Milliardenvermögen wurden vernichtet, eine Weltrezession ist nicht mehr ausgeschlossen. In dieser bedrohlichen Lage muss jetzt das Langfristige vom Kurzfristigen geschieden werden.
David Ricardo war einer der größten Ökonomen der Geschichte. Er erforschte die Einkommensverteilung im Kapitalismus und entdeckte die Vorteile des Freihandels. Ehe er zum Theoretiker wurde, machte Ricardo ein Vermögen an der Börse von London. Seinen für das frühe 19.Jahrhundert erstaunlichen Erfolg verdankte Ricardo zwei Prinzipien: Er ignorierte kurzfristige Euphorien und Depressionen, sondern dachte langfristig. Und er war immer ehrlich, sodass ihm alle in der City von London vertrauen konnten.
Bild vergrößern
Passanten im Londoner Wirtschaftszentrum Canary Wharf (© Foto: AFP)
Anzeige
Eine Weltrezession ist nicht ausgeschlossen
Es wäre gut, sich in diesen Tagen des Ökonomen und Spekulanten David Ricardos zu erinnern. In der Tat geschieht Ungeheuerliches. Die Kreditkrise, die nun schon 14 Monate lang anhält, hat sich erneut dramatisch verschärft. Um eine globale Katastrophe zu verhindern, haben die USA die beiden größten Hypothekenbanken des Landes und die größte Versicherung der Welt de facto verstaatlicht. Milliardenvermögen wurden an den Börsen vernichtet, eine Weltrezession ist nicht mehr ausgeschlossen.
Gerade weil die Lage so bedrohlich ist, muss aber jetzt das Langfristige vom Kurzfristigen geschieden werden. Kurzfristig erlebt die Welt die schwerste Krise des Finanzsystems seit der großen Depression der dreißiger Jahre. Es ist auch eine fundamentale Krise der Vereinigten Staaten, die Nation sieht sich in ihrer Rolle als ökonomische Führungsmacht gefährdet. Es ist aber, historisch betrachtet, keine beispiellose Krise, und schon gar nicht ist der Kapitalismus am Ende.
Die Illusion, es gebe keine Risiken mehr in der Welt
Der Nobelpreisträger Friedrich A. von Hayek lehrte in seiner Konjunkturtheorie, dass Krisen im Kapitalismus immer dann ausbrechen, wenn Geld zu billig ist. Genau dies ist zu Beginn dieses Jahrzehnts geschehen. Die Verbilligung hat eine politische Komponente - die amerikanische Notenbank zögerte viel zu lange mit Zinserhöhungen - und eine technologische: An den Finanzmärkten entwickelten junge, ehrgeizige Genies immer neue, noch komplexere Produkte, die weder die Chefs dieser Genies noch die Beamten in den Aufsichtsbehörden verstanden. Diese Produkte ließen viele glauben, es gebe keine Risiken mehr in der Welt. Als die Illusion im Juli 2007 zerstört wurde, war die große Krise da.
Allerdings hat es lange gedauert, die Folgen dieser Illusion zu beseitigen. Für den Prozess gibt es im Amerikanischen einen sehr anschaulichen Begriff: deleveraging, den Hebel abbauen. Dahinter steckt folgender Gedanke: Kredite wirken wie Hebel; mit ihnen lassen sich Gewinne, aber eben auch Verluste vervielfachen. Viel billiges Geld löst Euphorie aus, der nach einiger Zeit unweigerlich die Depression folgt. Die Krise wird daher erst dann zu Ende sein, wenn die Finanzinstitute ihre Hebel verkürzt haben und zu einer gesunden Kreditpolitik zurückgekehrt sind. Der Weg dorthin ist schmerzhaft und teuer. Zahlen müssen die Schuldigen - Lehman Brothers, Merrill Lynch, AIG, IKB, Sachsen LB -, aber auch viele Unschuldige.
Faktisch enteignete Aktionäre
Mit dem Terminus "billiges Geld" lässt sich auch die Krise Amerikas umschreiben. Seit gut vier Jahrzehnten lebt die größte Volkswirtschaft der Welt über ihre Verhältnisse. Die Amerikaner konsumieren zu viel und sparen zu wenig. Das äußert sich in den Defiziten von Staatshaushalt und Leistungsbilanz, aber auch in den Budgets von Durchschnittsfamilien. Die können ihren Lebensstandard oft nur mit teuren Krediten wahren. Der letzte Exzess dieser Kreditkultur war der Boom zweitklassiger Hauskredite ("Subprime Loans"), dessen Ende im vergangenen Jahr die Krise ausgelöst hat.
Die Krise muss Konsequenzen haben. Ob die Feuerwehreinsätze von Finanzminister Henry Paulson und Notenbankchef Ben Bernanke richtig waren, wird man erst nach einiger Zeit wissen. Beruhigend ist aber, dass die Politiker Lehren aus der Krise gezogen und Verantwortung für das Finanzsystem übernommen haben. Sie sorgten auch dafür, dass nicht einfach Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden. Zwar gingen einige Missmanager mit obszön hohen Abfindungen in Ruhestand, die Aktionäre jedoch, die einst von den Exzessen profitierten, wurden faktisch enteignet. Eine wichtige Lehre für die Zukunft.
Langfristig ist viel mehr nötig. Die Regulierung der Finanzmärkte muss generalüberholt werden. Wer in der Not den Staat zu Hilfe ruft, muss akzeptieren, dass er andere Spielregeln befolgen muss. Die großen Notenbanken müssen umdenken: Sie sollten sich nicht mehr nur um die Geldwertstabilität kümmern, sondern auch versuchen, Spekulationsblasen rechtzeitig zu entschärfen.
Der Prozess der Normalisierung von Konsum und Kredit in den USA wird Auswirkungen auf der ganzen Welt haben. Besonders die Deutschen haben sich früher gerne darauf verlassen, dass die amerikanischen Verbraucher die Weltkonjunktur schon tragen und Exportmöglichkeiten schaffen werden. Das wird künftig nicht mehr gehen. Deutschland muss noch mehr als bisher auf die Produktivität und Innovationsfähigkeit der eigenen Volkswirtschaft achten. Der Finanzsektor schließlich wird schrumpfen: weniger Banken, geringere Gewinne, höhere Reserven und ein transparenteres Geschäft. Vielleicht haben dann alle Ricardos Lektion gelernt: ehrlich bleiben und langfristig denken.
(SZ vom 18.09.2008/jkr)
Ägypten
Die Amerikaner - Die Börse - Die Banken : geht es nicht ein wenig differenzierter?
Wäre das Thema mit einem Substantiv, einem Verantwortlichen, einem verantwortlich zu begründenden Vorgang erklärt, wär's ja schön.
Herr Piper - oder ein anderer Wirtschaftsredakteur sollte einmal beginnen und - ähnlich wie eine Überschrift hier neulich "Telekolleg Finanz..." und die Begriffe auseinandernehmend darzustellen. Schön wäre schon einmal zu erklären, was ein Banker und was ein Bankier ist - oder was eine Investbank mit Bankern gegen eine Investmentbank von Bankiers unterscheidet. Differenziert denken und darstellen - wohl eher nicht möglich?
Für Ihre Information Ricardo war der Theoriker des (aus dem französischen frei übersetzt) "Komparativer Vorteil" : Lass wo anders etwas herstellen, wo es besser passt: z.B. lass das Geschäft vom Wein in England, die Produktion ist so wie so zu aufwendig und unrentabel bei uns, kauft lieber Porto im Portugal und baut mit dem Gewinn Maschinen für die Industrie. Er hatte dazu einiges als Bedingung eingefügt, dass man gern heute vergisst. So dumm war er nicht.
Die USA haben mit ihren massiven Industrieverlagerungen ein chronisches Handelsdefizit in ihrem Land verursacht, und haben dann nicht wertvollere Sachen oder Waren im Austausch zu ihrem gigantischen Konsum anzubieten. Das einzige was sie anbieten sind Schulden inForm von Bonds, oder sie überdimensionieren aktiv Posten wie Ihre Immobilien.
Wenn die Phase des Vertrauens weg ist, und wenn alle die Geschäfte an Wert verlieren, leiden die Banken nicht um ein Leverage-Effekt sondern im Gegenzug zu einem Hammer-Effekt (aus dem französischen frei übersetzt). Das Heißt, Sie wachsen nicht Beschleunigung, anstatt dessen Sie gehen Pleite mit Beschleunigung.
Das Problem für diese Banken, ist wo sie investieren können, weil ein größer Teil des Wachstums in der Welt war künstlich durch ihre eigene Blase und Verschuldung verursacht. Im Moment sieht es global schlecht aus, und die Bankiers (besonders die Investments Banken) finden leider ihren Platz nicht mehr.
Das ganze sollte eine Lehre sein, aber da bin ich etwas skeptisch, so bald es wieder aufwärts gehen wird, werden wir weiter Arbeitsplätze verlagern, werden weiter die Theorie von Ricardo an den Bedürfnisse von Aktionäre und Finanziers (Kapitalien) anpassen. Es werden weiter ALG II-Empänger werden und wir werden resigniert weiter zuschauen (die Politiker zu erst, so lang die Kasse bei ihnen stimmt).
Für Ihre Information Ricardo war der Theoriker des (aus dem französischen frei übersetzt) "Komparativer Vorteil" (lass wo anders etwas herstellen, wo es besser passt: z.B. lass das Geschäft vom Wein in den USA, kauft Porto im Portugal und baut mit dem Gewinn Maschinen für die Industrie). Er hatte dazu einiges als Bedingung eingefügt, dass man gern heute vergisst. So dumm war er nicht.
Die USA haben mit ihren massiven Industrieverlagerungen ein chronisches Handelsdefizit in ihrem Land verursacht, und haben dann nicht wertvollere Sachen oder Waren im Austausch zu ihrem gigantischen Konsum anzubieten. Das einzige was sie anbieten sind Schulden inForm von Bonds, oder sie überdimensionieren aktiv Posten wie Ihre Immobilien.
Wenn die Phase des Vertrauens weg ist, und wenn alle die Geschäfte an Wert verlieren, leiden die Banken nicht um ein Leverage-Effekt sondern im Gegenzug zu einem Hammer-Effekt (aus dem französischen frei übersetzt). Das Heißt, Sie wachsen nicht Beschleunigung, anstatt dessen Sie gehen Pleite mit Beschleunigung.
Das Problem für diese Banken, ist wo sie investieren können, weil ein größer Teil des Wachstums in der Welt war künstlich durch ihre eigene Blase und Verschuldung verursacht. Im Moment sieht es global schlecht aus, und die Bankiers (besonders die Investments Banken) finden leider ihren Platz nicht mehr.
Das ganze sollte eine Lehre sein, aber da bin ich etwas skeptisch, so bald es wieder aufwärts gehen wird, werden wir weiter Arbeitsplätze verlagern, werden weiter die Theorie von Ricardo an den Bedürfnisse von Aktionäre und Finanziers (Kapitalien) anpassen. Es werden weiter ALG II-Empänger werden und wir werden resigniert weiter zuschauen (die Politiker zu erst, so lang die Kasse bei ihnen stimmt).
Hier muss man sich zunächst eine ganze Artikelserie vergegenwärtigen, in der
Herr Piper im Frühjahr letzten Jahres hat verlauten lassen, dass `die USA nach
der Immobilienkrise weich gelandet' seien, dass `deren Auswirkungen milder
als erwartet' seien, und dass die USA `wahrscheinlich' schon Anfang dieses
Jahres wieder ein höheres Wirtschaftswachstum als Europa haben würden.
Soviel zum `ökonomischen Sachverstand' des Herrn Piper und zum Wert
seiner Prognosen....
Es sollte jedem klar sein, dass die Finanzkrise das bisherige Wirtschaftssystem
der USA unmöglich macht. Die scheinbar so famose `Wettbewerbsfähigkeit'
der USA, die hierzulande von Leuten wie Herrn Piper jahrelang beflissen hofiert
wurde, war nämlich offenbar nur durch Raubbau an der Substanz möglich,
genauer gesagt dadurch, dass sich grosse Teile der Amerikaner kontinuierlich
immer höher verschuldet haben. Es muss eigentlich jedem - ausser natürlich
Herrn Piper - klar sein, dass sowas auf die Dauer nicht gut gehen kann - wie
man jetzt auch sieht.
Und es ist meiner Meinung nach klar, dass die blosse Unmöglichkeit weiterer
Verschuldung - von einer Rückzahlung der Schulden ganz zu schweigen -
ziemlich katastrophale Auswirkungen in den USA haben wird. Herr Piper -
ganz der in grossen Zusammenhängen denkende Ökonom - meint nun,
da kommt halt eine kleine `Reinigungskrise' und dann wird die UNSICHTBARE
HAND schon wieder alles richten - mal schauen, ob die seit Jahrzehnten
an exzessiven Konsum gewöhnten Amerikaner das genauso gelassen sehen werden...