An Sudbury-Schulen lernen Kinder ohne Klassen und Noten - und Skeptikern zum Trotz auch ohne Chaos.
Es gab eine Zeit, da hat Willemijn Hartkamp, Schülerin im holländischen Amersfoort, ganze Schultage lang aus dem Fenster gestarrt. "Die Lehrer haben mir nichts zugetraut, ich hatte schlechte Noten, und in der Klasse war ich nicht gerade beliebt", erzählt die 16-Jährige. "Ich war kurz davor, depressiv zu werden." Damals begann eine große Diskussion im Haus der Familie Hartkamp: Was ist denn eigentlich Lernen? Und wie müsste die ideale Schule aussehen?
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Frontalunterricht ist an Schulen, die nach der Sudbury-Methode unterrichten, nicht vorgesehen. (© Foto: AP)
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Am Ende stand der Entschluss, eine eigene Schule zu gründen. Eine Schule nach dem Sudbury-Modell, deren erste 1968 in den USA, im Sudbury-Tal von Massachusetts, eröffnet wurde. Dort entscheiden die Schüler selbst, was und wie sie lernen. Es gibt keine Noten, keine Klassen und Unterricht nur dann, wenn die Schüler es wünschen. Sie haben die gleichen Rechte wie die Lehrer.
Deutschland hinkt hinterher
Mit diesen Merkmalen gehören die Sudbury-Schulen zur Bewegung der "demokratischen Schulen", von denen es weltweit mittlerweile mehr als 100 gibt. In Deutschland bemühen sich die meisten Initiativen bisher allerdings vergeblich um eine Genehmigung. "Das hängt auch damit zusammen, dass das deutsche Schulsystem mehr als andere von Hierarchien geprägt ist", sagt der Erziehungswissenschaftler Hans Brügelmann von der Universität Siegen, der sich seit langem mit dem Thema beschäftigt.
Zu den wenigen demokratischen Schulen hierzulande gehört die Neue Schule Hamburg, mitbegründet von der Sängerin Nena, die sich ebenfalls an Sudbury orientiert - und prompt in die Kritik geraten ist. Von prügelnden Schülern und großem Durcheinander war die Rede. Die Schulgründer beteuern, Gewalt werde auf keinen Fall toleriert. Und die Erziehungswissenschaftlerin Tanja Pütz von der TU Dortmund, die die Schule wissenschaftlich begleitet, betont, im Laufe des ersten Schuljahrs seien viele verbindlichen Regeln entstanden. "Von Regellosigkeit kann nicht gesprochen werden."
Auch als die Hartkamps und ihre Mitstreiter vor eineinhalb Jahren ihre neue Schule "De Kampanje" im Flügel eines alten Klosters eröffneten, war die Skepsis zunächst sehr groß. Wie sollen Kinder lernen, wenn ihnen niemand eine Richtung vorgibt? "Jeder Mensch trägt die Motivation zu lernen in sich, wenn man ihn lässt", argumentieren die Sudbury-Anhänger. Die andere Sorge: Sowas muss im Chaos enden!
Lesen mit Vergnügen
Die Kampanje beweist allerdings bisher das Gegenteil. Entspannt und freundlich geht es hier zu. Erst zehn Schüler gibt es momentan, es sollen einmal 85 werden. Ein Junge arbeitet am Computer, ein Mädchen spielt Gitarre, ein paar Kinder toben draußen. Ordentlich ist es, in der Sitzecke, auf den Arbeitstischen, genauso in der Chemie-Abteilung. Denn für alles hier gibt es Regeln - nachzulesen in einem dicken Ordner, vom Grundsätzlichen (niemand darf einem anderen Gewalt zufügen) bis zum Speziellen: In der Schule wird nicht gerannt, und wer die Kaffeemaschine benutzen will, muss ein Zertifikat erwerben.
Willemijn geht summend durch die Räume. Das Lernen ist für sie nun tatsächlich ein Vergnügen. Mit Hilfe von Harry Potter und einem Wörterbuch hat sie Englisch gelernt. Kein Schulgong hat sie unterbrochen. Jetzt brennt sie für ein neues Projekt: Gemeinsam mit anderen will sie ein Musikfestival organisieren. Ein Ort muss gefunden werden, ein Termin, die Bands, die Finanzierung. Es ist diese Art von Lernen, um die es an der Kampanje geht, aus eigener Begeisterung heraus, mit Aufgaben aus dem Leben. Glaubt man dem Neurobiologen Gerald Hüther, ist dies der einzig wirkungsvolle Weg. "Lernen ist nur nachhaltig, wenn es erfahrungsbasiert ist. Das ganze Auswendiglernen kann man vergessen", sagt Hüther.
Auch die anderen Schüler schätzen ihre Freiheit und ihre Verantwortung: Linda konnte irgendwann lesen und weiß selbst nicht genau, wie sie es gelernt hat. Patricia studiert Niederländisch, freiwillig, weil es sie interessiert und natürlich auch, weil es ihr später nützen könnte. Das Mädchen lernt mit Hilfe eines Internetprogramms, manchmal fragt sie Lehrer, die hier Mitarbeiter heißen, oder Mitschüler, oder sie liest ein Buch. "Die Schüler wählen ganz unterschiedliche Wege, um an Wissen zu kommen", sagt Anjo Snijders, einer der Mitarbeiter.
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Ägypten
Nix gegen Nena! ;-)
Zumindest das sollte staatlich untersagt werden. Das Diplom ist schließlich ein akademischer Grad! Ich kann schließlich auch nicht einfach Meistertitel vergeben.
Ich habe am eigenen Leib erfahren, wie ein rigides Schulsystem den Wissensdrang und die Intelligenz dämpfen kann. Meine Noten (und das vor vierzig Jahren) sackten dramatisch ab, als ich von einer liberalen zu einer traditionellen Schule wechselte. Alles Wichtige im Leben habe ich mit großem Fleiß und Begeisterung außerhalb der Schule gelernt, weil es mich interessierte.
Mein einziges Bedenken: Es müssen doch supertolle kreative und initiative LehrerInnen/PädagogInnen sein, die Rede und Antwort zu den vielen Interessensgebieten der SchülerInnen stehen können. Ob wir imstande sind, solche hervorzubringen?
20 Kindern keinem Kind vom Lehrer mitgegeben werden. Die Lehrer laufen ja selbst orientierungslos vom Burn-Out zur Depression
Führung, dazu sind die meisten deutschen Pädagogen gar nicht fähig, leider die Eltern auch nicht
Ich finde es ist durchaus an der Zeit sich auch mal neue Modelle anzusehen, ob diese immer für alle gut sein müssen, steht gar nicht zur Debatte.
Sehr gerne würde ich meinen Kindern einen solch ungezwungenen Umgang mit Wissen und lernen vermitteln. Leider werde ich dafür wohl in die Niederlande ziehen müssen... aber warum leider?
Der letzte Absatz des Artikels zeigt m.M.n. warum das Sudbury Modell gerade in Deutschland so viel Ablehnung erfährt.
Selbewußte zufriedene Menschen sind nicht so leicht manipulierbar!
Das ist nicht erwünscht, denn es stellt unsere Gesellschaftsstrukturen in Frage. Das bereitet Angst denn es bedeutet die Komfortzone zu verlassen, sprich z.B. Machtverhältnisse zu verändern.
@ FaithFux
Warum muss Disziplin immer Zwang und Spaßfreiheit bedeuten?
Lesen SIe doch noch einmal den letzten Absatz dieses Artikels - gibt Ihnen das nicht zu denken?
Zitat:
"Wer die Absolventen erlebe, merke schnell, "dass sie selbstbewusst sind und dass sie wissen, was sie tun". Die Sudbury-Valley-Schule in Massachusetts hat vor drei Jahren eine Studie veröffentlicht, in der sämtliche Ehemalige der letzten 40 Jahre befragt wurden. Mehr als 80 Prozent haben eine akademische Laufbahn eingeschlagen, die meisten erklärten, mit ihrem Leben zufrieden zu sein."
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