Aktionärstreffen Herr Müller fährt zur Hauptversammlung

Händeschütteln statt meckern: Warum Kleinaktionär Herr Wilm Diedrich Müller jedes Jahr bis zu hundert Unternehmenstreffen besucht.

Von Thomas Fromm und Hannah Wilhelm

Herr Wilm Diedrich Müller hat nicht viel Zeit. Er kommt gerade mit dem Nachtzug aus Hamburg. Eine Hauptversammlung in München, danach eine in Nordrhein-Westfalen, dann geht es wieder nach Hamburg. Eines macht er sofort klar: Er möchte gerne mit Herr angesprochen werden, auch wenn über ihn geschrieben wird. So viel Zeit und Platz müsse sein.

Herr Müller ist als Berufsreisender in Sachen Hauptversammlungen unterwegs. Bis zu 100 Aktionärstreffen besucht der 52-Jährige im Jahr - auf so viele kommen sonst nur Profi-Investoren, die im Auftrag von Investmentfonds und anderen Großanlegern durch die Republik reisen.

"Teilnahmewahrscheinlichkeit 98 Prozent"

Am Mittwoch steht die Hauptversammlung des Getränkeherstellers Berentzen in Lingen an der Ems auf seinem Programm - und auch in seinem öffentlichen Terminkalender im Internet. Er wolle mit offenen Karten spielen, sagt er. Deshalb notiert er akribisch genau, dass seine "Teilnahmewahrscheinlichkeit" bei der Berentzen-Versammlung derzeit 98 Prozent beträgt. Für alle, die es interessiert.

Am liebsten würde Herr Müller noch mehr Termine wahrnehmen. Immerhin hält er Aktien von rund 400 Unternehmen. Aber da gebe es leider diese zeitlichen Überschneidungen, bei denen man sich entscheiden müsse. Man könne ja schließlich nicht überall gleichzeitig sein, sagt er.

Herr Müller ist bei Vorständen, Investorenbetreuern und den Pressestäben der großen Konzerne bekannt. Sie alle wissen: Wenn er auftritt, wird es bisweilen bunt, unterhaltsam - aber eigentlich nie wirklich brisant für sie. Denn Herr Müller ist nicht da, um Ärger zu machen.

Knifflige Fragen zur Konzernstrategie sind seine Sache eher nicht. Er kommt, um Vorstände zu treffen, sie zu begrüßen, ihnen zu gratulieren. Da ihm Höflichkeit so sehr am Herzen liegt, möchte er gerne mit Handschlag vom Management begrüßt werden. Deswegen stellt er sich oft als "Begrüßer" oder "Gratulierer" vor.

Manche Manager fühlen sich dabei unwohl, einige auf den Arm genommen. Neulich bat Herr Müller um einen Handschlag von RWE-Vorstand Jürgen Großmann. Der zögerte zunächst.

"Die Bodyguards haben mich dann zwar fixiert, aber schließlich konnte Herr Großmann nicht anders und gab mir die Hand." Das sind Momente, die Herr Müller mag. Dann weiß er, dass er als Aktionär ernst genommen wird. "Es liegt mir fern zu klagen oder Widerspruch einzulegen", sagt Herr Müller.

Gegenanträge en masse

"Manchmal kommt es da schon zu skurrilen Situationen", sagt der Mitarbeiter eines börsennotierten Unternehmens, der Herrn Müller schon seit Jahren beobachtet "Stellen Sie sich vor, jeder Aktionär würde beantragen, per Handschlag vom Vorstand begrüßt zu werden - wir hätten wochenlange Hauptversamlungen." Allerdings habe jeder Kleinaktionär ein Recht darauf, dass seine Wünsche ernsthaft geprüft würden.

Nur ganz selten geht Herr Müller auf die Barrikaden. Zum Beispiel immer dann, wenn ein Unternehmen keine Dividende zahlen will. Dann ist für Herrn Müller der Spaß vorbei. Über den im Leitindex Dax notierten Chiphersteller Infineon zum Beispiel hat er sich deshalb sehr geärgert. Das sagt er dann auch öffentlich.

Ansonsten stellt er Gegenanträge en masse - auch zur Tagesordnung der anstehenden Berentzen-Hauptversammlung. Er möchte, dass die Firma, die bekannt ist für Spirituosen wie Puschkin Vodka und Sauren Apfel, in Zukunft lieber Treib- oder Schmierstoffe herstellt und vertreibt. Alkohol zu vertreiben, sei verwerflich - so steht es im Antrag von Herrn Müller. Das sind Gegenanträge, über die sich die Investorenprofis meist nur wundern.

Bei Volkswagen beantragte er, den Aufsichtsrat nicht zu entlasten. Die Begründung: Der Aufsichtsrat habe es versäumt, die Volkswagen-, Audi-, Seat- und Skoda-Fahrer entsprechend zu motivieren, alle Personen mitzunehmen, die an der Straße stehen und per Anhalter mitfahren möchten. Eine solche Maßnahme könne aber den Beliebtheitsgrad der Fahrer steigern, fand Herr Müller. Er ist kein Zocker, ihm geht es nicht um die schnelle Rendite, er steigt lieber ein als aus. Oft kauft er nur ein oder zwei Aktien. "Beobachtungsposten" nennt er das.

Pünktlichkeit ist wichtig

Der Mann mit den freundlichen Augen und dem langen Bart ist Bahnfahrer; seine Bahncard 100 hat er mit Dividenden finanziert. Er lebt in der Nähe von Wilhelmshaven, dort gehört ihm eine Möbelfirma, die er geerbt hat. Doch dort ist er nur selten. Lieber ist er unterwegs.

Es sei dieser Ausdruck von Demokratie, der ihn an einer Hauptversammlung fasziniere, sagt Herr Müller. "Im Verein kann ich ausgeschlossen werden, in der Familie oder einer Partei auch. Aber bei einer Aktiengesellschaft besteht diese Gefahr nicht", erklärt er, "dort besteht ein hoher Grad an Demokratie: Jeder Aktionär kann auf einer Hauptversammlung sprechen und Gegenanträge stellen."

Auch Pünktlichkeit ist ihm wichtig. Herr Müller möchte auf keinen Fall zu einem Termin zu spät kommen. Also geht er auf Nummer sicher: Er trägt zwei Armbanduhren, eine silberne digitale am rechten, eine mit Ziffernblatt und schwarzem Lederband am linken Handgelenk.

Einmal hat auch das nicht geholfen: Im vergangenen Jahr erschien er trotz Zusage nicht zur Hauptversammlung von Thyssen-Krupp, obwohl er einen Gegenantrag eingebracht hatte. "Das wurde mir sehr übel genommen, ich habe eine SMS bekommen, wo ich denn bleibe", erinnert sich Herr Müller. Man spürt, dass es ihm noch heute unangenehm ist. Dabei war es der Zug, der Verspätung hatte - wegen des Orkans Kyrill.