Entwicklungshilfe Die Hungerkrise

Eine Studie der Vereinten Nationen offenbart Schreckliches: Wegen des Finanzcrashs könnten bis zu 400.000 Kinder sterben.

Von Alexander Mühlauer

Jetzt trifft es all jene, die nichts dafür können. Die Finanzkrise hat die Ärmsten der Welt erfasst - weit stärker, als bisher angenommen. Laut dem Global Monitoring Report der Vereinten Nationen könnten in Folge der Krise zwischen 200.000 und 400.000 Kinder sterben. Es fehlten in den ärmsten Regionen der Welt einfach mehr und mehr Nahrungsmittel, so die Autoren der Unesco-Studie, Kevin Watkins und Patrick Montjourides. "Millionen von Kindern werden als Folge der Finanzkrise einen Schaden erleiden, der für lange Zeit nicht rückgängig gemacht werden kann", sagt Montjourides.

Insgesamt rechnen die Forscher damit, dass das Einkommen der 390 Millionen ärmsten Afrikaner um etwa 20 Prozent sinken wird. Das ist ein Vielfaches mehr als die negativsten Voraussagen für die westliche Welt. Die Hauptgründe dafür sind die abstürzenden Rohstoffpreise sowie ein massiver Einbruch bei den Investitionen in Entwicklungs- und Schwellenländern. Wie es aussieht, wird die Wirtschaftskrise die weltweite Kluft zwischen Arm und Reich weiter vergrößern.

Hilfe aufstocken

Die Unesco-Wissenschaftler erwarten, dass die Krise die Einwohner Afrikas südlich der Sahara 14 Milliarden Euro kosten wird. Pro Person wären das 37 Euro. "Die Armutsbekämpfung in diesen Ländern ist damit gestoppt - ein fatales Signal", sagt Watkins.

Eine Besserung ist der Studie zufolge nicht in Sicht. Im Gegenteil: Es sei zu befürchten, dass die reichen Länder weniger Geld an hilfsbedürftige Regionen zahlten, weil sie in der Wirtschaftskrise selbst welches brauchten. Die Unesco fordert daher eine Aufstockung der Entwicklungshilfe für die 22 ärmsten Staaten der Welt. Der Internationale Währungsfonds (IWF) solle zusätzlich 20 Milliarden Euro in die Hand nehmen und helfen. Sollte die Krise noch schlimmer werden, als vom IWF angenommen, könnten bis zu 114 Milliarden Euro Hilfe nötig werden.

Allein um die von der Unesco gesetzten Ziele im Bildungsbereich zu erreichen, sind 5,6 Milliarden Euro nötig. "Kredite und Spenden können helfen, die Ärmsten der Welt vor einer Krise zu bewahren, die die reichsten Finanzmanager der Welt verursacht haben", sagt Watkins. Er ist wütend. 310 Milliarden Euro hätten Steuerzahler im letzten Quartal 2008 zur Stabilisierung des Bankenwesens hineingepumpt. Da seien die 5,6 Milliarden Euro für das Bildungswesen in armen Ländern doch Peanuts. "Wir können den reichen Ländern nicht erlauben, diese Krise als Ausrede herzunehmen, um sich von den Armen der Welt abzuwenden", sagt Unesco-Generaldirektor Koïchiro Matsuura. Maßnahmen, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln und das Finanzsystem neu zu ordnen, müssen mit stärkeren Anstrengungen verbunden sein, um die Probleme extremer Armut und Ungleichheit auf der Welt einzudämmen, so Matsuura.

Menschen statt Banken

Am härtesten von der Wirtschaftskrise betroffen sind der Unesco-Studie zufolge die Staaten Mosambik, Äthiopien, Mali, Senegal, Ruanda und Bangladesch. Auch die Wachstumsprognosen für andere Länder zeigen nach unten. Glaubt man den Prognosen des IWF, steht den meisten Schwellen- und Entwicklungsländern ein massiver Abschwung bevor. (siehe Grafik)

Während die Europäische Union über Milliardenhilfen für taumelnde Staaten Osteuropas verhandelt, und die Vereinigten Staaten immer mehr Schulden machen, um ihr Wirtschafts- und Finanzsystem zu stabilisieren, gehen die Nöte der Ärmsten der Welt unter. In den Medien werden lediglich alle Rettungspakete für Banken analysiert, so Wissenschaftler Watkins. Jeden Tag eine neue Schlagzeile mit erschreckend vielen Nullen.

Vielleicht blickt die Welt in der Krise auch wieder zu den Menschen, die am meisten Hilfe benötigen, so die Hoffnung des Unesco-Forschers. Nur leider sei man am Ende wohl vor allem sich selbst am nächsten.