Irland in der Rezession Absturz aus dem Paradies

Fast die Hälfte des irischen Bruttoinlandsprodukts entfällt auf das Dienstleistungsgewerbe. "Wir hatten eine Menge, junger fleißiger Leute, aber kein Geld. So nahmen wir gerne das Geld deutscher Banken", sagt der junge irische Bestseller-Autor David McWilliams, der ein Buch mit dem Titel "Die Kinder des Papstes" über den beinahe sagenhaften ökonomischen und sozialen Aufstieg seines Landes in den vergangenen zwei Jahrzehnten geschrieben hat.

Doch nun, im Zeichen der weltweiten Finanzkrise, macht sich unter den Bankern und Brokern Katerstimmung breit. Die Party auf der grünen Insel ist zu Ende. Mehr noch: Die Finanzgiftküche, die in den Docklands angerührt wurde, hat die gesamte Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen. Hinzu kommen drastisch fallende Immobilienpreise und eine Abschwächung des Baubooms. So ist der "keltische Tiger" als erstes Land in der Eurozone in eine Rezession gestürzt - die erste seit 25 Jahren.

Hohe Arbeitslosigkeit erwartet

Die Aussichten sind alles andere als rosig. Das irische Wirtschaftsforschungsinstitut Economic and Social Research Institute (ESRI) schätzt, dass die Arbeitslosigkeit im nächsten Jahr auf acht Prozent steigen wird.

Alles das könnte zudem den Gegnern des EU-Vertrags weiteren Auftrieb geben, fürchten die Experten. Der Wahlslogan zum EU-Referendum über den Vertrag von Lissabon lautete eingängig: "No to Lisbon". Viele Iren wenden sich gegen eine als zu stark empfundene Bevormundung durch Brüssel, obgleich die Insel jahrelang von Subventionen der EU profitierte.

400-Milliarden-Euro teure Bürgschaftserklärung

Im oberen Stock der städtischen Entwicklungsbehörde Dublin Docklands Development Authority (DDDA) blickt Camel Smith auf den träge dahin fließenden Liffey. Das Wasser glitzert in der warmen Herbstsonne. Segelschiffe haben am Kai festgemacht. Darunter ist auch das deutsche Schulschiff der Bundesmarine "Gorch Fock", das auf Stippvisite in Dublin weilt. Die gewaltigen Masten der Bark recken sich in den Himmel. Es ist ein idyllisches Bild. ´

Nur: An diesem Tag breiten sich wieder einmal die Schockwellen des weltweiten Börsenkrise rund um den Globus aus. Auch irische Banken geraten weiter in den Abwärtsstrudel, obwohl der irische Finanzminister Brian Lenihan gerade eine 400-Milliarden-Euro teure Bürgschaftserklärung für die großen Geldhäuser des Landes abgegeben hat.

"Wir sind eine kleines Land. Wir mussten uns immer behaupten", sagt die Docklands-Managerin. Sie zeigt auf das gegenüberliegende Ufer: Dort drehen sich die Baukräne über einem mehrstöckigen, grauen Betonskelett. Dort ent-steht eine neue Zentrale für die Anglo Irish Bank. "Ich bin froh, dass kräftig gebaut wird. Das gibt den Docklands Hoffnung. Wir müssen in die Zukunft blicken", sagt Smith. Sie ist stolz darauf, dass Genehmigungsverfahren für die Ansiedlung von Investoren gerade nur sechs Wochen dauern.

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