Kopierschutz am Ende Falsche Revolutionäre

Apple verkauft Musik auf iTunes künftig ohne Kopierschutz. Doch die Aushebelung der Urheberrechte schafft ein Zweiklassensystem - inklusive kulturellem Prekariat.

Ein Kommentar von Andrian Kreye

Phil Schiller, der Marketingmanager des Elektronikkonzerns Apple, verkündete in dieser Woche, dass man Musik im Internet-Musikladen seiner Firma ab Ende März ohne Kopierschutz kaufen kann. Diese Bemerkung zementiert den Zeitenwandel im Kulturbetrieb. Ohne Kopierschutz lassen sich die Urheberrechte an digitalen Dateien mit Musik, Filmen oder Spielen nicht mehr kontrollieren. Ohne Urheberrechte aber funktioniert das traditionelle Geschäftsmodell der Kulturindustrie nur noch in einem äußerst begrenzten Rahmen.

Die Reaktionen waren durchweg positiv. Von den unzähligen Foren und Blogs im Internet bis hin zur Meinungsseite der New York Times beurteilten Kommentatoren den Schritt von Apple als Befreiung von einem repressiven Kontrollsystem. Da sind allerdings ein paar Begrifflichkeiten durcheinander gekommen, die gerade im Kontext der Wirtschaftskrise sauer aufstoßen. Zeitgleich wurde ein massives Sinken der Ölpreise ganz im Ton der Krisenberichterstattung vermeldet.

Grob vereinfacht wurde da auf der einen Seite die "Befreiung vom Kopierschutz" gefeiert, auf der anderen der "Einbruch des Ölpreises" beklagt, dabei sollte die Gewichtung eigentlich umgekehrt sein. Kulturelle Arbeit sollte bezahlt, der Profit aus Rohstoffverknappung gegeißelt werden. Doch was sich da unter der Flagge von Freiheit, Fortschritt und digitaler Innovation als vermeintlich revolutionäre Gegenkultur formiert hat, ist nichts anderes als die Annektierung des Kulturbetriebes durch eine Technikbranche. Mit fatalen Folgen, denn im Geschäftsmodell der digitalen Industrie war das Bezahlen für kulturelle Inhalte nie vorgesehen.

Viele Namen hat sich die digitale Welt schon gegeben. Cyberpunk, Digerati, Free Culture. Das klang nach jugendfrischem Krawall, intellektuellem Diskurs oder nach jener unwiderstehlichen Mischung aus Adorno, Rock'n'Roll und Gruppensex, mit der die Ära der Hippies verklärt wird. So konnte Apple eben auch den betriebswirtschaftlichen Coup als revolutionären Akt verkaufen, die Kulturindustrie bei Verhandlungen um den Kopierschutz in die Knie gezwungen zu haben.

Freiraum für Utopien

Brillantes Marketing reicht da als Erklärung nicht aus. Der revolutionäre Gestus einer Industrie, deren Kerngeschäft daraus besteht, Rechner zu verkaufen, wurzelt in ihren Frühzeiten. Schon in den fünfziger Jahren beschäftigten sich die amerikanischen Gegenkulturen mit neuen Technologien. So kamen einige der wichtigsten Pioniere der digitalen Kultur aus der Hippiekultur. LSD-Guru Timothy Leary schwärmte von den transzendentalen Dimensionen virtueller Realitäten. Der Herausgeber des Whole Earth Catalogue Stewart Brand gründete einen der Vorläufer des World Wide Web namens The Well.

Der Grateful-Dead-Songschreiber John Perry Barlow kämpfte mit seiner Electronic Freedom Foundation für die absolute Freiheit im elektronischen Netz. Und aus der People's Computer Company ehemaliger kalifornischer Friedensaktivisten gingen über zwanzig Gründer wichtiger Computerfirmen hervor, zu denen auch Apple gehört. Für sie war das Internet immer mehr, als nur ein Kommunikationsinstrument. Es war ein Freiraum für Utopien.