Europa vs. USA "Kuhhandel braucht Kühe"

Gibt es Parallelen zwischen der Gründung der USA und Europa? In beiden Fällen wurde erbittert um die Übernahme von Schulden gerungen. Amerika-Experte Collier über Europa, die USA - und überraschende Lösungen.

Interview: Hans von der Hagen

Natürlich ging es ums Geld: Bei Gründung der Vereinigten Staaten vor mehr als 200 Jahren sahen die reicheren Staaten nicht ein, warum sie die Schulden der ärmeren übernehmen sollten. Doch am Ende gab es eine Lösung, die alle zufriedenstellte - und erklärt, warum die US-Hauptstadt zwischen Virginia und Maryland liegt. Kann Europa daraus lernen? Irwin Collier, Ökonom am John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin, über die Vereinigten Staaten und mögliche Parallelen zu Europa.

sueddeutsche.de: Herr Collier, die enorme Verschuldung einzelner EU-Staaten lässt die Furcht wachsen, dass das Konstrukt Eurozone kollabieren könnte. Ist das eine reale Gefahr?

Irwin Collier: Wenn alle mit dem Rücken zur Wand stehen, werden wir erleben, wie entschlossen am Ende doch noch die Eurozone verteidigt wird. Sie entsprang politischem Willen und sie wird mit ökonomischen Mitteln verteidigt, weil es die Politik so will. Natürlich ist es denkbar, dass am Ende doch noch einem der Euroländer nahegelegt wird, die Eurozone zu verlassen - und es im Gegenzug dafür beispielsweise Hilfe bei den Schuldenproblemen erhält.

sueddeutsche.de: Vor mehr als 200 Jahren schlossen sich die Vereinigten Staaten zusammen. Dabei gab es viel Streit. Scheinbar ganz wie heute in Europa. Sehen Sie Parallelen zwischen den Ereignissen heute und damals?

Collier: Je mehr man nach Parallelen sucht, desto vager werden sie. Auf den ersten Blick scheinen sie geradezu bestechend zu sein - in den Vereinigten Staaten gab es die starke Position von Staaten wie Virginia, Maryland oder Georgia, die durchaus mit der von Deutschland heute vergleichbar ist. Diese Staaten hatten ihre Schulden bedient und keine tiefergehenden Probleme. Auf der anderen Seite standen beispielsweise Massachusetts, South Carolina und Connecticut. Das waren damals die amerikanischen PIGS-Staaten. Sie wollten Hilfe haben. Der große Unterschied zu der heutigen Situation in Europa: Schulden wurden damals zur Finanzierung des Unabhängigkeitskrieges gemacht.

sueddeutsche.de: Schulden sind Schulden ...

Collier: Aber es war für viele attraktiv, ein Stück der Vereinigten Staaten zu finanzieren. Man darf nicht vergessen, es ging hier um die Unabhängigkeitskriege und nicht, wie in Europa, beispielsweise um großzügig ausgelegte Pensionssysteme in dem einen oder anderen Land.

sueddeutsche.de: Woher kam das Ungleichgewicht zwischen den Staaten?

Collier: Es gab seinerzeit Kredite in zahlreichen Varianten. Einige Staaten verloren da den Überblick über ihre Schulden - andere hingegen hielten ihre Kasse in Ordnung. Virginia sah natürlich nicht ein, warum es für Massachusetts zahlen sollte. Es fehlte das Gefühl, eine Einheit zu sein. Hier setzte Alexander Hamilton an, ein Gründervater der Vereinigten Staaten. Er wollte den Sinn für das Ganze stärken.

sueddeutsche.de: Wie sollte das funktionieren?

Collier: Indem der Bund einen Teil der Schulden übernahm. Am Beispiel Großbritanniens konnte Hamilton sehen, dass es möglich war, durch die Ausgabe von Anleihen die Rückzahlung von Schulden letztlich ins Unendliche zu verschieben. Wichtig war nur, dass regelmäßig die Zinsen gezahlt wurden, um das Vertrauen der Anleger zu wahren: Investoren wussten dann, dass die Zoll- und Steuereinnahmen reichten, um die Schulden zu bedienen. Das machte es leichter, Kredite an andere zu verkaufen. Auf jeden Fall entwickelte sich ein reger Handel von Ansprüchen auf englische Staatsschulden.

sueddeutsche.de: Also das alte Prinzip: Schulden machen statt Steuern erhöhen?

Collier: Für Hamilton war das natürlich ein reizvoller Gedanke: Mit Hilfe von Anleihen konnten die Schulden der einzelnen Staaten vom Bund übernommen werden, ohne die Steuern deutlich zu erhöhen. Die Boston Tea Party, bei der aus Protest gegen die Zahlung von Steuern und Zöllen an Großbritannien Ladung von britischen Schiffen ins Meer geworfen wurde, zeigte, wie extrem unpopulär Steuererhöhungen auch schon damals waren.