Goldman Sachs-Chef Dibelius "Wir stecken nicht in einer weltweiten Depression"

Alexander Dibelius, Deutschlandchef von Goldman Sachs, über die Mitschuld seiner Branche an der Finanzkrise.

Interview: Martin Hesse und Ulrich Schäfer

SZ: Herr Dibelius, über Sie ist zu lesen, dass Sie Mitarbeiter gelegentlich auch mal nachts aus dem Schlaf klingeln. Können Sie angesichts der Finanzkrise noch ruhig schlafen?

Alexander Dibelius: Deutschland-Chef der Investmentbank Goldman Sachs.

(Foto: Foto: Goldman Sachs)

Dibelius: Ich persönlich ja. Ich verstehe aber, dass die Aussicht auf fehlenden Zugang zu Liquidität einem Bankmanager den Schlaf rauben kann. Als Bank plötzlich keinen Zugang mehr zu Geld zu haben und Unterstützung von der Notenbank zu benötigen, ist sicherlich ein Albtraum. Aber Goldman Sachs hat so gute Vorkehrungen wie möglich getroffen und hält derzeit viel Liquidität vor.

SZ: Eine andere große Investmentbank, Bear Stearns, ist beinahe zusammengebrochen. Wie konnte es dazu kommen?

Dibelius: Die Finanzkrise wird durch Gerüchte, Spekulationen und mangelndes Vertrauen verschärft. Wenn wie offenbar bei Bear Stearns binnen zweier Tage zweistellige Milliardensummen abgezogen werden, kann man fast jede Bank in existentielle Schwierigkeiten bringen.

SZ: Ganz ehrlich, hätten Sie vor einem Jahr eine solch dramatische Entwicklung für möglich gehalten?

Dibelius: Manche haben bereits früh vor Übertreibungen bei schuldenfinanzierten Übernahmen gewarnt. Dass lineare oder in diesem Fall exponentielle Entwicklungen auf Dauer nicht durchzuhalten sind, lehrt schon die Biologie: Eine Bakterienkultur kann für eine gewisse Zeit exponentiell wachsen, aber irgendwann reicht der Nährstoff nicht mehr und sie bricht plötzlich zusammen. Man tut sich jedoch schwer zu erkennen, wann solch eine Entwicklung endet, wenn man selbst mitten drin steckt.

SZ: Warum haben Sie als Investmentbank diese Entwicklung beschleunigt, obwohl Sie die Risiken kannten?

Dibelius: Wir haben sie nicht beschleunigt. Unsere Aufgabe ist es, Angebot und Nachfrage zusammenzubringen.

SZ: Trotzdem fragt man sich doch, wieso niemand die Risiken an den Kreditmärkten sehen wollte.

Dibelius: So pauschal trifft ihre Aussage nicht zu. Aber ich vergleiche das gerne mit Fußball: Sie hören ja auch nicht auf, Fußball zu spielen, weil Sie wissen, in der 90. Minute kommt der Schlusspfiff. Da laufen Sie auch, bis tatsächlich abgepfiffen wird, und bis dahin wollen Sie auch gewinnen. In diesem Fall wussten wir noch nicht einmal, ob wir in der ersten oder zweiten Halbzeit sind.

SZ: Erleben wir, wie der frühere Fed-Chef Alan Greenspan sagt, die schlimmste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg oder gar seit der Weltwirtschaftskrise 1929?

Dibelius: Es ist verfrüht, die Krise in ihrer gesamten Konsequenz einzuschätzen. Im Vergleich zu 1929 ist das Finanzsystem wesentlich erwachsener und widerstandsfähiger geworden. Wir stecken auch nicht in einer weltweiten Depression. Und wir müssen im Moment auch nicht darüber nachdenken, ob dies der jüngste Tag für das marktwirtschaftliche System ist.

Lesen Sie im zweiten Teil, was Alexander Dibelius über staatliche Hilfen für krisengeschüttelte Banken denkt.