Stadtpläne des Bösen Am virtuellen Pranger

Auf einer umstrittenen US-Webseite kann jeder jeden denunzieren. Jetzt vergeht den Deutschen ebenfalls das Lachen, denn auch hier machen sich Nachbarn gegenseitig fertig.

Von M. Zips

Das Haus, in dem der junge Mann im Münchner Osten wohnt, ist mit einem virtuellen Symbol gekennzeichnet. Es erinnert an das rote Hotel-Steinchen bei Monopoly. Auch das Spielbrett ist virtuell: ein Internet-Stadtplan von Google-Maps. In dem gekennzeichneten Haus wohnt Alexander P., und er soll fertiggemacht werden. Ein Denunziant schreibt anonym auf der Internetseite rottenneighbor.com, P. sei "der größte Depp in München. Hütet euch vor dem. Der ist dumm wie sonst was, benutzt euch auch und verarscht euch. Er ist aggressiv und brutal. Wenn ihm was nicht passt und er keine Argumente mehr hat, schlägt er wahllos Frauen und hat ihnen gegenüber eine riesen Klappe." Daneben hat der Denunziant ein Foto von Alexander P. gestellt. Damit weiß nun wirklich jeder, wo P. wohnt und wie er aussieht.

Bisher haben die Europäer das Internetportal rottenneighbor.com ("mieser Nachbar") mit Sitz in den USA eher belächelt. Wieder so eine verrückte Idee eines Computer-Typen. Diesmal war es Webseiten-Entwickler Brant Walker aus San Diego, 27, der seine Idee vor einem Jahr ins Netz stellte - und seither an der Werbung gut verdient. Nun hagelt es in Deutschland massive Kritik. Hierzulande boomt die noch junge Seite, auf der jeder jeden denunzieren darf. Theoretisch könnte man hier auch nette Nachbarn mit einem grünen Symbol kennzeichnen. Nur macht das eben kaum einer.

Herz des Denunzierdienstes

"Dieser widerliche Dienst ist aus unserer Sicht illegal und sollte von Google-Maps unterbunden werden", sagt Peter Schaar, Bundesbeauftragter für Datenschutz, im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Wegen massiver Eingriffe in die Persönlichkeitssphäre sehe er einen klaren Verstoß gegen geltendes deutsches Recht. Mangels juristischer Möglichkeiten, gegen die amerikanische Seite rottenneighbor.com vorzugehen, gelte aber: "Wenn man nicht zur Zensur greifen will, so muss man vorerst wohl damit leben."

"Aus guten Gründen ist der analoge Pranger schon vor einigen Jahrhunderten abgeschafft worden", beschwerte sich jetzt auch der Direktor der Landesanstalt für Medien NRW (LfM), Norbert Schneider, bei der deutschen Vertretung des Google-Konzerns in Hamburg. "Google sollte sich nicht daran beteiligen, dass nun ein digitaler Pranger wieder eingeführt wird." Auch Schneider protestiert bei Google, weil es dessen Gratis-Service ist, der mit detaillierten Landkarten und Satellitenbildern das Herz des Denunzierdienstes darstellt. Bei Google allerdings betont man, dass genau dieses Kartenmaterial weltweit zigtausendfach gratis genutzt wird. Und was lediglich "freie Meinungsäußerung" sei, könne kein Grund dafür sein, rottenneighbor.com die Nutzungsrechte zu entziehen. "Außerdem hätten die ja dann immer noch Möglichkeiten, auf andere Karten zurückzugreifen", sagt Google-Sprecher Stefan Keuchel. Wer sich beschweren wolle, solle dies bei rottenneighbor.com tun.

Hilfe bei der Kaufentscheidung

Brant Walker indes hält sein Unternehmen für ein wichtiges "Werkzeug für Immobilienmakler und potentielle Hauskäufer". "Warum soll man eine Million Dollar ausgeben, um am nächsten Tag herauszufinden, dass man schlechte Nachbarn hat?", sagte Walker kürzlich der New York Post. Theoretisch kann sein Team natürlich besonders fiese Texte jederzeit löschen. Doch bei einer Webseite, deren Prinzip auf Verunglimpfung beruht, wäre das ja total absurd.

Laut Walker sollten die Denunzianten sich selbst kontrollieren: Wer einen Eintrag für falsch hält, der könne ihm eine rote Flagge verpassen. Ab einer bestimmten (geheimen) Flaggenanzahl wird der Beitrag dann angeblich automatisch gelöscht. Doch während der Denunzierte immer mit vollem Namen genannt werden darf, kann der Denunziant nach Belieben anonyme Attacken reiten. Mit einer eigenen Suchfunktion kann er sogar die Häuser von vermuteten oder tatsächlichen Sexualstraftätern kennzeichnen. Wie rottenneighbor.com insgesamt, ist auch das umstritten. "Alle an einem solchen Produkt Involvierten sollten das Ihre dazu beitragen, damit ein solcher Missbrauch beseitigt werden kann", sagt LfM-Direktor Norbert Schneider.

Vorerst gilt: Gegen ehrverletzende Einträge hilft wohl nur eine saftige Mail - direkt an rottenneighbor.com. Darüber hinaus könnte eine Millionenklage, besonders vor einem amerikanischen Gericht, Brant Walkers öffentlichen Pranger vielleicht irgendwann zu Fall bringen.