Diplomatische Folgen der Finanzkrise Feinde in der Not

Die Finanzkrise vergiftet die Beziehungen zwischen Isländern und Briten. Der britische Premierminister Brown wendet sogar ein Antiterrorgesetz gegen den Nato-Partner an.

Von Janek Schmidt

Für die friedliebende Nation Island war der Angriff ein Schock. Was die Politiker in Reykjavik machten, sei "vollkommen inakzeptabel und illegal", polterte der britische Premierminister Gordon Brown, nachdem Island Ersparnisse in seinen kriselnden Banken eingefroren hatte und britische Sparer um ihr Geld auf isländischen Konten bangten.

"Wir sind bereit, jegliche Art des Vorgehens zu erwägen", drohte Brown in martialischem Ton und zog für den Vergeltungsschlag tatsächlich einen großen Hammer aus dem Arsenal: Um den Besitz der isländischen Landsbanki in Großbritannien einzufrieren, nutzte er ein Antiterrorgesetz aus dem Jahr 2001. Damit sind die Finanzturbulenzen heftiger denn je von den Handelsplätzen auf das diplomatische Parkett vorgedrungen und die erste zwischenstaatliche Krise ist perfekt.

Kämpferischer Einsatz

Zu seinem kämpferischen Einsatz war Brown durch Notrufe seiner Landsleute getrieben worden. Denn nicht nur Londoner Privatanleger waren in der Vergangenheit von den hohen Zinssätzen nach Island gelockt worden. Auch britische Polizeibehörden, Feuerwehren und Stadtverwaltungen sollen nach Medienberichten fast eine Milliarde Pfund (1,3 Milliarden Euro) an öffentlichem Geld in Islands Banken investiert haben.

Nach isländischem Recht müsste die Regierung mit 2,8 Milliarden Euro für die Einlagen haften und Sparern jeweils bis zu 20.000 Euro zurückzahlen. Doch je länger Brown auf eine Zusage für diese Zahlungen aus Reykjavik wartete, desto aggressiver wurde sein Ton und gipfelte schließlich in der Drohung: "Wir frieren den Besitz von isländischen Firmen in Großbritannien ein, wo wir können."

"Völlig unfreundlicher Akt"

Die Replik aus Reykjavik kam umgehend. "Es war nicht besonders angenehm, als ich heute früh mitbekam, dass Terrorgesetze gegen uns angewandt werden", sagte Islands Premier Geir Haarde, dessen Land sonst dafür bekannt ist, dass es keine Armee hat. Seine Regierung wertete das britische Vorgehen als "völlig unfreundlichen Akt", eine Einschätzung, die an kriegerische Scharmützel erinnert und unter Nato-Partnern eher ungewöhnlich ist.

Haarde klagte zudem, dass Großbritannien mitschuldig sei an Islands Not. Damit spielte er auf Probleme der größten isländischen Bank, Kaupthing, an. Sie war von der isländischen Regierung unter Staatsaufsicht gestellt worden, nachdem britische Kunden ihre Konten bei der Londoner Tochter Kaupthing Singer & Friedlander geplündert hatten und die Restaktivitäten der Bank unter Kontrolle der britischen Finanzaufsicht gestellt worden waren.

Deutsche Kunden von isländischen Banken stehen vor ähnlichen Problemen wie ihre britischen Leidensgenossen. Doch während hierzulande 30.000 Kontoinhaber um ihre Einlagen bei Kaupthing bangen, sind in Großbritannien etwa zehnmal mehr Sparer betroffen.

Im liberalisierten britischen Banksektor hatte Kaupthing Konkurrenten kaufen und deutlich schneller expandieren können. Nun rächt sich die Politik der wirtschaftlichen Freiheiten, die der heutige Premier Brown als langjähriger Schatzkanzler maßgeblich mitgestaltet hatte. Auch deshalb bemüht er sich nun um Schadensbegrenzung und entsandte Experten des Finanzministeriums nach Island, um die Probleme der Banken vor Ort zu prüfen.

Dabei hoffen die Briten, dass sie freundlicher empfangen werden als bei der letzten diplomatischen Krise. Im sogenannten Kabeljaukrieg in den siebziger Jahren zerstörten isländische Fischer einfach die Boote ihrer angelsächsischen Konkurrenten.