Agentur-Chefin Louisa von Minckwitz im Interview "Wir übergießen unsere Models nicht mit Salatsauce"

Heute Abend kürt Heidi Klum in ihrer Show Germany's Next Topmodel. Die Sendung hat enormes Interesse an allen Jobs vor und hinter der Kamera ausgelöst. Die Chefin der größten deutschen Modelagentur, Louisa von Minckwitz, erklärt, wieso Heidi Klum ein falsches Bild der ganzen Branche zeichnet und welche Berufe es abseits vom Laufsteg gibt.

Interview: Julia Bönisch

sueddeutsche.de: Frau von Minckwitz, stimmt das Bild, das von Ihrer Branche im Fernsehen transportiert wird?

Louisa von Minckwitz

Agentur-Chefin Louisa von Minckwitz:

(Foto: Foto: oH)

Louisa von Minckwitz: Nein, überhaupt nicht. Wir übergießen unsere Models nicht mit Salatsauce, setzen ihnen einen Tintenfisch auf den Kopf oder lassen sie mit wilden Tieren posieren. Auch das, was Model Booker Peyman Amin im Fernsehen tut, hat mit der Realität nur wenig zu tun. "Germany's Next Topmodel" soll aber auch keinen lebensnahen Eindruck von meinem Beruf oder vom Modeldasein liefern, sondern einfach gute Quoten bringen. Das Ziel ist, die Werbeblöcke möglichst teuer zu verkaufen - und das macht Heidi Klum hervorragend. Insofern erfüllt sie ihren Auftrag.

sueddeutsche.de: Wie sieht denn der Alltag als Model Booker wirklich aus?

von Minckwitz: Ein Model Booker vermittelt Models an Kunden. Das muss man sich wie einen Telefonverkauf vorstellen, nur dass es hier um Menschen geht. Außerdem sollte er natürlich sehr genau wissen, welche Bedürfnisse die Kunden haben, um ihm genau das Gesicht oder den Typ zu vermitteln, der am besten zu ihm passt. Alles in allem organisiert er den ganzen Tag - und löst Probleme. Die Models sind schließlich häufig noch sehr jung.

sueddeutsche.de: Welche Schwierigkeiten gibt es denn da?

von Minckwitz: Es kann vorkommen, dass ein Mädchen in Tränen aufgelöst ist und nicht arbeiten kann, weil sich ihre Eltern getrennt haben oder sie Streit mit einer Freundin hat. In solchen Situationen sind Model Booker Arbeitgeber, Psychologe und Mutter in einer Person, da müssen wir uns kümmern. Aber natürlich kann auch bei der Abwicklung des Auftrags einiges schiefgehen: Ein Mädchen ist nicht wie vereinbart bei einem Shooting, weil ein Flug Verspätung hat. Oder ein Termin platzt, ein Kunde ist nicht zufrieden - es kann alles mögliche passieren.

sueddeutsche.de: Wie finden Sie neue Models?

von Minckwitz: Wir machen unsere Entdeckungen zufällig. Ich und meine Model Booker halten unsere Augen immer offen. Das Model Julia Stegner zum Beispiel habe ich auf dem Münchner Oktoberfest aufgespürt. Sie stand dort mitten in der Menge und überragte alle ihre Freundinnen. Ich habe sie sofort angesprochen. Doch Julia Stegner war ein echter Glücksfall. Oft sehe ich einen super Körper, das Gesicht ist aber nicht so gut - oder ich sehe ein tolles Gesicht und der Body passt nicht. Es gibt auch tolle Mädchen, die vor der Kamera einfach nicht rüberkommen.

sueddeutsche.de: Kann man es lernen, sein Auge dafür zu schulen? Wie wird man Model Booker?

von Minckwitz: Es gibt keinen Ausbildungsberuf oder eine Schule, die angehende Model Booker durchlaufen müssen. Auch das Abitur ist nicht Pflicht. Man sollte Deutsch, Englisch und wenn möglich noch eine dritte Fremdsprache beherrschen, ein Organisationstalent sein und sich gut auf Menschen einlassen können. Wenn man das kann, gibt es alle möglichen Wege, in diesen Beruf hineinzurutschen.

sueddeutsche.de: Wie sind Sie zu Ihrem Beruf gekommen?