"Die Toiletten sind dort drüben"
Anna Sam: Manchmal, wenn es ganz schlimm wird, sagt sie: "Du Arsch." In Gedanken. (© Foto: Marc Olivier)
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Ja, das mag ja alles sein, werden spätestens jetzt die Ersten sagen. Aber hat mir nicht erst gestern eine Kassiererin im Supermarkt den Preis entgegengebellt und sich über den Fünfziger beschwert, mit dem ich den Joghurt zahlen wollte? "Jeder hat mal einen schlechten Tag", verteidigt Anna Sam ihre Zunft, "es ist eine Sache der Verhältnismäßigkeit." Kunden sähen maximal eine Kassiererin im Supermarkt pro Tag. Sie hätte hingegen täglich bis zu 300 Kunden bedient. Anna Sam liebt Statistiken, und so hat sie errechnet, dass sie 800 Kilo Waren pro Stunde anhebt, 20 Artikel pro Minute einscannt und 30 Mal pro Tag sagt: "Die Toiletten sind dort drüben." 15 Mal fragen Kunden, die die Kasse meinen, Anna Sam: "Sind Sie offen?" Und in zehn von 15 Fällen lacht sie und sagt: "Ich nicht, aber Sie vielleicht?"
Anna Sam betreibt eine sehr amüsante Kundenkunde im Zoo Supermarkt, "einen magenbitteren Sozialreport liest ja eh keiner", sagt sie. Sie setze darauf, dass Leute sich erst amüsieren und dann über sich nachdenken. Und so lacht man viel bei der Lektüre und am meisten über sich selbst. In mindestens einem der vielen Archetypen, die Anna Sam im Supermarkt ausgemacht hat, findet der Leser sich garantiert wieder. Vielleicht ist er einer von denen, die Einkaufen als strategische Kriegsführung begreifen und sich in Guerillamanier unter dem Gitter durchrollen, in der Sekunde, in der der Markt öffnet.
Wie im Theater
Oder er gehört zur Gruppe der Trickteiler, die an der 10-Teile-Kasse mit 40 Artikeln anrücken, und die in vier Packen aufteilen. Oder er versteht Supermärkte als Orte für sozialdarwinistische Übungen und stellt den leeren Wagen an die Kasse, um später alte Gebietsansprüche einzufordern. Vielleicht gehört er auch zur allergrößten Gruppe, an die Anna Sam eigentlich nur einen Wunsch hat: "Sagt doch wenigstens mal Hallo!"
Fast sei es wie im Theater. Als Kassiererin habe man den Logenplatz. Was wird gegeben? Drama? Tragödie? Komödie? "Etwas von allem", sagt Anna Sam. Damit ihr keine Szene entwischte, fing sie im April 2007 an, Zettel neben die Kasse zu legen, um am laufenden Band zu notieren. Ihre Chefs hätten das nie bemerkt. "Hauptsache, die Kasse stimmt." Im Internet schrieb sie auf caissierenofutur.over-blog.com unter dem Pseudonym Miss Pastouche ihre Kolumnen, und innerhalb kürzester Zeit wurde sie zum Star, ihr Blog hatte zuletzt 600.000 regelmäßige Leser.
Nette Mails von Kunden
Magazine bettelten die Unbekannte um Interviews an, und am Ende bekam die bekannteste Kassiererin Frankreichs in einer Talkshow ein Gesicht. Kurz drauf, im Januar 2008, kündigt sie in ihrem Supermarkt. "Das wär auf Dauer nicht gutgegangen", sagt sie. Ein halbes Jahr später erschien ihr Buch. Kolleginnen aus aller Welt schreiben Anna Sam, der Jeanne d'Arc der Kassiererinnen, von ihren abstrusesten Erlebnissen, ihre alten Chefs klopfen ihr auf die Schulter, wenn sie einmal die Woche in ihren alten Supermarkt kommt. Ja, auch nette Mails von Kunden gibt es, aber deutlich weniger.
Gerade schreibt Anna Sam am zweiten Buch. Auch darin geht es wieder um den Supermarkt, aber nicht um Kassen, mehr will sie noch nicht verraten. Zurück an die Kasse will sie nie mehr, sagt sie. In den nächsten Monaten wird sie ihr gleichwohl erhalten bleiben: In ihrer alten Supermarktkette schult sie nun Kassiererinnen - im Umgang mit schwierigen Kunden.
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(SZ vom 28.1.2009/bön)
DFB-Torhüter ter Stegen
Die Arbeit ist sehr schwer und schlehct bezahlt.
moin,
also ich hab zum abi damals auch an der kasse als pauschalkraft gearbeitet, wenn man das so nennen kann. das ist inzwischen schon ein paar jahre her. das soll jetzt nicht überheblich klingen, aber man kommt heut ja schon etwas rum wenn man will und meine erfahrung in den supermärkten europas zeigt, dass es zu deutschland wenig unterschiede gibt: kauft man in einem laden, der niedrige preise durch sparen am service und an der arbeitskraft ermöglicht, dann merkt man das mit unter auch. nur in deutschland regt man sich halt darüber auf.
als ich das damals angefangen hab, war ich eigentlich noch motiviert. wer wollte als kind nicht schon mal selbst die produkte über den scanner ziehen. aber nach einem jahr haben die pauschalkräfte in meiner alterklasse das wort "Kunde" nur noch als schimpfwort gebraucht. im sinne von scherzen untereinander wie "Mach mich nicht an du Kunde!".
das lag aber nur zum teil an den kunden selbst. obwohl einen geschätzt 40% behandeln wie einen arsch, 20% gar nicht wahrnehmen und 30% wahrscheinlich selbst im einzelhandel arbeiten. die restlichen 10% zählen zu den seltenen leuten, die in deutschland auch auf der straße von selbst lächeln.
was mich damals mit am meisten demotiviert hat, war dass der arbeitgeber lieber mehr geld in sinnfreie schulungen zur kundenfreundlichkeit gesteckt hat, als den leuten mehr als 5,10 (2002) pro stunde zu zahlen oder ihnen die vorgesehenen pausen zu gewähren. das ganze lächerlich gemacht hat das übliche motivationsgedöns, von wegen wir sind eine tolle familie und überhaupt seien sie froh für uns arbeiten zu dürfen.
das highlight war sicher der chef, der 3x pro jahr gewechselt hat. den ersten hatte man ja noch ernst genommen.
das einzige was mich damals bei der stange gehalten hat, bevor ich einfach nicht mehr hingegangen bin, waren die kollegen und kolleginnen und die direkten vorgesetzten der kassenaufsicht, die den gleichen hang zum sarkasmus hatten und mit denen man sich bei der unbezahlten dreiviertelstunde putzen nach filialschluss die besten geschichten des tages erzählen konnte und das waren einige.
und zur stundenbeschränkung der arbeit als pauschalkraft sei noch soviel gesagt, dass ich noch fast ein halbes jahr lang weiter lohn bekommen habe. als tipp: das war kein fehler in der buchhaltung.
vor ein paar monaten war ich zufällig mal wieder da und kannte, bis auf ein deutlich gealtertes, kein gesicht mehr dort.
zu kunde und kundin selbst ist ja schon im artikel selbst einiges gesagt und im buch wohl noch mehr. aber ich habe auch selbst festgestellt, dass es nicht immer einfach ist jedem menschen gegenüber freundlich zu sein, sei es der busfahrer, der bahnschaffner, der servicekraft am schalter xy oder die kassiererin. manchmal gehts einem einfach nicht so gut. aber es war schon auffällig wie vielen leuten es - damals zumindest - nicht gut genug ging für einen normalen menschenumgang.
und wenn ich heute in der schlange hinter jemanden stehe, der sich aufregt, dass beim discounter nur eine kasse offen ist - dann kann ich mir ein ehrliches lächeln nicht verkneifen. denn dann muss ich mich auch immer daran erinnern, wie die ätzensten kunden zufällig ausversehen einen joghurt zuviel hatten oder dann eben mal ein paar stornos am stück. und bei den richtig unfreundlichen, denen es nicht schnell genug gehen konnte habe ich immer besonders gründlich, sorgfältig, ausführlich alles auf inventurdifferenz prüfend gearbeitet und das geld gewissenhaft auf echtheit geprüft. ganz nach vorschrift, sogar mit einem netten lächeln. das war zwar nich so häufig, aber seien wir ehrlich, solche leute sind jedem schon mal über den weg gelaufen und wer hätte es ihnen nicht gewünscht?
Nun ja backloader wird sich doch wohl an Ironie versuchen, denke ich mal.
Und unsere liebe Michaela - nun ja, könnte es sein, daß sie ein Fake ist?
Habe irgendwie nicht das Gefühl, daß hinter dem Pseudonym tatsächlich ein Hartz-IV-Empfänger steht.
Vielleicht möchte da nur jemand Reaktionen provozieren und als die im gewünscheten Maße ausblieben, einfach doppelt gepostet?
Nur so ein Gefühl.
@Rhinelander
Es muß doch nicht alles gleich Literatur sein, also ich für meinen Teil lese auch ganz gerne mal etwas Unterhaltsames und Sie anscheinend auch, sonst hätten Sie den Artikel ja problemlos überspringen können.
Allgemein wollte ich noch hinzufügen, daß ich verdammt froh bin, nie in der Kasse oder als Kellner gearbeitet zu haben, sondern immer in der Küche oder mal auf dem Lager - da mußte ich nämlich nicht ständig nett und freundlich zu Kunden sein.
MfG
sie wissen sicherlich, das wenn sie an der Kasse nicht in Mach 1,3 ihre Ware von dem lächerlich kurzen Band nehmen, zählt das die Kasse als Leer-zeit für die Kassiererin.
Wohl dann auch jedes freundliche "weil überflüssig" nette Wort.
Alle wollten die Zeiten die sie jetzt haben, denn sie sind ja so wunderschön modern.
Paging