Google verändert die Zeitung mehr, als Redakteure und Verleger wahrhaben wollen, sagt der Medienprofessor Jeff Jarvis. Ein Interview über kluge Leser und mächtige Links.
SZ-Magazin: Was bedeutet Google für den Journalismus?
Wie verändert Google die Zeitung? (© Illustration: Christoph Niemann)
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Jeff Jarvis: Nicht nur Google, das ganze Internet verändert den Journalismus. Druckerpressen zu besitzen ist heute ein Nachteil, weil es viel Geld kostet, Zeitungen zu drucken. In der neuen, digitalen Welt lassen sich Nachrichten billiger verbreiten und auch permanent korrigieren und aktualisieren. Sie können auf verschiedene Art präsentiert werden - als Video, Text oder als Audiodatei. Die Zukunft liegt zweifellos jenseits der Druckerpresse.
SZ-Magazin: Aber in der Gegenwart machen die deutschen Verlage den meisten Umsatz immer noch mit ihren Zeitungen und nicht mit ihren Onlineportalen.
Jarvis: Der deutsche Markt ist wohl nicht so einfach mit dem amerikanischen zu vergleichen. Dennoch sollten die Blätter, die in den USA gerade reihenweise sterben, Warnung genug sein für die deutschen Verleger. Ich gehe sogar so weit zu sagen: Jedes Zeitungshaus sollte sich einen Termin setzen, zu dem es seine Druckerpressen abstellt. Nicht weil ich gegen Printprodukte wäre, sondern weil es die Verantwortlichen zum Nachdenken zwingt: Worin besteht der eigentliche Mehrwert der Arbeit von Journalisten? Wie lässt sich dieser Mehrwert auf das Internet übertragen? Welche Leute brauche ich für diese Arbeit? Wie finde ich Anzeigenkunden, die den nötigen Umsatz generieren? Alles Fragen, die sehr schwer zu beantworten sind. Deshalb sollten die deutschen Zeitungen nicht so lange warten, bis sie sich in einer ähnlich verzweifelten Lage wiederfinden wie etwa das Traditionsblatt Boston Globe. Dann ist es nämlich zu spät.
SZ-Magazin: Sollten Medienhäuser nicht umgekehrt alles versuchen, um ihre Blätter am Leben zu erhalten, schon allein wegen ihrer Bedeutung für die Demokratie?
Jarvis: Nicht die Zeitungen sind wichtig für die Demokratie, der Journalismus ist es. Leider wollen das einige Leute nicht zur Kenntnis nehmen und nur ihre Besitzstände verteidigen. Das sieht man auch an den Versuchen, die Leser im Internet zur Kasse zu bitten. Altes Denken: einen Artikel zu veröffentlichen und dann Geld zu verlangen, wie schon bei der gedruckten Zeitung. Diese Rechnung wird aber im Internet nicht aufgehen.
SZ-Magazin: Welche dann?
Jarvis: Mehrere Faktoren spielen eine Rolle, zum Beispiel Effizienz: Die meisten Zeitungen produzieren Tag für Tag ein vollwertiges Nachrichtenangebot. Im Internet ist das nicht mehr nötig, weil der Rest der Welt nur einen Link entfernt ist. Eine Regionalzeitung braucht im Internet keinen eigenen Kinokritiker mehr. Wozu Filme rezensieren, die im Internet und auch in den großen Zeitungen schon dutzendfach besprochen wurden? Im Internet gilt die Maxime: Tu nur das, was du am besten kannst. Für alles Übrige gibt es Links.
SZ-Magazin: Damit geht aber Vielfalt verloren.
Jarvis: Nun ja. Hier in den USA verfolgen etwa 15.000 Journalisten das politische Geschehen. Wenn wir nur noch die Hälfte hätten, wären es immer noch zu viele. Außerdem kommen im Internet viele neue Stimmen und Perspektiven hinzu, die bisher kaum an die Öffentlichkeit gedrungen sind. Das Internet fördert also eine gewisse Kakophonie und damit auch die Demokratie.
SZ-Magazin: Wirtschaftlich hat sich das von Ihnen propagierte Geschäftsmodell, Links statt Inhalten, bisher nur für Google ausgezahlt. Insbesondere die Seite Google News besteht nur aus Links zu Zeitungs- und Magazinbeiträgen. Google liefert also keinerlei originäre Inhalte, schöpft aber trotzdem das Gros der Werbeeinnahmen im Internet ab.
Jarvis: Typisches Argument, das vor allem die Europäer gern wiederkäuen: Google klaut unsere Inhalte. Das Gegenteil ist wahr! Google News lenkt Leser zu den Seiten der Nachrichtenanbieter. Damit erhöht Google, wie auch jeder Blogger, den Wert dieser Seiten. Es ist an den Verlagen, aus dem Publikumsverkehr endlich Kapital zu schlagen.
SZ-Magazin: Sie wollen sagen: Google News erfüllt online eine ähnliche Funktion wie offline der Zeitungskiosk?
Jarvis: So ist es. Und Google leistet noch viel mehr: Aus Untersuchungen wissen wir, dass in Amerika nur etwa 20 Prozent der Leser die Startseite einer Zeitung aufsuchen. Die Mehrheit gelangt über Links oder Suchabfragen, also vor allem über Google, zu einzelnen Artikeln der Zeitung. Ein weiterer Aspekt sind die sogenannten Google Ads, Anzeigen, die Google vermittelt. Selbst auf der Seite der renommierten New York Times finden sich Google Ads.
SZ-Magazin: Vorerst bricht den Verlagen allerdings das Stammgeschäft weg, und der Umsatz im Internet vermag diese Verluste nicht annähernd wettzumachen.
Jarvis: Der Fehler liegt im alten Denken: Zeitungen müssen im Internet nicht mehr sämtliche Inhalte selbst produzieren. Im Netz tummeln sich genügend Experten, deren Know-how und Inhalte die Zeitungen für ihre Seiten nutzen sollten. Das sind alles Leute, die eine Zeitung nicht anstellen, sondern einfach nur finden und koordinieren muss.
SZ-Magazin: Wenn Zeitungen ihre Arbeit auslagern, verlieren sie dann nicht einen wesentlichen Teil ihres Kapitals? Etwa das Vertrauen der Leser, dass die Redaktion bestimmte, auch ethische Standards einhält und nicht nur irgendwelche Partikularinteressen verfolgt.
Jarvis: Ich habe meine Zweifel, ob sich Redakteure per se ethischer verhalten als andere Menschen. Zudem behalten die Zeitungen auch im Internet die Kontrolle, indem sie sich ihre Experten und Mitarbeiter genau aussuchen. Wie auch die Seiten, zu denen sie verlinken. Die Zeitungen werden gar nicht umhinkönnen, einen Teil ihrer Arbeit auszulagern, weil die Redaktionen im selben Maß schrumpfen wie die Umsätze der Verleger. Trotzdem behaupte ich, dass dieses Nischengeschäft sehr profitabel sein kann. Wenn die Zeitungen die Gelegenheit nicht nutzen, werden andere es tun.
SZ-Magazin: Sie meinten anfangs, es sei ein Vorteil, wenn Nachrichten permanent korrigiert und aktualisiert würden. Wollen Leser das tatsächlich: zehn Versionen ein und derselben Nachricht?
Jarvis: Das hängt sicher vom einzelnen Leser ab. Aus Radio und Fernsehen sind die Menschen ja schon gewohnt, dass sich Nachrichten im Laufe des Tages mehrmals ändern können. Jede Zeitung ist gespickt mit Fehlern. Was spricht dagegen, diese Fehler künftig umgehend zu korrigieren? Davon profitiert doch der Journalismus.
SZ-Magazin: Profitiert der Journalismus auch davon, dass künftig vielleicht die Suchmaschine Google nach einem weitgehend unbekannten Algorithmus bestimmt, was die Menschen lesen?
Jarvis: Der Ruf von Google gründet darauf, die besten, relevantesten Links zu finden. Dabei ist das Unternehmen sicher weit weniger geheimnistuerisch, als es die Zeitungen sind. Welcher Journalist legt schon all seine Notizen offen und nennt, mit wem er gesprochen hat und mit wem nicht? Ich finde, Journalisten sollten sich viel mehr öffnen.
SZ-Magazin: Besonders viel scheinen Sie nicht zu halten von Ihrer eigenen Branche.
Jarvis: Ach was. Ich glaube durchaus, dass die Inhalte einer Zeitung einen Wert an sich darstellen. Gleiches gilt für die Fähigkeit von Journalisten, Nachrichten zu produzieren und den Mächtigen auf die Finger zu schauen. Aber in der Vergangenheit wurde ein wesentliches Potenzial der Zeitung sträflich vernachlässigt: die Leser. Die Leser einer Zeitung wissen viel mehr als die Journalisten, die diese Zeitung herstellen. Genau darin sehe ich die große Chance für die Zukunft: dass Journalisten - mit Hilfe von Unternehmen wie Google - dieses Potential nutzen können, um bessere Geschichten zu schreiben.
Jeff Jarvis, 54, ist Medienwissenschaftler in New York und Autor des Buches "Was würde Google tun?" Er bloggt unter www.buzzmachine.com.
(SZ Magazin vom 08.05.2009/mabau)
OB-Kandidatin Nallinger
die komplette SZ Wirtschaftsredaktion könnte locker von polnischen Lohnschreibern ersetzt werden. Die Satzbausteine aus den letzten Jahren kann man problemlos durcheinanderwürfeln und damit ganz "neue" Artikel erschaffen, ohne dafür das lästige Salär berappen zu müssen. Erst wenn man wirklich das volle Sparpotential, vor allem bei der teuren Belegschaft ausgeschöpft hat und den Preis des Produktes dem Markt angepasst hat, erst dann muss man sich ernsthaft Sorgen um die Existenz von Zeitungen machen. Bis dahin kann man mit neuen Slogans wie "mehr Qualität wagen" und ähnlichem einfach munter weiter drucken.
Spannend und Auflagen steigernd könnte sich doch auch ein Versuch auswirken, eine Zeitung nur mit Leiharbeitern zu erstellen und auf fest Angestellte komplett zu verzichten. Diese, anständig promoted und mit Hilfe der INSM umgesetzt, erscheint durchaus tragfähig.
Ich denke, meine Vorschläge sind auch ganz im Sinne gerade der SZ Wirtschaftsredaktion, die solche Rezepte beinahe täglich empfiehlt, vor allem Anderen...
Das Problem ist ein zu starkes Anwachsen der Abo Preise. Mittlerweile Kostet ein SZ Abo 40 und wird jedes Jahr kräftig erhöht. Die Nutzung anderer Medien wird hingegen teilweise billiger bzw. werden nur langsam erhöht (GEZ derzeit 18). Früher waren die Preise für GEZ und SZ deutlich näher beieinander.
Bei Preisen von 40 pro Monat ist ein Zeitungsabo als Masssenmedium kaum noch geeignet und es nimmt sich selbst die Relevanz.
Hinzu kommt, dass immer weniger Leute sich vorschreiben lassen wollen welche Themen sie wichtig finden, zu denen die man selbst gerade wichtig findet findet man meist zu wenig, zu den anderen zu viel, und schon muss man anderswo weiter suchen, was im Gegensatz zu der selbstverliebten Ansicht von Leuten wie Leyendecker durchaus möglich ist.
Dennoch werde ich meine SZ weiterhin abonnieren.
Und da fehlt es leider sehr oft!
Schlechte Recherche, schlechte Rechenkünste, schlechte Allgemeinbildung.
Es kann aber wieder besser werden und google ist wohl kaum eine Alternative!
Was das Wirtschaftsmodell angeht hat Herr Jarvis recht. Was jedoch die Qualität der Presse angeht, wird die Sache brisant.
Irgendwann ist nämlich nicht mehr wirklich klar woher Informationen kommen, weil niemand mehr selbst prüft. Dann wird Halbwissen zu Fakt wenn es nur populär genug ist. Und Google sitzt an den Hebeln, die die Welt bewegen.
Klar unterstelle ich Google nichts böses, aber würden Sie diese Hebel einfach Hebel sein lassen?
...würde mir erstklassige Redakteure wünschen, die gut recherchieren. Dazu lesenswerte Kommentare. Eine unabhängige Zeitung, die möglichst wenig auf Werbeeinnahmen angewiesen ist.
Und ich wäre bereit dafür auch zu zahlen. Auch für eine Online-Ausgabe. Die ich mir ggf. als PDF auf meinen PDA ziehen kann.
Zu erwarten, dass man erstklassigen Journalismus für lau kriegt, scheint mir auf Dauer der falsche Weg. Und demokratisches Wissen ist natürlich auch nur begrenzt verlässlich.
Wenn wikipedia die "SZ" zitiert wirkt das glaubwürdiger als wenn ein Blogger zitiert wird.
Was gerne vergessen wird: Viele Blogger beziehen sich beim Bloggen auf Sachen die sie in etablierten Medien erfahren haben. Bild-Blog würde ohne "Bild" wenig Sinn machen.
Ich möchte nicht in Information ertrinken, ich möchte qualifizierte Leute, die eine Vorauswahl für mich treffen. Wenn ich den Background des jeweiligen Mediums kenne ("Bild" vs. "SZ" vs "Welt" vs "FAZ") kann ich mir ein gutes Bild machen. Blogs wie z.B. "Spiegelfechter" sind für mich ein wunderbare Ergänzung und Erweiterung...aber kein Ersatz.
Paging