Interview mit Harald Falckenberg "Die Wurzeln des Neuen kennen"

Er ist Geschäftsführer von Elaflex und zugleich einer der wichtigsten Sammler zeitgenössischer Kunst in Deutschland. Die Begeisterung anderer Kunstsammler über "Jagdtrophäen" kann er trotzdem nicht teilen.

Interview: Holger Liebs

SZ: Welches Kunstwerk haben Sie zuletzt erworben, und wie viel hat es gekostet? Harald Falckenberg: Zuletzt habe ich eine Foto-Serie des britischen Konzeptkünstlers Victor Burgin gekauft, in der es um den Alltag in Großbritannien geht. Sie hat 50.000 Euro gekostet. Ich möchte meine Sammlung multimedial anlegen, mich nicht nur auf ein künstlerisches Medium konzentrieren. Dennoch liegt der Schwerpunkt meiner Sammlung auf großen Installationen. Vor Burgins Serie habe ich zum Beispiel eine Guantanamo-Zelle von Gregor Schneider gekauft. Die Arbeit kostete 100.000 Euro. Diese Zellen werden handelsüblich in den USA hergestellt und dort in Gefängnissen eingesetzt. Das sind äußerst sparsame Räume, am Rande des Entzugs sinnlicher Wahrnehmung.

SZ: Warum sammeln Sie Kunst? Falckenberg: Kunst ist all das, was der Alltag nicht ist.Ich habe gelernt zu funktionieren, geschäftlich wie privat. Niemand möchte zu einem unroutinierten Zahnarzt oder zu einem unroutinierten Rechtsanwalt gehen. Als Verbraucher erwartet man einwandfreie Produkte. Die Kunst bietet ein ausgezeichnetes Gegengewicht zu Routinen aller Art. Mein öffentliches Engagement für Kunst und Künstler ermöglicht es mir, einen von mir selbst unabhängigen Beitrag zum besseren Verständnis unserer Gesellschaft zu leisten.

SZ: Wann haben Sie zu sammeln angefangen? Falckenberg: Meine erste Arbeit erwarb ich 1994. Der Markt war damals an einem Tiefpunkt angelangt. Das war mein Vorteil, aber ich habe einen typischen Anfängerfehler gemacht, habe auf bekannte Namen gesetzt wie Warhol, Wesselmann, Richter. Die guten Arbeiten dieser Künstler waren längst vergriffen. Mein Freund, der Künstler Werner Büttner, öffnete mir die Augen für die Gegenwartskunst. Erst sechs Jahre später wagte ich es, mir die Kunst einer jüngeren Generation vorzunehmen. Unbequeme, radikale Kunst.

SZ: Welche Kunst genau? Falckenberg: Meine Sammlung hat drei Schwerpunkte: Erstens amerikanische Künstler um Richard Prince, John Baldessari, Paul McCarthy und Mike Kelley. Zweitens die Deutschen Martin Kippenberger, Albert Oehlen, Werner Büttner, Georg Herold. Und drittens, eher verspielt und poetisch, Dieter Roth und Öyvind Fahlström. Dann die nächste Generation um Jason Rhoades, Jonathan Meese und John Bock, die auf Werken dieser Künstler aufbaut, und auch Vorläufer, etwa Vito Acconci, Richard Artschwager, die Wiener Aktionisten und den Situationisten Guy Debord. Vor kurzem habe ich eine größere Arbeit von Kelley gekauft.

SZ: Und die war erschwinglich? Kelley gilt als Hochpreiskünstler. Falckenberg: In diesem Fall hatte ich Glück. In den anderthalb Jahren, die es zur Herstellung dieser Arbeit brauchte, hat sich ihr Preis verdreifacht!

SZ: Warum bevorzugen Sie die dunkle Seite der Kunst? Und woher stammt Ihre Kompetenz in diesem Bereich? Falckenberg: Wieso dunkle Seite? Nach dem Anstoß Büttners habe ich mich auf die Kunst der Postmoderne konzentriert, die Zeit nach dem Scheitern der großen Ideen und Systeme, der Künstlerfürsten und Philosophenkünstler. Das war eine Befreiung. Ich sammle also Kunst, die sich dem Zufall, dem Slapstick, der Ironie und dem Sarkasmus verschrieben hat. Ich habe mir dadurch Wissen angeeignet, dass ich im Vorstand des Hamburger Kunstvereins war, dass ich viel lese und schreibe. Mein Interesse gilt der Kunst der Groteske. Dieses Feld wurde von keinem anderen Sammler bearbeitet. Mein Freund Werner Büttner hat mir viele wertvolle Hinweise gegeben. Man sammelt immer in seiner Zeit - das vergessen die meisten. Irgendwann wird die Sammlung zu groß, man wird zu alt, man hat kein Geld mehr ... dann hört das Sammeln auf. Man sammelt immer nur Ausschnitte.

SZ: Aber Ihre Sammlung ist sehr begehrt, Sie werden dauernd um Ausleihen gebeten. Und um Übernahme Ihrer Sammlung. Hamburg und Berlin sind interessiert. Wem wollen Sie sie übereignen? Falckenberg: Das weiß ich noch nicht. Hamburg fühle ich mich natürlich verpflichtet; hier wird etwas passieren. Ich habe die Ausstellungsräume gekauft und lasse sie herrichten. Aber diese Art von Kunst ist immer noch nicht genügend museal verankert. Warum soll eine Sammlung übrigens nur in einem Museum landen? Damit möchte ich fortfahren - obwohl der Schwerpunkt in Hamburg liegt.