Von Thorsten Denkler, Berlin

Datenskandale haben die Republik aufgewühlt. Datenschutzbeauftragter Schaar aber fürchtet, die Koalition interessiert sich nicht mehr für bessere Gesetze.

Es überrascht dann doch, dass der Tätigkeitsbericht des Bundesdatenschutzbeauftragten für die vergangenen zwei Jahre lediglich auf 193 Seiten kommt. Der Bericht für die Jahre 2005 und 2006 hatte noch einen Umfang von exakt 200 Seiten. Dabei ist allein 2008 einiges passiert, was die Republik bewegte. Der Datenschutzbeauftragte Peter Schaar sagte bei der Vorstellung seines Berichtes heute in Berlin: "Das war ein Jahr, wie ich es bisher nicht erlebt habe."

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Datenschutz scheint der großen Koalition nicht mehr so wichtig zu sein. (© Foto: dpa)

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Neu ist vor allem die Erkenntnis, dass in der Wirtschaft in kaum zu überbietendem Umfang gegen Grundsätze des Datenschutzes verstoßen wurde. Die Skandalunternehmen der vergangenen Monate: Telekom, Lidl, Deutsche Bahn und jetzt auch die Drogeriekette Müller, wie die Süddeutsche Zeitung berichtete.

Mitarbeiter und Kunden wurden ausspioniert und ohne deren Wissen im wahrsten Sinne des Wortes auf Herz und Nieren überprüft. Wahllos wurden Kontoverbindungen gescannt, intime Daten gesammelt, Krankheitsbilder erstellt und wurde millionenfach illegal mit sensiblen Adressdaten inklusive Kontonummern reger Handel getrieben. Gefühlt hätte Schaars Bericht mindestens doppelt so viele Seiten haben müssen.

Im vergangenen September schien es einen ersten Durchbruch gegeben zu haben. Zufrieden saß Peter Schaar neben Innenminister Wolfgang Schäuble vor der Presse und verkündete die Novellierung wichtiger Datenschutzgesetze noch in diesem Jahr. Die von ihm gewünschte und erhoffte große Datenschutzreform solle dann nach der Bundestagswahl im September in Angriff genommen werden. So hatte es Schäuble versprochen.

Ein halbes Jahr später muss Schaar wieder mahnen. Es ist nicht die Bundesregierung, die ihm zu schaffen mache. Die habe ihre Hausaufgaben wie verabredet gemacht. Jetzt hängt es an den Abgeordneten im Bundestag.

Schaar sagte, er mache sich "ernsthaft sorgen, dass wir zum Ende der Legislatur kommen und immer noch keinen besseren Datenschutz haben." Denn: "So groß die Versprechen waren, so zögerlich gestaltet sich das ganze Verfahren." Mit anderen Worten: Im Bundestag sind die Großkoalitionäre gerade dabei, wichtige Fortschritte im Datenschutz - wenn überhaupt - in einen Trippelschritt zu verwandeln.

Es geht im Kern um das Listenprivileg, das es Unternehmen erlaubt, frei mit den Adressen ihren Kunden zu handeln, solange die das nicht ausdrücklich untersagt haben. Der Gesetzentwurf der Bundesregierung sieht dagegen vor, dieses Listenprivileg zugunsten einer Zustimmungslösung zu ändern. Dann dürfte nur mit den Adressen jener Kunden gehandelt werden, die das ausdrücklich so wünschen.

Adresshändler und insbesondere Zeitschriftenverlage laufen seit Wochen Sturm gegen diese Neuregelung. Sie fürchten, künftig keine Chance mehr zu haben, in großem Umfang direkt auf potentielle neue Kunden zuzugehen. Schaar sieht die Abgeordneten einem Druck von Lobbyisten ausgesetzt, "wie man ihn bei anderen Fragen kaum erlebt hat".

Silke Stokar, innenpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, teilt die Befürchtung von Schaar, dass die große Koalition auf Zeit spiele und es "keine realen Verbesserungen mehr beim Datenschutz geben wird". Der Datenschutzgipfel vom vergangenen September, urteilt Stokar, "war ein Flop".

An diesem Mittwoch bietet sich die Gelegenheit, die Opposition und Peter Schaar vom Gegenteil zu überzeugen. Dann tagt der Innenausschuss des Bundestages. Doch das Thema Datenschutz findet sich mal wieder nicht auf der Tagesordnung.

Die FDP will es dabei nicht belassen und fordert einen Bericht zum aktuellen Stand des Gesetzgebungsverfahrens. Dann müsse die große Koalition "Farbe bekennen", wie die innenpolitische Sprecherin der liberalen Bundestagsfraktion, Gisela Piltz, sagt.

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