Überwachungskameras in Großbritannien Die toten Augen von London

Knapp 4,5 Millionen Kameras sind in den Straßen, Bahnhöfen und Einkaufszentren Großbritanniens montiert. Scotland Yard nennt die Video-Überwachung jetzt ein Fiasko.

Von Marten Rolff

Wenn es um die Sicherheit geht, heiligt der Zweck die Mittel. Über den Grundsatz war man sich im von Terrorismus und Gewaltkriminalität geplagten Großbritannien bisher einig. So erklärt sich, dass die Briten, die sonst Personalausweise als Dokumente staatlicher Kontrolle schmähen, in Umfragen stets gutheißen, auf Schritt und Tritt überwacht zu werden. Knapp 4,5 Millionen Kameras, eine auf 13 Bürger, sind in den Straßen, Bahnhöfen und Einkaufszentren der Insel montiert. Seit Anfang der neunziger Jahre schraubt man die Geräte an jeden freien Laternenpfahl, die Polizei will damit mehr Verbrechen aufklären und Personalkosten senken. Augenwischerei, wie nicht nur der Guardian am Mittwoch resümierte, denn: "Big Brother is not watching."

Polizei ertrinkt in Bilderflut

Der britische Steuerzahler, der seit Jahren Milliarden in die eigene Überwachung investiert, hat nun erfahren dürfen, dass diese "ein völliges Fiasko" sei. Das sagte Mike Neville, der bei Scotland Yard für die Videoüberwachung zuständig ist, jetzt bei einer Sicherheitskonferenz in London. Der Beitrag zur Aufklärung von Verbrechen sei minimal; in der britischen Hauptstadt, der bestüberwachten Metropole Europas, würden nur drei Prozent aller Diebstähle auf offener Straße per Video aufgeklärt. Kriminelle hätten den Respekt vor der Überwachung verloren, die Polizei ertrinke in einer Bilderflut, es fehle an ausgebildeten Beamten für die Sichtung. Allein in London wird ein Passant, der sich einen Tag in der Stadt aufhält, im Schnitt 300 Mal vom Kamerasystem CCTV (Closed Circuit Television) erfasst.

Tatsächlich räumen auch Sicherheitsfirmen mangelnde Effizienz dabei ein. Ein typisches Stadtzentrum in England verfügt über mehr als 200 Kameras, die in eine Leitstelle mit drei bis vier Angestellten pro Schicht senden. Von jeder Stunde Material könne das Personal nur eine Minute durchsehen, sagte etwa Chris Boyce von Camwatch dem Guardian. Veraltete VHS-Geräte, flackernde Bildschirme - die Sichtung der Aufzeichnungen sei unbestritten eine enervierende und extrem langweilige Arbeit, erklärte der Kriminologe Ken Pease vom University College London der BBC. Aus eigener Erfahrung weiß er, dass man dabei "immer mehr abstumpft". Zudem bekämen die Sicherheitsleute kaum Feedback. Wirklich relevant, so Pease, sei ja nur ein Bruchteil des Materials. Das allerdings hilft dann bei der Aufklärung von Großfällen wie den Bombenanschlägen auf die Londoner U-Bahn im Juli 2005 oder dem spektakulären Millionen-Raub aus dem Gelddepot der Sicherheitsfirma Securitas Cash Management in Kent im Februar 2006.

Scharfe Bilder aus 500 Meter Entfernung

Auf Kameras verzichten will Großbritannien daher nicht. Das wäre wohl zu viel verlangt in einem Land, in dem Experten ständig technische Neuerungen zum Thema vorschlagen. Erst 2007 testete die Polizei sogenannte Drohnen - Kameras auf Mini-Helikoptern, die aus 500 Metern Höhe scharfe Bilder in eine Virtual-Reality-Brille der Beamten senden. Und so zielte Scotland-Yard-Mann Neville mit seiner Kritik lediglich auf eine Verbesserung des Systems. Er kündigte den Aufbau einer Datenbank an, die Austausch und Abgleich von Bildern und Informationen erleichtern soll. Auch im Internet solle verstärkt mit Bildern nach Verbrechern gefahndet, Beamte besser geschult werden.

Tests sollen ergeben haben, dass die Aufklärungsquote per Video so bis auf 20 Prozent zu steigern sei. Ob das stimmt, bleibt abzuwarten. Bis dahin werden sich die Sicherheitsleute in den Leitstellen weiter langweilen dürfen und Big Brother spielen, der ob der verwirrenden Bilderflut irgendwann wegdöst.