Neue Identität im Internet Die Informationen-Jäger waren überall

Wallen richtete eine neue E-Mail-Adresse ein und kaufte einen gebrauchten Laptop auf einer Kleinanzeigen-Website, zur Übergabe trug er seine Mütze tief ins Gesicht gezogen. Er löschte alle Daten auf dem Rechner und installierte eine Verschlüsselungssoftware. Doch sein normales Online-Leben konnte er nicht führen. Jedes Mal, wenn er sich bei Facebook einloggte, wenn er für ein Projekt im Internet spendete, bei einem Online-Händler einkaufte, eine E-Mail schrieb oder empfing oder bei Google recherchierte, sammelte jemand seine Daten.

Die Informationen-Jäger waren überall. "Ich habe schnell gemerkt, dass man nicht verschwinden kann." Die einzige Lösung, dachte er, sei eine neue Identität. Nur jemand, der gar nicht wirklich existiert, kann anonym sein im Internet.

Das war der Anfang von Aaron Brown. Wallen schoss Fotos von sich selbst und seinen drei Mitbewohnern. "Ich brauche das für ein Projekt, macht euch keine Gedanken", sagte er. Er hat sie nicht eingeweiht, er hat niemandem von seiner Idee erzählt. Geheimhaltung und Unauffälligkeit sind der Schlüssel zum Versteckspiel. Aus den vier Fotos mischte er am Computer mit Photoshop ein neues zusammen: Das Kinn vom einen Mitbewohner, die Nase und die Haare vom zweiten, die Stirn vom dritten und Wallens eigene Augen. Aaron Brown hatte ein Gesicht.

Eine glaubwürdige neue Identität braucht Interessen

"Irgendetwas fühlt sich immer komisch an, wenn ich Aaron Brown anschaue", sagt Wallen heute. "Wahrscheinlich liegt es an den Augen. Ich sehe sie jeden Morgen im Spiegel und dann plötzlich in einem anderen Gesicht." Doch ein Passfoto reichte nicht, Brown brauchte ein Leben.

Jeder Spion weiß: Eine glaubwürdige neue Identität braucht eigene Interessen, sie muss Spuren hinterlassen haben - und sie braucht Ausweise. In der Schattenwelt des Internets, dem so genannten Deep Web, suchte Wallen auf seinem verschlüsselten Computer nach Dingen, die Aaron Brown zum Leben erwecken würden.

Das Deep Web ist der Teil des Internets, in der keine normale Suchmaschine wie Google etwas findet, weil alle Daten verschlüsselt oder durch Passwörter geschützt sind. Erst wenn ein User eine spezielle Anfrage an die Datenbank schickt und das Passwort kennt, produziert diese das gewünschte Ergebnis. Im Deep Web sind nicht nur Kriminelle unterwegs, auch die Informationen der Nasa sind hier gespeichert oder die Kataloge von Bibliotheken, für die man Passwörter braucht. Man findet im Deep Web aber auch Datenbanken und Netzwerke für Waffen- und Drogenhändler, Auftragsmörder und allerlei falsche Ausweispapiere.

"Am Anfang war das Trial and Error", sagt Wallen. "Ich musste erst einmal lernen." Durch das Deep Web bewegte er sich mit Hilfe von Tor, einer Art digitalem Schleier. Das Netzwerk ist eine kostenlose Software, mit der er einigermaßen anonym im Internet surfen kann, sie verschlüsselte Wallens Verbindung mehrfach und leitete sie über Zwischenstationen um. Mit Tor waren seine Bewegungen im Internet für Überwacher schwer nachzuverfolgen.