Joseph Stiglitz zur Finanzkrise "Die Wall Street hat den Krieg der Worte verloren"

SZ: Die USA setzen tatsächlich gerade die Schweiz unter Druck, nicht aber die Caymans, wo die meisten Hedgefonds der Wall Street registriert sind.

Stiglitz: Es bringt nichts, wenn man Liechtenstein oder Monaco dichtmacht und das ganze Geld dann in eine andere Steueroase fließt. Deshalb muss man weltweit vorgehen, ohne Ausnahme.

SZ: Eine andere Gefahr sind die vielen hochriskanten Derivate, die die Banken in den vergangenen Jahren erfunden haben. Wie sollte man damit umgehen?

Stiglitz: Wir sollten eine Behörde schaffen, die diese Produkte prüft und testet, ehe sie zugelassen werden. Das ist bei Medikamenten nicht anders: Ehe Pharmaunternehmen diese vertreiben dürfen, muss der Staat sie zulassen.

SZ: Die Investmentbanken wollen aber neue Produkte, etwa Credit Default Swaps, also eine Versicherung auf Kreditrisiken, schnell auf den Markt bringen. Die wollen nicht ewig warten, ehe sie damit Geld verdienen können.

Stiglitz: Die Welt ist 2000 Jahre ohne Credit Default Swaps ausgekommen. Bricht die Welt auseinander, wenn wir drei Monate länger warten müssen? Umgekehrt kann das Weltfinanzsystem zusammenbrechen, wenn solche Produkte sich als giftig erweisen. Der amerikanischen Wirtschaft würde es nicht schlechter ergehen, wenn man ein oder zwei Jahre auf solche Produkte warten müsste.

SZ: Sollten also insgesamt die Regeln der Finanzmärkte verschärft werden?

Stiglitz: Das ist zwingend. Wir können nicht Banken mit dem Geld des Steuerzahlers herauskaufen und dann sagen: Ihr könnt so weitermachen wie bisher. Die Banken müssen dafür einen Preis bezahlen, wenn sie gerettet werden.

SZ: Sind die Banken dazu bereit?

Stiglitz: Die Wall Street hat den Krieg der Worte verloren, aber den Krieg in der Realität noch nicht. Also sagen die Banken jetzt: Wir wollen mehr Regulierung. Und dann werden sie versuchen, dieser Regulierung auszuweichen oder sie im Gesetzgebungsverfahren zu verändern. Der Teufel steckt leider im Detail.

SZ: Müssten nicht die Investmentbanker, die alle Millionen verdient haben, auch persönlich einen Preis zahlen? Sollte man ihre Steuern erhöhen?

Stiglitz: Absolut. Die Banker haben in den letzten Jahren von sehr niedrigen Steuersätzen profitiert. Das müssen wir ändern. Robert Shiller hat dazu eine sehr gute Idee entwickelt und vorgeschlagen, dass wir unser Steuersystem jedes Jahr an die Ungleichheit in der Gesellschaft anpassen. Wir verändern die Steuersätze ja schon jetzt unregelmäßig. Warum sollen wir das nicht in das Steuersystem so einbauen, dass es automatisch passiert?