Testgerät Marke Eigenbau
Anzeige
Im Hause Heise schraubt der Redakteur noch selbst. Beamer-Labor, schallarme Kammer, Audio-Testkammer steht in schwarzen Buchstaben auf weißen Zetteln an den Türen. Dahinter sitzen Männer aller Altersklassen und basteln sich durch ihre Herausforderungen.
Über den Kellerschächten hängt der Nebel an diesem Montag so tief, dass man das Industriegebiet, in dem das Verlagsgebäude liegt, nur in Grundzügen erkennen kann. Direkt unter der Betonnarbe, im Camcorder-Labor, steht Ulrich Hilgefort an einer technischen Apparatur aus Stäben und Drähten. Ein Teil von Hilgeforts Messgerät ist mit einem schwarzen Tuch bedeckt. Der IT-Spion lauert überall. Drei Jahre habe er, berichtet der c't-Redakteur stolz, an dem Messgerät gebastelt.
Nun könne er mit seinem Eigenbau sogenannte "Entwackler", also optische oder elektronische Bildstabilisatoren von Camcordern, reproduzierbar testen. Man dreht sich staunend um, da kommt schon der nächste tolle Redakteur um die Ecke. Kopfschüttelnd starrt Daniel Lüders aber nun gerade auf einen kleinen schwarzen Kasten zwischen seinen Fingern, mit dem er sich durch Google-Maps-Karten klickt.
"Dieses Gerät hat eigentlich nur den Sinn, Menschen dazu zu bringen, noch mehr auf Google-Seiten zu surfen", sagt Lüders. Begründeter und ausgefeilter, aber genauso respektlos stand das Urteil über das neue Google-Handy G1 ein paar Tage zuvor bei heise-online.
Das Spiel mit dem Nerd-Image
"Wir kochen auch nur mit Wasser, haben aber viel Zeit dazu", sagt Christof Windeck, leitender Redakteur im Haus, als er den Besucher aus den Testräume in die oberen Stockwerke führt. Das selbstironische Spiel mit dem eigenen Nerd-Image ist Programm. Dazu gehört, bloß nicht zu freundlich auf jeden zu reagieren, der einen von der Arbeit an der Platine abhalten könnte. Und so eröffnet c't-Chefredakteur Christian Persson das Gespräch mit dem Satz: "Redaktionsmarketing ist eigentlich überhaupt nicht meine Sache."
Persson, 59, ist von Anfang an dabei und so etwas wie der erste Journalist bei Heise, die oberste inhaltliche Instanz, die auch gefragt wird, wenn ein Unternehmen gerne mit einem neuen Werbeformat ins Heft vorstoßen würde. Im Regelfall, sagt Persson, sage er dann nein. "Ich will nicht, dass unser Erscheinungsbild gestört wird." Wer schon mal eine c't-Ausgabe in der Hand hatte, kann das verstehen. Denn das Magazin hat, positiv formuliert, seit zwanzig Jahren fast allen modischen Layout-Trends widerstanden.
Äußerlich konservativ, inhaltlich dem technischen Fortschritt oft voraus - so ist c't zum Erfolg eines mittelständischen Familienverlages gegen die Großen der Zunft geworden, eines Spezialisten gegen die Generalisten, ein journalistisches Produkt, in dem der redaktionelle Inhalt nicht zum Anzeigenumfeld verkommen ist. "Wir wollen auf keinen Fall dabei erwischt werden, unseren Lesern falsche Versprechungen zu machen", sagt Chefredakteur Persson. Vermutlich auch sein Leitsatz für die nächsten zwanzig Jahre.
Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2
(SZ vom 08.11.2008/heh)
Wirbel um Obama-Biographie
Bei Heise unter http://www.heise.de/ct/hintergrund/meldung/118380 kann man sich Bilder vom 31.10 ansehen (von der Reaktionsführung und der abendlichen Party).
TH
P.S. Ich habe auf der Party nur bis halb drei durchgehalten.