Berufswelt Vermarkte dich und verkaufe dich teuer

Wandeln sich Angestellte zu "Arbeitskraftunternehmern"?

Von Sylvia Englert

(SZ vom 30.6.2001) Ein Rädchen im Getriebe - mehr war der typische Angestellte im frühen 20.Jahrhundert nicht. Die Unternehmen begeisterten sich für den Taylorismus, der darauf beruhte, die Arbeit bis in kleinste Einzelschritte durchzustrukturieren und die Arbeitskräfte mit Adlerauge zu kontrollieren.

Heute weisen die Zeichen in eine andere Richtung: Unternehmerisches Denken ist nicht nur für die neuen Selbständigen wichtig, sondern hält zunehmend auch in gewöhnlichen Beschäftigungsverhältnissen Einzug. "Arbeitskraftunternehmer" haben Wissenschaftler das neue Leitbild getauft. Hervorgebracht haben es neue betriebliche Organisationsformen und ein gesellschaftlicher Wertewandel hin zu mehr Individualismus. "Ein Arbeitskraftunternehmer organisiert seine Arbeit selbst und wartet nicht, bis der Chef ihm sagt, was er zu tun hat", definiert dies der Industriesoziologe Günter Voß von der TU Chemnitz. "Außerdem sieht er sich selbst als Produkt, das man entwickeln und auch verkaufen muss. Er ist also Unternehmer seiner selbst und zeigt ein Marktverhalten." Mit leuchtenden Augen beschwören Manager landauf, landab dieses unternehmerische Denken, französelnd "Entrepreneurship" getauft, verspricht es doch verantwortungsvoll arbeitende, kreativere Mitarbeiter.

Neues Leitbild

Doch so richtig durchsetzen konnte sich das neue Leitbild bislang nicht, wenn auch die Zeichen des Wandels überall zu finden sind. Noch ist die neue Arbeitsphilosophie am häufigsten in der New Economy anzutreffen. "Bei uns ist ein solches Arbeiten eine Selbstverständlichkeit", meint Matthias Schmidt- Pfitzner, Vorstandssprecher des Online-Auktionshauses ricardo.de. Seine Mitarbeiter schätzen die Freiräume, die ihnen dieses Verständnis von Arbeitskraft bietet. Mit leisem Neid auf so viel Motivation versucht die Old Economy nachzuziehen: So nahm sich beispielsweise der traditionsreiche Versicherungskonzern Gerling vor, sich zu einem zukunftsfähigen Unternehmen zu formen - dazu gehörte, 4500Angestellte für eine selbstverantwortlichere Art des Arbeitens zu begeistern. "Im anstehenden Prozess des Wandels war dieses neue Rollenverständnis hin zu mehr unternehmerischem Denken Voraussetzung dafür, die strategischen Ziele des Konzerns in Reichweite rücken zu lassen", erklären die Gerling- Personalentwickler Hubert Pane und Horst-Dieter Schrader. Wie groß die Hürden bei der Umsetzung waren, die 1998 begann, erstaunte sie dann aber selbst. Geplant war ein Aufbruch - was stattfand, war meist ein zäher Stellungskrieg. Beharrlich kämpften die Mitarbeiter um ihren gemütlichen Angestelltenstatus, den Personalentwicklern schlugen Abwehr und Unverständnis entgegen.

Hehre Ziele

Auch in anderen Konzernen kommt der Wertewandel nicht gut an, wenn er von oben verordnet wird: "Entrepreneurship ist ein schönes Schlagwort, um den Leuten noch mehr Arbeit und Pflichten aufzudrücken", meint Andreas Beil (Name geändert), Mitarbeiter eines Technologiekonzerns. "Mir wird inzwischen ein bisschen schlecht, wenn ich so übergestülpte hehre Ziele höre." Andere fühlen sich von den neuen Anforderungen überfordert, wünschen sich mehr Orientierung oder Schulung. "Leider stehlen sich viele Führungskräfte aus der Verantwortung, indem sie sagen: ,Ich bin hier doch bloß der Coach, macht mal selber!' ", kritisiert Voß. "Damit lassen sie die Leute allein." Aber auch für die Unternehmen ist das neue Selbstverständnis ihrer Angestellten nicht immer ein Grund zum Jubeln: Arbeitskraftunternehmer sind darauf eingestellt, sich marktorientiert zu verhalten und selbstbewusst ihre Interessen zu verfolgen. In der Praxis heißt das: Kommt von einem anderen Unternehmen ein besseres Angebot, ist die Kündigung schnell getippt.

Werden wir einmal alle als Arbeitskraftunternehmer agieren, ob angestellt oder selbständig? "Vielleicht noch nicht in fünf Jahren, aber in zehn Jahren hat sich das zumindest als eins von mehreren Leitbildern durchgesetzt", glaubt Günter Voß. "Vor allem auch deswegen, weil die jüngere Generation es schon als selbstverständlich akzeptiert hat."