Apple verkauft Musik auf iTunes künftig ohne Kopierschutz. Doch die Aushebelung der Urheberrechte schafft ein Zweiklassensystem - inklusive kulturellem Prekariat.
Phil Schiller, der Marketingmanager des Elektronikkonzerns Apple, verkündete in dieser Woche, dass man Musik im Internet-Musikladen seiner Firma ab Ende März ohne Kopierschutz kaufen kann. Diese Bemerkung zementiert den Zeitenwandel im Kulturbetrieb. Ohne Kopierschutz lassen sich die Urheberrechte an digitalen Dateien mit Musik, Filmen oder Spielen nicht mehr kontrollieren. Ohne Urheberrechte aber funktioniert das traditionelle Geschäftsmodell der Kulturindustrie nur noch in einem äußerst begrenzten Rahmen.
Bild vergrößern
ITunes verkauft Musik ohne Kopierschutz (© Foto: ddp)
Anzeige
Die Reaktionen waren durchweg positiv. Von den unzähligen Foren und Blogs im Internet bis hin zur Meinungsseite der New York Times beurteilten Kommentatoren den Schritt von Apple als Befreiung von einem repressiven Kontrollsystem. Da sind allerdings ein paar Begrifflichkeiten durcheinander gekommen, die gerade im Kontext der Wirtschaftskrise sauer aufstoßen. Zeitgleich wurde ein massives Sinken der Ölpreise ganz im Ton der Krisenberichterstattung vermeldet.
Grob vereinfacht wurde da auf der einen Seite die "Befreiung vom Kopierschutz" gefeiert, auf der anderen der "Einbruch des Ölpreises" beklagt, dabei sollte die Gewichtung eigentlich umgekehrt sein. Kulturelle Arbeit sollte bezahlt, der Profit aus Rohstoffverknappung gegeißelt werden. Doch was sich da unter der Flagge von Freiheit, Fortschritt und digitaler Innovation als vermeintlich revolutionäre Gegenkultur formiert hat, ist nichts anderes als die Annektierung des Kulturbetriebes durch eine Technikbranche. Mit fatalen Folgen, denn im Geschäftsmodell der digitalen Industrie war das Bezahlen für kulturelle Inhalte nie vorgesehen.
Viele Namen hat sich die digitale Welt schon gegeben. Cyberpunk, Digerati, Free Culture. Das klang nach jugendfrischem Krawall, intellektuellem Diskurs oder nach jener unwiderstehlichen Mischung aus Adorno, Rock'n'Roll und Gruppensex, mit der die Ära der Hippies verklärt wird. So konnte Apple eben auch den betriebswirtschaftlichen Coup als revolutionären Akt verkaufen, die Kulturindustrie bei Verhandlungen um den Kopierschutz in die Knie gezwungen zu haben.
Freiraum für Utopien
Brillantes Marketing reicht da als Erklärung nicht aus. Der revolutionäre Gestus einer Industrie, deren Kerngeschäft daraus besteht, Rechner zu verkaufen, wurzelt in ihren Frühzeiten. Schon in den fünfziger Jahren beschäftigten sich die amerikanischen Gegenkulturen mit neuen Technologien. So kamen einige der wichtigsten Pioniere der digitalen Kultur aus der Hippiekultur. LSD-Guru Timothy Leary schwärmte von den transzendentalen Dimensionen virtueller Realitäten. Der Herausgeber des Whole Earth Catalogue Stewart Brand gründete einen der Vorläufer des World Wide Web namens The Well.
Der Grateful-Dead-Songschreiber John Perry Barlow kämpfte mit seiner Electronic Freedom Foundation für die absolute Freiheit im elektronischen Netz. Und aus der People's Computer Company ehemaliger kalifornischer Friedensaktivisten gingen über zwanzig Gründer wichtiger Computerfirmen hervor, zu denen auch Apple gehört. Für sie war das Internet immer mehr, als nur ein Kommunikationsinstrument. Es war ein Freiraum für Utopien.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
Surfrider Beach in Malibu
Ich habe selten einen so einseitigen Unsinn gelesen wie diesen Artikel! Jahrzehntelang hat der "Kulturbetrieb" Musikindustrie abkassiert, indem man Bündelungen vieler schlechter Musiktitel mit wenigen guten als tolle Schallplatten oder CDs verkauft hat. Man hat also den Kunden abgezockt, weil der keine andere Wahl hatte. Was ist daran schützenswert? Dass die Musikindustrie "junge Talente" förderte und ihre unehrenhaft erworbenen Gewinne dafür einsetzte, mag wohl der Naivste nicht mehr glauben.
Der Kopierschutz auf digitalen Musikstücken war wiederum so ein Krampf, Kunden zu etwas zu zwingen, was nicht rechtens ist: DRM bindet Musikstücke an irgendeine Hardware, ohne dass der Kundschaft in ausreichendem Maße Mittel an die Hand gegeben wurden, diese zu sichern, falls die Hardware den Geist aufgibt. Da hast Du halt verloren, lieber (dummer) Kunde. Dieses zweifelhafte Geschäftsmodell als "Kulturschutz" anzupreisen ist wohl der Gipfel der Verlogenheit!
Insofern kann man Apple wirklich nur zu dieser intelligenten Maßnahme gratulieren. Denn die Kundschaft sieht nun, dass es sich wieder lohnt, Musik zu kaufen. Mit dem Tod des DRM auf Musik ist dem schwarzen Tauschbörsendownloader auch das letzte Argument entzogen, warum man Musik nicht legal erwerben sollte.
Früher waren es die bösen Kasettenrekorder (bei Filmen die Videorekorder) die den Untergang herbeiführten heute ist es das böse Internet.
Bei Kasetten hat es die MI überhaupt nicht interessiert das die Qualität schlechter war, der Spruch 'Home Taping is killing music' dürfte einigen noch bekannt sein (http://en.wikipedia.org/wiki/Home_Taping_is_Killing_Music).
"Wenn also im Internet von Kopierschutz geredet wird, ist das nur die halbe Wahrheit. Was da über das Internet transportiert werden kann, sind eben keine Kopien mit einem deutlichen Qualitätsverlust gegenüber dem Original, wie bei einer Fotokopie oder einer Kassettenaufnahme. Es sind Klone."
Ziemlicher Unfug. Die erzielbare Qualität ist vollkommen unabhängig davon, dass es eine Kopie ist. Eine Kopie war und immer bleiben wird. Nur weil sie jetzt eben einen gleichwertigen Qualitätsstand erreicht hat, wird es doch nur ernstgenommen - und drüber gemeckert. Frühere (Foto-)kopien und/oder Kassettenaufnahmen wurden wenig wahr- und ernstgenommen. War ja auch keine "Gefahr", da qualitativ schlechter. Aber genauso eine Kopie urheberrechtlichen Materials. Oder anders (nach Andrian Kreye): qualitativ schlechtere Klone. Da existiert in der Sache kein Nanometer Unterschied.
Hab ich keine Ahnung von den Dingen bzw. (wahrscheinlicher) blende Ebenen und Sachverhalte bewusst/wissentlich aus, mach ich mich zum Erfüllungsgehilfen einer sehr unbeweglichen und uneinsichtigen Industrielobby. Ein "Niveau", dass die SZ bisher noch eher vermied - und das der Angelegenheit nicht wirklich dienlich ist. Eigentlich ja unfassbar.
Der Umsonst-Geist des Internets, der aus der Flasche ist, stellt an einigen Stellen ein ziemliches Problem dar, keine Frage. Begründet aber in keinster Weise die Hauptproblematik. Die da eher heißt: soll alles bleiben, wie immer - wir wollen uns möglichst nicht bewegen. Aber Geld verdienen mit lange nicht mehr zeitgemäßen Geschäftsmodellen. Und deswegen haben immer die anderen schuld zu sein (oh pöse hacker).
Ist das simpel...
...die anderen Kommentatoren geben sich deutlich mehr Mühe als ich, sind scheinbar geduldiger. Ggf. wäre ja da ein geeigneter neuer Redakteur dabei? ;-)
Die aktuellen "Artikelverfasser" sind wohl teilweise nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Auf der mechanischen Schreibmaschine lassen sich MP3s halt nicht vervielfachen...
Viele Leute ersetzten in den 80igern ihre ihnen wichtigen Schallplatten durch CDs und zahlten dafür von heute auf morgen den doppelten Preis. Das war finanziell die herorische Zeit der Musikindustrie. Das Wasser lief sozusagen den Berg hoch.
In dieser zeit war immer öfter davon zu hören, dass die Musiklabels mit ihren Künstlern Knebelverträge für die Produktion mehrerer Alben in Serie zu vereinbarten,- ohne Rücksicht auf deren kreative Ressourcen. Auch wurden viele Produktionen mit albernen Sound-Arabesken aus der Studiotechnologie aufgehübscht. Was diese Einspielungen leider auch heute noch oft unerträglich macht, selbst wenn die musikalische Substanz sublime ist.
Auch wenn die neue Technologie diesmal gegen die Plattenbosse ist: Die Schwächung der großen Labels hat für das Produktionsgeschehen nicht nur Nachteile.
Paging