen.

Der SZ-Jobcoach

Vincent Zeylmans war jahrelang Abteilungsleiter in internationalen Konzernen und kennt deren Rekrutierungspolitik aus der Praxis. Heute lebt er als Buchautor, Führungskräftecoach und Managementtrainer in Emmerich am Rhein.

Ein Wechsel nach einem Jahr ist allerdings erklärungsbedürftig. Der potenzielle Arbeitgeber könnte den Eindruck gewinnen, dass es Ihnen an Ausdauer fehlt. Oder dass Sie sich in neuen Situationen nur unzureichend durchbeißen. Schließlich beruhte der Einstieg beim derzeitigen Arbeitgeber auf einer Fehleinschätzung. Ihr Gesprächspartner könnte auch verunsichert sein und sich fragen, ob Sie in der neuen Funktion länger bleiben.

Daher empfehle ich Ihnen, zunächst durchzuhalten. Das ist zumutbar, wenn ausreichend Motivation vorhanden ist. Wenn Sie unabhängig vom unstrukturierten Umfeld Ihren Job erledigen können, sollten Sie diese Option ernsthaft in Erwägung ziehen. Wenn Sie nach zweieinhalb Jahren beginnen, sich umzuorientieren, kommen locker drei Jahre zusammen, bevor Sie eine neue Stelle antreten können. Das ist für Sie vielleicht überschaubar.

Wenn Ihnen das nicht möglich ist, müssen Sie gut über die Begründung nachdenken. Sie haben recht: Schuldzuweisungen oder Selbstmitleid helfen nicht weiter. Enttäuschungen und Bitterkeit werden zum Bumerang. Daher sollten Sie jede Wertung vermeiden. Sie können bestimmte Geschäftspraktiken neutral darstellen und erklären, dass diese nicht mit Ihrer Persönlichkeitsstruktur übereinstimmen. So könnten Sie beispielsweise darlegen, dass bei Ihrem derzeitigen Arbeitgeber eher kurzfristig und flexibel entschieden wird, Sie aber ein langfristiges Handeln bevorzugen. Diese Beobachtung sollten Sie unbedingt mit persönlichen Lektionen verbinden. Erwähnen Sie, dass Sie Ihre schnelle Entscheidung für diese Firma im Nachhinein als Fehler ansehen. Und dass Sie daraus gelernt haben, sich eingehender mit der Unternehmenskultur zu befassen. Sie können auch sagen, dass Sie sich künftig zunächst mit dem Team unterhalten wollen, bevor Sie erneut einen Job antreten.

So entsteht beim neuen Arbeitgeber der Eindruck, dass Sie aus Ihrer Erfahrung der Vergangenheit gelernt haben. Schließlich gilt: Selbstreflexion und persönliche Weiterentwicklung sind gute Empfehlungen für einen neuen Job.

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