Banken in Europa Die Angst vor der Transparenz

Chaos in Europa, Krise in den USA - und jetzt auch noch das: An diesem Freitag wurden die 90 wichtigsten Banken Europas buchstäblich bloßgestellt: Detailliert wie nie zuvor kann sich nun die Öffentlichkeit über den Zustand der Kreditinstitute in Europa informieren. So viel Transparenz macht den Banken Angst: Der deutsche Bankenverband befürchtet gar, dass so konkrete Aussagen über einzelne Institute den Markt "überfordern" könnten.

Von Hans von der Hagen

An diesem Freitag sind die Ergebnisse des Stresstests der Europäischen Bankenaufsicht (EBA) veröffentlicht worden. Auf diese Weise soll die krisenanfällige Bankenbranche zu mehr Transparenz gezwungen werden. Aber funktioniert das überhaupt? Fragen und Antworten rund um den Test.

Was ist bei dem Stresstest herausgekommen?

Acht von 90 europäischen Banken haben den Test nicht bestanden. Betroffen sind fünf Institute aus Spanien, zwei aus Griechenland und eines aus Österreich. 16 weitere Banken sollen ihre Kapitalausstattung verbessern. Die Ergebnisse der deutschen Banken sind auf den Seiten der Deutschen Bundesbank veröffentlicht, der zusammenfassende Gesamtbericht findet sich auf der Webseite der EBA.

Sind deutsche Institute durchgefallen?

Alle deutschen Banken sind durch den Test gekommen, allerdings hatte die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) zuvor der EBA die Veröffentlichung der Testergebnisse untersagt. Darum wird sie in den aktuellen Zahlen der EBA auch nicht mehr einbezogen. Der Grund ist ein Streit um die Bewertung von Stillen Reserven. Die Helaba, ein Institut, das die Finanzkrise besonders gut meisterte und das offenbar auch nur ein vergleichsweise geringes Volumen an Staatanleihen aus den Euro-Krisenländern hält, hätte den Test nicht bestanden, weil die EBA Teile des Eigenkapitals der Landesbank nicht als echtes Eigenkapital anerkennt. Es geht dabei um sogenannte Stille Einlagen des Landes Hessen, die nach geltendem Recht zum Eigenkapital hinzu gezählt werden darf. Darum hat das die Helaba auch getan. Die EBA hingegen legt die neuen Eigenkapitalregeln von Basel III zugrunde, die allerdings erst im Zeitraum von 2013 bis 2019 umgesetzt werden müssen. Denen zufolge dürfen Stille Einlagen nur noch dann zum Eigenkapital gerechnet werden, wenn sie in voller Höhe an einem möglichen Verlust teilnehmen. Das Land Hessen will die Regeln zwar anpassen und so die Stillen Einlagen "härten", für den Stresstest reichte das aber nicht. Die Helaba hat die Ergebnisse des Tests auf der eigenen Webseite veröffentlicht - mitsamt einer Erläuterung. Niedersachsen war übrigens in einem vergleichbaren Fall fixer - darum hat die NordLB dieses Problem nicht.

Was passiert, wenn eine Bank durch den Stresstest fällt?

Die acht Banken, die unter den Stressbedingungen die sogenannte harte Kernkapitalquote von fünf Prozent nicht erreicht haben, müssen sich zusätzliches Kapital beschaffen. Die betroffenen Institute haben bis September Zeit, den nationalen Aufsichtsbehörden zu erklären, wie sie dabei vorgehen wollen. Spätestens zum Jahresende müssen die Banken dann die Kriterien des Stresstests erfüllen. Den Banken, deren Quote zwischen fünf und sechs Prozent liegt, soll empfohlen werden, ihre Kapitaldecke aufzubessern.

Warum mussten sich die Banken wieder einem Stresstest unterziehen?

Die Wirtschaftskrise hat gezeigt, dass die Kreditinstitute für starke Beben an den Finanzmärkten nicht gerüstet sind: Sie verfügen oft über zu wenig eigenes Kapital. Darum simuliert die EBA in ihren Tests in mehreren Szenarien eine Verschärfung der Wirtschaftskrise. Auf diese Weise soll - vorsorglich - ein möglicher zusätzlicher Kapitalbedarf aufgedeckt werden.

Wie wurde konkret die Krisenanfälligkeit der Banken ermittelt?

Im aktuellen Test wurde beispielsweise ein unerwartet scharfer Wachstumseinbruch in Europa simuliert. Was passiert etwa, wenn die Wirtschaft in der EU über einen Zeitraum von zwei Jahren um insgesamt vier Prozentpunkte schrumpft? Überdies mussten die Banken offenlegen, inwieweit sie in den Krisenländern engagiert sind.

Wurde in dem Test auch der Zahlungsausfall eines EU-Landes berücksichtigt?

Die EBA weist zwar darauf hin, dass sie "signifikante Kursverluste" bei Staatsanleihen einbezog - nicht aber einen speziellen Ausfall von Staatschulden. Ein Griechenland-Crash wurde also nicht simuliert.

Müssen sich Sparer Sorgen um ihre Guthaben machen?

Der Sinn eines solchen Stresstests ist es, Schwächen im Bankensystem offenzulegen und so frühzeitig zu reagieren, dass sich im Ernstfall keiner mehr Sorgen machen muss. Sollte eine Bank ausweislich des Stresstests zu wenig Kapital haben und sich auch nicht ohne weiteres zusätzliches Geld beschaffen können, wollen die EU-Staaten aushelfen.

Warum sind die Anleger so nervös?

In den vergangenen Tagen häuften sich die negativen Botschaften für Anleger: Den Vereinigten Staaten droht eine formelle Pleite, Griechenland bittet um Schuldenerlass, Irlands Anleihen wurden zu Ramsch erklärt und Italien kämpft um seine Kreditwürdigkeit. Insofern war der Stresstest sicher nicht der Auslöser für Nervosität, konnte sie aber verstärken. Die Ergebnisse wurden erst nach Börsenschluss in Europa zugänglich gemacht, sie hatten also auf den hiesigen Aktienmarkt am Freitag keinen Einfluss mehr. Der börsentäglich rund um die Uhr gehandelte Euro reagierte kaum. Angesichts der Unsicherheiten am Markt hätten die Banken die Ergebnisse gern unter Verschluss gehalten: Der Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands, Michael Kemmer, sagte vor Veröffentlichung der Ergebnisse im Deutschlandfunk: "Es wäre sehr sinnvoll, wenn die Bankenaufsicht im Einzelnen mit jeder Bank über das Ergebnis des Stresstests sprechen würde und die ganzen Dinge nicht auf dem offenen Markt ausgetragen werden." Individuelle Aussagen über einzelne Institute könnten den Markt überfordern und Spekulationen anheizen.

Kann ein solcher Stresstest den Ernstfall ausreichend simulieren?

Nach dem Stresstest im vergangenen Jahr hagelte es Kritik - etwa, weil Irlands Banken den Test bestanden hatten und kurz darauf der Staat wegen der großen Probleme im Bankensektor unter den EU-Rettungsschirm flüchten musste. Das Beispiel zeigt, dass ein Stresstest höchstens Anhaltspunkte für den Zustand der Banken liefert. Gleichwohl war die Aufsichtsbehörde - gerade angesichts der harten Kritik im Jahr 2010 - bemüht, die aktuelle Situation besser als zuvor widerzuspiegeln. Nicht ohne Grund beschwerten sich die Banken über die fortlaufend geänderten Kriterien für den Test. Aber auch politische Gründe dürften der EBA die Abbildung der tatsächlichen Risiken - etwa die Pleite Griechenlands - erschwert haben. Die EU kann schlecht auf der einen Seite einen möglichen Zahlungsausfall Griechenlands zu verhindern suchen - und ihn dann bei der eigenen Aufsichtsbehörde durchspielen und veröffentlichen lassen. Denkbar ist zudem, dass bei Formulierung der Kriterien darauf geachtet wird, dass nicht alle bestehen, aber auch nicht zu viele durchfallen.

Wer profitiert vom Stresstest?

Die Ergebnisse wurden detailliert veröffentlicht - jeder Interessierte kann sich ein Bild über den Zustand der untersuchten Banken machen. Das Besondere ist das einheitliche Zahlenwerk - Institute sind nun über ganz Europa hinweg vergleichbar. Das ermöglicht es, den Zustand der Banken wesentlich präziser als bisher einzuschätzen. Doch das birgt natülich auch Risiken: Die Transparenz macht schwache Banken verwundbarer - etwa gegen spekulative Attacken an den Finanzmärkten. Zudem könnten sie Kunden verlieren, die - trotz aller Zusagen der EU - um ihre Einlagen fürchten.