Die Debatte um die Kinderpornographie beschneidet nicht nur das Internet, sondern schadet auch den Opfern des Missbrauchs.
Komplexen Herausforderungen mit simplen Lösungen zu begegnen, ist in der Politik ein gängiges Verfahren. Derzeit gehen nach dem Schema Bundespolitiker vor, die sich als Teil der Legislative mit dem digitalen Wandel der Gesellschaft befassen. Allzu oft endet die Debatte ums Internet in Talkshows und vor Mikrofonen mit den Forderungen, das Internet dürfe keinen Markt für Kinderpornographie bieten und überdies kein rechtsfreier Raum sein.
Bild vergrößern
Netzsperren gegen Kinderpornographie: Wer die rhetorische Wucht der Politiker hinterfragt, stößt schnell auf Ungereimtheiten. (© Foto: dpa)
Anzeige
Die Reizworte sind von hoher Schlagkraft. Entsprechend massiv ist ihre Wirkung in der öffentlichen Debatte. Ungestützte Behauptungen wie die von einer global agierenden Kinderporno-Produktionsgesellschaft, die Millionengewinne mit online einsehbarem sexuellen Missbrauch verdient, beenden in Kürze jede Debatte. Wer differenzierteren Argumenten nicht folgen kann - oder will -, wird Kritik an diesen Schlagworten schnell als Unterstützung Pädophiler und Krimineller verstehen.
Rhetorische Wucht
Je öfter diese Sätze ausgesprochen werden, umso tiefer brennen sie sich in die Debatte ein. Sie sind die argumentative Grundlage für das Gesetz zur Zugangserschwerung für Webseiten mit kinderpornographischen Inhalten. Und sie gelten zum Beispiel Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) als guten Grund, die Netzsperren auf andere Gebiete als Kinderpornographie auszuweiten. Wer die rhetorische Wucht hinterfragt, stößt schnell auf Ungereimtheiten.
"Natürlich ist das Internet kein rechtsfreier Raum", sagt Constanze Kurz, die Sprecherin des Chaos-Computer-Clubs (CCC). Der CCC ist ein Verein technisch interessierter Menschen, der sich für Informationsfreiheit und Datenschutz einsetzt. "Tausende Verfahren, Urteile, Strafverfolgungen laufen jeden Tag online ab oder beziehen sich auf Straftaten, die im Netz begangen wurden", sagt sie.
Einziger Unterschied zum realen Leben: Die Aufklärungsquoten digitaler Verbrechen seien höher, weil die Spuren der Täter im Internet oft schneller zu recherchieren seien. "Und es gibt im Netz keine sehr schweren Straftaten wie zum Beispiel Raub oder Mord", sagt Kurz. Weil man im Netz niemanden körperlich bedrängen kann. "Das klingt banal, wird aber dauernd vergessen." Das Argument des rechtsfreien Raumes bezeichnet Kurz als Erfindung. "Nichts als politische Stimmungsmache."
Zum Scheitern verurteilt
Auch Kinder kann man im Internet physisch nicht missbrauchen. Man kann allerdings Aufnahmen von Kindesmissbrauch anschauen und tauschen. "Natürlich bedienen sich Pädophile des Internets, um Kinderpornographie auszutauschen", sagt Rechtsanwalt Udo Vetter, der in mehreren Hundert Kinderpornographie-Fällen vor Gericht verteidigt hat. "Es gibt aber keinen kommerziellen Markt." Entsprechende Behauptungen, etwa von Familienministerin Ursula von der Leyen, hält Vetter für "grobe Falschdarstellungen, mitunter bewusste Irreführungen."
Vertriebssysteme für die illegalen Aufnahmen würden bereits an einem effektiven Geld-Transfer-System scheitern. "Man kann nicht anonym online Millionenbeträge empfangen", sagt Vetter. Geldströme würden von Behörden vieler Staaten, darunter den USA, geprüft. Spätestens seit in Deutschland Kreditkartendaten im Rahmen von Rasterfahndungen durchleuchtet würden, sei jeder Versuch in Deutschland, online für Kinderpornographie Geld zu bezahlen, zum Scheitern verurteilt.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
- Thema
- Kinderpornografie RSS
- Sperrung von Kinderporno-Seiten "Hirn herausgetwittert" 29.07.2009
- Kampf gegen Kinderpornographie Sperrstunde im Internet 18.06.2009
- Kampf gegen Internetsperren Das Netz schlägt zurück 17.06.2009
- Kinderpornographie im Netz Adressen mit Wartezeit 03.06.2009
- Kinderporno-Verdacht Tauss soll vor Gericht 21.07.2009
- Streit in der Online-Enzyklopädie Sex, Intrigen und Wikipedia 11.05.2010
- Odenwaldschule: Neue Vorwürfe Pornos von Schülern 02.05.2010
67. Jahrestag der Bombardierung
Jedr der sich nur ein bißchen in die Materie eingelesen hat kennt die Argumente schon seit langem.
Die einzige Frage ist, waren unsere Politiker zu dumm den Argumenten zu folgen oder haben die Kritiker doch Recht und es ging ihnen von vorneherein nur um die Errichtung einer Zensurinfrastruktur?
BEIDES sollte sie eigentlich für ihren Job disqualifizieren, allein die breite Masse begreift es nicht und außerhalb ihrer Online-Ausgaben hält die deutsche Presse sich mit der Kritik und bei der Aufklärung auch eher zurück.
Ein Schelm wer böses dabei denkt...!
"Im Dauergetöse der politischen Rohrkrepierer und der blökenden (sorry: bloggenden) Enterhaken-Anarchos gehen die (ohnehin zaghaften) Stimmen der Vernunft unbemerkt unter."
Eine Stimme - besonders nicht ihre - ist nicht vernünftig, nur weil Sie sich nicht über Einschränkung der Grundrechte empören kann.
Es erschien seit dem Vorhaben in dieser Zeitung nur *ein* Artikel, der die Dinge so darstellte, wie sie sich technisch auch wirklich verhalten! Alle anderen waren der Außenansicht verfallen, als sei die Unwirksamkeit nur "umstritten" und es gäbe "Kritiker", die eine andere "Meinung" hätten.
Die Unwirksamkeit der Maßnahme ist jedoch mathematisch *beweisbar*. Hierzu gibt es keine Meinung, es ist ein Faktum, dass man durch die Maßnahme den Tausch von Kinderpornographie weder verhindern noch behindern könnte.
Ebenso beweisbar ist, dass dieses Instrument vor der Auslieferung an die Bevölkerung einen Filter schaltet, der - ohne richterliche Prüfung oder Verantwortungspflicht gegenüber einer kompetenten Stelle - willkürlich Inhalte unzugänglich macht.
Obwohl es recht einfach ist, diese Sperre zu umgehen, fehlt der Mehrheit der Internetnutzer das Wissen dazu.
Diese Definition ist exakt diejenige des Begriffes "Zensur". Der letzte Politiker, der so etwas zuvor beschlossen hat, wurde 1946 von den Alliierten hingerichtet.
Den Kindern schon mal nicht, womit sich die Grundlage zu diesem Machwerk geräuschlos in heiße Luft verwandelt hat.
Für mich sind zwei Szenarien, zur Entstehung dieses Gesetzes, die wahrscheinlichsten.
Zum einen brauchte man eine gesetzliche Infrastruktur um dem anarchischen Netz beizukommen. Die Grundlage zur Kontrolle, ich rede bewusst jetzt mal nicht von Zensur, sind damit jedenfalls geschaffen.
Das Andere ist wohl die Kaschierung der eher mäßigen Ermittlungserfolge unserer Behörden. Nehmen wir ein aktuelles Beispiel. Auf den Pedärast, der sich jetzt gestellt hat, wurde man erst aufmerksam durch das Material eines Journalisten (!), wobei ich mich frage, ob demnächst auch gegen den Journalisten ermittelt wird, denn seien wir mal ehrlich, eigentlich muss er sich strafbar gemacht haben.
Ich kann es nur wiederholen: In dieser ganzen Diskussion scheint es auf beiden Seiten nur fundamentalistische Vereinfacher zu geben.
Hier die Politiker, die ein äußerst heikles Thema für ihre parteipolitischen Interessen instrumentalisieren,
dort die Internet-Korsaren, die in ihrer virtuellen Fluchtwelt für gescheiterte Ich-1.0-Existenzen noch nicht einmal einen Hauch ziviler Ordnung dulden wollen.
Im Dauergetöse der politischen Rohrkrepierer und der blökenden (sorry: bloggenden) Enterhaken-Anarchos gehen die (ohnehin zaghaften) Stimmen der Vernunft unbemerkt unter.
allein mir fehlt der Glaube!!! Wie sehr hatte Herr Goethe Recht. Der Fall Dutroux hatte in Belgien und in Europa grosses Interesse gefunden. Was ist letztlich aufgeklärt worden? Nichts. Es besteht an den höchstenpolitischen und staatlichen Stellen Null Interesse etwas für Kinderschutz und gegen diese Inhalte zu tun.
Paging