Ethiker Thielemann "Boni machen Mitarbeiter zu Marionetten"

Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann geißelt die Banker-Boni, weil sie wie Brandbeschleuniger wirken. Die Institute befeuern bereits die nächste Blase.

Interview: Harald Freiberger

Ulrich Thielemann, 48, ist Vizedirektor des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen. Sein Urteil über Bonuszahlungen fällt vernichtend aus: Er sieht in ihnen die Hauptursache für die Finanzkrise. Wenn man sie nicht reduziere, sei die nächste Krise programmiert.

SZ: Herr Thielemann, amerikanische Banken schütten höhere Boni aus als vor der Finanzkrise. Was war Ihr erster Gedanke bei dieser Nachricht?

Ulrich Thielemann: Dass die Banken nichts aus der Krise gelernt haben und so weitermachen wie bisher. Die Krise ist im Kern eine gigantische Kapitalblase, die ohne Boni nie hätte erzeugt werden können. Die hohen Boni sind ein deutliches Indiz dafür, dass die Finanzbranche bereits die nächste Blase erzeugt.

SZ: Was macht Sie so sicher, dass Boni die Hauptursache für die Krise sind?

Thielemann: Sie waren das entscheidende Mittel der Banken, um ein falsches Unternehmensziel durchzusetzen, nämlich das der Gewinnmaximierung. Wenn ein Unternehmen alles daran setzt, möglichst hohe Gewinne zu machen, treten moralische Prinzipien in den Hintergrund. Es geht dann nur noch darum, Gewinne anzuhäufen, koste es, was es wolle. Für die Kosten haben natürlich möglichst andere aufzukommen, etwa die Steuerzahler. Über Boni wurden die Mitarbeiter auf Gewinn und sonst gar nichts eingeschworen.

SZ: Aber ist das Hauptproblem dann nicht das falsche Ziel, mehr noch als die Boni?

Thielemann: Beides hängt ja zusammen. Mit den Boni haben die Unternehmen den Mitarbeitern ihre Integrität gleichsam abgekauft. Es zählen nicht mehr professionelle Standards guter Berufsausübung, sondern allein die Erfüllung von Kennzahlen. Bedenken wurden im Bonusregen ertränkt. Boni machen Mitarbeiter zu Marionetten der Zielvorgaben, zu Pawlow'schen Hunden der "Leistungsanreize". Die Folge ist ein fast blinder militärischer Gehorsam.

SZ: Ein Plädoyer für zivilen Ungehorsam im Unternehmen?

Thielemann: Ein Plädoyer dafür, dass jeder Mitarbeiter sich an seinen eigenen professionellen ethischen Maßstäben orientieren soll. Gibt es Boni, ist Befehlsverweigerung kaum mehr möglich, die Mitarbeiter werden in schwerwiegende Konflikte gestürzt, wenn ein Unternehmen fragwürdige Ziele verfolgt. Ich bin sicher, dass Leistungsanreize auch für Korruptionsfälle wie bei Siemens zumindest mitverantwortlich sind. Die Leistungsvorgaben waren so, dass man Vorteile hatte, wenn man einen Auftrag auch über unlautere Methoden beschaffte. Und wenn man es nicht gemacht hat, kam man auf die Verliererstraße, man hatte das Nachsehen gegenüber denjenigen, die mit Erfolgen glänzen konnten.