Design-Ikone Tony Dunne Mehr als nur sexy

Digitales Design muss nicht nur schön und leicht bedienbar sein, sagt der ehemalige Sony-Designer Tony Dunne. Seine Branche, so hofft er, soll die Gesellschaft der Zukunft mitgestalten.

sueddeutsche.de: Herr Dunne, Design muss doch eigentlich nur leicht bedienbar, gut aussehend sein und den Konsumenten dazu verleiten, es zu kaufen. Stimmt das?

Design-Ikone Tony Dunne

Der ehemalige Sony-Designer Tony Dunne ist inzwischen Professor am Royal Art College in London

(Foto: Foto: Royal College of Art London)

Anthony Dunne: Nun, im Moment leben wir noch in einer Welt, in der das so ist. Gleichzeitig spielt Design, speziell Interaktionsdesign, eine wichtige Rolle im technologischen Wandel. Es beschleunigt ihn und sorgt dafür, dass die neuen Entwicklungen von den Benutzern akzeptiert werden. Wir als Designer müssen uns das erst einmal klar machen und unsere Rolle dabei reflektieren - denn technologischer Wandel bedeutet nicht immer Fortschritt, er bedeutet erst einmal Veränderung.

sueddeutsche.de: Das hört sich nicht an wie die Werbebotschaften, in denen die neuesten technischen Geräte angepriesen werden...

Dunne: Ich habe lange in der Industrie gearbeitet und führe viele Gespräche mit den Menschen dort. Weil die Branche der Unterhaltungselektronik vor allem aus vielen Riesenunternehmen besteht, wird sie von der Frage "´Was will der Markt" total dominiert. Das ist sehr kurzsichtig. Technologien verändern unsere Welt Tag für Tag, aber wir als Gesellschaft haben keinen Ort, an dem wir darüber diskutieren können, ob wir diesen Wandel überhaupt wollen. Deshalb müssen Designer von elektronischen Geräten sich in neue Felder begeben, um dabei zu helfen, dass Debatten entstehen.

sueddeutsche.de: Können Sie ein Beispiel geben?

Dunne: Ich denke, dass Biotechnologie sehr wichtig werden wird. Wir kommen zu einem Punkt, wo die technischen Anwendungen in diesem Feld das Labor verlassen und auf den Markt kommen. Wir haben es hier mit lebendem Material zu tun. Schlagen Sie eine beliebige Zeitung in Großbritannien auf und Sie werden einen Artikel darüber finden, wie künstliche Befruchtung und die damit einhergehenden Auswahlmöglichkeiten unser Familienbild verändern.

Designer können natürlich Produkte und Dienstleistungen in solchen Bereichen entwickeln. Aber es ist unsere Pflicht, uns und die Gesellschaft zu fragen http://www.interaction.rca.ac.uk/people/staff/fiona-raby/projects/project1.html, ob und wie wir wollen, dass solche Technologien in unser Leben treten. Im Moment lehnen wir alle uns zurück, und in vielen Bereichen bestimmt die Industrie, was passiert. Aber solche Technologien haben einen großen Einfluss auf die menschliche Evolution, auf unsere Identität.

sueddeutsche.de: Das ist ein sehr ethischer Anspruch, aber am Ende entscheiden Unternehmen, was sie herstellen und der Konsument, ob er es kauft. Wie können Designer da einen Unterschied machen?

Dunne: Ich denke, wir müssen uns nicht so sehr der Industrie zuwenden, sondern der Öffentlichkeit und danach fragen, was sie möchte. Wenn wir Produkte herstellen, die an einem Thema Interesse wecken weil sie nützlich, nachhaltig sind und eine gewisse Ethik dahinter steckt, kann das eine dazu führen, dass Nachfrage entsteht. Interaktionsdesigner könnten Vermittler zwischen neuen Technologien und den Menschen sein, die sie benutzen.

sueddeutsche.de: Aber was ist die Alternative zur Industrie, die Forschung und Entwicklung finanziert und diese Geräte produziert?

Dunne: Nun, erst einmal hoffe ich, dass in den nächsten Jahren viele kleinere Unternehmen auftauchen werden, die sich für Nischenprodukte interessieren. Außerdem glaube ich, dass wir in unserer Branche einen Trend erleben werden, den wir auch in der Software-Welt oder gerade in der Musikindustrie beobachten können: Interaktionsdesigner werden ihre Produkte immer öfter selbst auf den Markt bringen und davon leben können. Wir sehen das in der Möbelindustrie, wo kleine Designer ihre Produkte selbst herausbringen und vertreiben.

Natürlich ist das im Bezug auf technische Geräte etwas schwieriger, weil es teurer ist. Sie brauchen Prototypen, kompliziertere Fabrikanlagen. Aber wir kommen an einen Punkt, an dem es einfacher ist, Produzenten zu finden, die sich eher als Herausgeber sehen, wie bei einem Verlag. Der Autor wäre in diesem Fall der Designer.

sueddeutsche.de: Sehen sich digitale Designer als Autoren?

Dunne: Wir werden in zwei Rollen gedrängt: In die des Stylisten, der Dinge sexy macht, oder in die des Problemlösers. Aber gerade in Europa müssen wir über diesen Tellerrand hinausblicken. Vieles an grundlegender Problemlösung wird früher oder später von Computerprogrammen übernommen werden. Gleichzeitig werden mehr und mehr von den Tausenden Interaktionsdesignern in China auch dazu fähig sein, Produkte sexy zu machen. Wenn wir also in der Zukunft noch eine Rolle spielen wollen, müssen wir den Menschen zeigen, wie unser Leben sich durch Technik verändern wird und was für Konsequenzen diese neuen Möglichkeiten haben.

Anthony Dunne ist Professor im Studiengang Design Interactions am Royal College of Art London (RCA) tätig. Der ehemalige Sony-Designer versucht zusammen mit seiner Partnerin Fiona Raby, Design zum Medium für Diskussionen über die sozialen, kulturellen und ethischen Implikationen des technologischen Fortschritts zu machen. Seine Werke sind unter anderem in der ständigen Ausstellung des MoMa in New York zu sehen.