Internetpiraterie Klauen macht glücklich

Die unter Umsatzeinbrüchen leidenden Musikkonzerne finden kein probates Mittel gegen das illegale Downloaden.

Von Bernd Graff

Die Krise der Musikindustrie hat viele Facetten, wie einige Meldungen der letzten Zeit deutlich machen. Da hat zum Beispiel der Medienkonzern Bertelsmann Anfang August bekannt gegeben, dass er sich von seinem 50-prozentigen Anteil am Musikunternehmen Sony BMG trennen möchte. Man wolle einer neuen Wachstumsstrategie folgen. Was ein erstaunliches Argument ist für ein Unternehmen, das Bruce Springsteen, Anastasia, Pink, Alicia Keys, Michael Jackson, George Michael und Barbara Streisand unter Vertrag hat und die Rechte an Elvis hält.Es ist wohl so, dass die Kronjuwelen der populären Musik keine Garanten mehr sind für Wachstum. In Deutschland zum Beispiel ist der Umsatz in den letzten zehn Jahren von 2,7 Milliarden Euro auf 1,65 Milliarden Euro geschrumpft.

Ende Juli erfuhr man, dass die Rolling Stones ihre Plattenfirma EMI verlassen und zu Universal wechseln. Nach 17 Jahren. Man munkelt, dass die den Stones angeblich garantierte Vertragssumme von etwa 10 Millionen Euro bei weitem nicht die Höhe habe, die in der Vergangenheit an Superstars gezahlt wurde. Ähnlich war es bei Paul McCartney, der zur neuen Musiksparte der Kaffeehauskette Starbucks übergelaufen ist. Hintergrund: EMI ist gerade dabei, einem harten Sparkurs Genüge zu tun.

Wie es heißt, steht ein Drittel der Arbeitsplätze zur Disposition. Dass Weltstars der klassischen Musikindustrie nach langen Jahren der Zusammenarbeit den Rücken kehren, um zu kleineren Firmen oder sogar zu kunstfernen Häusern zu wechseln, muss also mehr bedeuten. Und dass sich der eine oder andere - zum Beispiel der Rapper Jay-Z und die Band U2 - nach der Trennung sogar an Konzertveranstalter wie Live Nation binden, ist ein Hinweis darauf, wohin sich der Musikmarkt entwickeln könnte. Denn Konzertveranstalter nehmen inzwischen fast doppelt so viel ein wie die Musikkonzerne mit dem Verkauf von Tonträgern.

Es herrscht also keine Krise der Musik, sondern wir erleben die Endzeit der Tonträger: CD-Hüllen sind zu Klarsichtsärgen der Musik geworden. Denn Songs werden legal und illegal aus dem Netz geladen, dröhnen aus den Allzeit- Wunschkonzerten von Internetradio-Sendern und werden auf den neuen Tupperware-Treffen der Nerds, den Harddrive-Partys (siehe unten) gleich in Terabyte-Dimension vervielfältigt. Dabei spricht man nicht mehr von einzelnen Songs oder Alben oder dem Lebenswerk einzelner Künstler. Eher von allen Songs, die jemals aufgenommen wurden. Ein Terabyte fasst rund 200000 Stücke. Inzwischen, so eine Studie des Branchenverbands der Musikindustrie IFPI, kommen auf einen gekauften Song 20 illegale kopierte. Tendenz steigend.

Hartes Durchgreifen gegen Musikpiraterie

Die Musikindustrie versucht, ihr solchermaßen bedrohtes Geschäft mit einer einzigen Waffe zu verteidigen: dem Urheberrecht. Deshalb werden einerseits Musik-CDs mit einem Kopierschutz gesichert. Andererseits geht man harsch gegen Raubkopierer vor. Bis Mitte 2007 erstattete der Bundesverband der Musikindustrie allein in Deutschland 25000 Strafanzeigen. So viele, dass die Justiz nicht mehr nachkommt.

Gerade wurde publik, dass es den großen Labels in Großbritannien gelungen sei, dort mit den sechs größten Internet Service Providern einen Pakt zu schließen. Die Vereinbarung sieht vor, dass die britischen Internetfirmen der Industrie die Daten jener Kunden überlassen, die illegal Musik aus dem Internet herunterladen. Damit ihnen die Musikfirmen Mahnbriefe per Post schicken können. "Wenn es zu den wirklich ernsthaften Verbrechen wie illegalem Lieder-Download kommt," höhnt der britische Guardian, "dann sind inzwischen Durchgriffe gerechtfertigt, die den Krieg gegen den Terror wie eine behutsame Angelegenheit erscheinen lassen."

In einer Diskussion der vergangenen Tage ging es um die Auswertung einer Studie zu einem spektakulären Fall: Die konzernfreie Band Radiohead hatte ihr neues Album "In Rainbows" auf einer eigenen Website zum freien Download angeboten. Die Nutzer konnten dafür so viel bezahlen, wie sie wollten- auch gar nichts. Verblüffend war, dass dieses Album, obwohl frei zugänglich, schnell auf den vorderen Plätzen in den Verteilerlisten der illegalen Downloadstationen auftauchte. Es wurde in Rekordzahlen heruntergeladen. Die Fans mögen also offenbar lieber etwas mit allen Risiken stehlen als geschenkt zu bekommen.

Eine Studie des kalifornischen Internet-Statistik-Unternehmens BigChampagne, die zu diesem Phänomen erstellt wurde, kommt zu dem Schluss, dass die Piraterie den Aufmerksamkeits- und Geschmackslinien des realen Lebens folgt. Ein Erfolg auf dem grauen Markt korrespondiert mit dem Verkaufserfolg auf dem offiziellen Markt - und umgekehrt. Deshalb rät BigChampagne der Musikindustrie, aus der Umsonst-Kultur und den Piraten-Charts die richtigen Schlüsse zu ziehen für künftige Strategien. Oder, mit anderen Worten: Was bei den Piraten rockt, wird vermutlich auch real ein bisschen rollen.