Akademischer Ausverkauf Lehre zum Spottpreis

Privatdozenten und Lehrbeauftragte müssen sich für karge Honorare an den Hochschulen verdingen.

Von Katja Riedel und Claudia Schuh

Neun Euro: Das sind drei Feierabendbier, zwei Laib Brot, ein Taschenbuch. Oder 45 Minuten Lehre, abgehalten von jungen, arbeitswilligen Akademikern an einer der drei Exzellenz-Hochschulen Deutschlands, an der Münchner Universität. Dort ist Magnus Treiber Lehrbeauftragter und gibt für 270 Euro im Semester ein Grundlagenseminar in Ethnologie. Nicht eingerechnet ins Honorar sind all die vielen Stunden, in denen er sich vorbereitet, Studierende berät, Hausarbeiten korrigiert. So bleibt, ehrlich kalkuliert, ein karger Lohn: "Das sind faktisch zwei, drei Euro pro Stunde." Die Bezahlung reiche nicht mal für ein U-Bahn-Ticket. Es sei ein hartes Pflaster, über das man gehen müsse, um die Chance auf eine wissenschaftliche Laufbahn zu wahren.

Mitunter gibt es keinen Cent: Mancher Lehrbauftragte lebt unter Hartz-IV-Niveau.

(Foto: Foto: photodisc)

Aus Protest gegen ein System der Ausbeutung haben die Lehrbeauftragten der Ethnologie im vergangenen Semester ihre Lehraufträge nicht angenommen. Laut Bayerischer Lehrauftrags- und -vergütungsvorschrift stünden ihnen zwischen 21 und 60,60 Euro pro Unterrichtsstunde zu - die freilich mit Verweis auf den klammen Haushalt nie gezahlt wurden. Gebracht hat der Protest bisher lediglich Gespräche: mit Institutsvertretern, Dekanat und Universitätsleitung.

"Es ist völlig klar, dass die schlechte Bezahlung der Lehrbeauftragten ein unbefriedigender Zustand ist", sagt Bernhard Huber, Rektor der Münchner Uni. Die Fakultäten stünden vor der Wahl: Entweder Lehraufträge gleichbleibend schlecht zu bezahlen oder weniger Verträge zu vergeben. Das aber ist wohl bei steigenden Studentenzahlen und einer höheren Pflicht-Stundenzahl in Bachelor-Studiengängen nur eine theoretische Alternative. Huber äußert Verständnis für den Unmut der Dozenten, gibt aber zu bedenken, dass ein Lehrauftrag weder den Lebensunterhalt noch das grundständige Lehrangebot sichern soll. "Veranstaltungen von Lehrbeauftragten sollten ein add on sein", sagt Huber, also ein Zusatzangebot zur regulären Lehre.

Doch genau hier hakt es. Während bundesweit Vollzeitstellen für Wissenschaftler reduziert wurden, sind heute 28 Prozent mehr Lehrbeauftragte an Hochschulen tätig als noch 1994. Zudem betrachten immer mehr Lehrbeauftragte ihre Tätigkeit als Hauptberuf.

Eine Studie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Berlin zeigt dies für die Hochschulen in der Hauptstadt. 60 Prozent der befragten Lehrbeauftragten gaben an, über ein monatliches Nettoeinkommen von lediglich bis zu tausend Euro zu verfügen, 23 Prozent sogar von weniger als 600. Matthias Jäne, der für die GEW in Berlin die Umfrage durchführte, nennt die Gruppe der Lehrbeauftragten "völlig schutzlos", weil sie nicht rechtlich vorgehen könne und nicht homogen sei. Jeder finde sein Modell, "irgendwie über die Runden zu kommen".

Von Semester zu Semester, von Lehrauftrag zu Drittmittelprojekt hangeln sich die meist promovierten oder den Doktortitel noch anstrebenden Lehrbeauftragten, die sich zumeist weiter in der Wissenschaft profilieren wollen und auf eine spätere Festanstellung hoffen. Oft ist nicht das geringe Gehalt ausschlaggebend, sondern Ehre und das Plus für den Lebenslauf.