Werner Schnappauf Ein Mann fällt nach oben

Die Nominierung von Werner Schnappauf als neuer BDI-Hauptgeschäftsführer sorgt im Verband für Verwunderung - und in der CSU für Erleichterung.

Von Nina Bovensiepen und Kassian Stroh

Die Bitte aus Berlin war klar formuliert und hatte einen flehenden Unterton. Am Dienstagabend teilte Jürgen Thumann, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, den wichtigen Gremien der Organisation in einem eilig verschickten Fax mit, dass er den bayerischen Umweltminister Werner Schnappauf am nächsten Tag als neuen BDI-Hauptgeschäftsführer nominieren werde.

Die Karriere des Werner Schnappauf: vom Pressesprecher im Umweltministerium zum BDI-Hauptgeschäftsführer.

(Foto: Foto: ddp)

Schnappauf sei für das Amt "bestens geeignet", schrieb der Präsident. "Sollten Sie von der Presse um einen Kommentar angefragt werden", fügte er an, "bitte ich Sie herzlich, sich diesem offiziellen Wortlaut anzuschließen."

Der Bitte des BDI-Präsidenten, dessen lange Suche nach einem Hauptgeschäftsführer zunehmend zu einer Posse geriet, wurde am Mittwoch Folge geleistet. Zumindest offiziell. Schnappauf sei eine "gute Lösung", ein erfahrener Mann, der erwiesenermaßen die Erfahrung für sein neues Amt mitbringe, hieß es bei wichtigen Mitgliedsverbänden des BDI.

Auch Schnappaufs bisheriger Chef, Ministerpräsident Edmund Stoiber, freute sich: Er habe ihm "dazu geraten, diese Herausforderung anzunehmen".

Dessen designierter Nachfolger als Regierungschef, Günther Beckstein, äußerte sich nicht. Aber ihm hilft der geplante Wechsel: Als Umweltminister, da sind sich in der CSU fast alle einig, hätte er Schnappauf wohl kaum behalten. Aber er hätte eine andere Aufgabe für ihn finden müssen. Denn Schnappauf ist Bezirkschef der Oberfranken-CSU. Das ist in der im Regionalproporzdenken geübten CSU ein festes Ticket für einen Kabinettsposten.

Das Parteiamt wird er nun, so er zum BDI geht, ebenso wie sein Landtags-Mandat niederlegen. "Das schafft Spielraum", kommentierte ein CSU-Vorständler die Personalie.

Eine glückliche Fügung für alle Beteiligten also? Ein Volltreffer für BDI-Präsident Thumann und Schnappauf zugleich? Wohl kaum. Sonst wäre im Zuge der mehr als einjährigen Kandidatensuche der Name Schnappauf früher gefallen. Doch obwohl verschiedene Staatssekretäre und Abgeordnete als mögliche BDI-Hauptgeschäftsführer gehandelt wurden - auf Schnappauf war bislang niemand gekommen.

Über das Wunschprofil war bekannt, dass Thumann einen politischen Kopf wollte, der gut vernetzt sein müsse. In einem Interview empfahl der BDI-Präsident einmal, nicht nur im Bundestagshandbuch nach Kandidaten zu stöbern, sondern auch im Verzeichnis des Europaparlamentes. "Der BDI agiert schließlich zunehmend auf der internationalen Bühne", sagte er.

Tote Enten und ein toter Bär

Schnappauf steht nicht im Bundestagshandbuch. Europaparlamentarier ist er auch nicht. Und gut vernetzt? In Bayern vermutlich. Aber sonst? In den Verbänden, im hauptstädtischen Politikbetrieb? "Ich glaube nicht, dass ihn jemand kennt", heißt es bei einem einflussreichen Mitgliedsverband des BDI.

So stößt Thumann mit seiner Entscheidung auch auf Skepsis. "Schnappauf hat keinen Durchblick im Mittelstand, keine Ahnung von Großkonzernen, und in den Tiefen des Steuerrechts dürfte er sich auch kaum auskennen", lästert ein Verbandsmann. Bei den Verhandlungen um das Dosenpfand habe er sich "genauso verhalten wie Trittin" - eine Gleichstellung mit dem früheren grünen Bundesumweltminister ist eines der vernichtendsten Urteile, die es in Wirtschaftskreisen gibt.

Aber: Von PR versteht Schnappauf was. Erlebt Bayern ein Hochwasser, posiert er mit Sandsack für die Fotografen. Sind Vogelgrippe-Viren im Anmarsch, lässt er sich vor einer Maschine ablichten, die 2000 Hühner in der Stunde per Elektroschock töten kann. Und geht es um den Klimaschutz, lädt der Minister bevorzugt zu Presseterminen auf die Zugspitze.

Das ist bei Schnappauf nicht zuletzt Eigen-PR. Wie gezielt er schon als Beamter seine politische Laufbahn im Blick hatte, zeigt eine kleine Anekdote, die noch heute im Ministerium über ihn erzählt wird. Anfang der achtziger Jahre, Schnappauf war damals in der Pressestelle, kam er eines Tages im dunklen Anzug zur Arbeit. Der Grund: An diesem Tag war ein sowjetischer Vize-Minister zu Besuch. Schnappauf schaffte es, gemeinsam mit dem Funktionär aufs Foto zu kommen. Jahre später soll dieses dann in einer Wahlkampfbroschüre Schnappaufs aufgetaucht sein, um die eigene politische Großkalibrigkeit zu dokumentieren.

Das Desaster des Jahres 2006

In besseren Zeiten wurde der 54-Jährige auch schon als möglicher Innenminister gehandelt - und damit als Anwärter für den Ministerpräsidentenposten.

Dass seine Zukunftsaussichten im bayerischen Kabinett im Sommer 2007 weit weniger rosig aussahen, hat auch mit PR zu tun. Mit missglückter Krisen-PR nämlich. Eine Serie von Ekelfleisch-Skandalen hat Bayern und den für die Kontrollen zuständigen Minister seit dem Herbst 2005 überrollt.

Im Frühjahr 2006 erlebte Schnappauf ein PR-Desaster, als er wegen des Verdachts auf Vogelgrippe alle Mastenten in einem kleinen Zuchtbetrieb in seiner oberfränkischen Heimat töten ließ - zu schnell, der Verdacht stellte sich als falsch heraus.

Und dann kam Bruno. Der erste freilaufende Bär in Bayern seit 170 Jahren, erst von Schnappauf willkommen geheißen, dann zum Abschuss freigegeben. Spätestens da wurde Schnappauf selbst zum Problemfall. Die Zahl der Gammelfleischfunde wird nur von der Zahl der Rücktrittsforderungen der Opposition überschritten. Noch im Juli dementierte Schnappauf Gerüchte, die in der Wirtschaft kursierten, er diene sich diskret für einen Job außerhalb der Politik an.

Dann ging im August offenbar alles ziemlich schnell. Dem Vernehmen nach war Schnappauf im Urlaub, da rief ihn Thumann an. Er sei von dem Angebot überrascht gewesen, erzählt der Minister. Vergangene Woche, heißt es aus der Staatskanzlei, weihte er Stoiber ein, später auch Beckstein. Der Rest der CSU-Spitze wusste bis Dienstag nichts.

Ein Helfeshelfer der bayerischen Landespolitik?

Kennengelernt haben sich Schnappauf und Thumann schon früher, auf dem CSU-Weg. Thumann hat über Wirtschaftsminister Michael Glos eine Dauereinladung zur Klausur in Wildbad Kreuth. Dort seien sie sich begegnet. Die Kabinettsumbildung in Bayern und die Themen Umwelt und Klima, mit der sich auch der BDI vermehrt beschäftigen muss, hätten gut zusammengepasst.

So ist die freundliche Version. Thumann habe sich zum Helfershelfer bayerischer Landespolitik gemacht, lautet eine andere.

Die CSU-Landtagsfraktion wird Schnappauf nicht viele Tränen nachweinen. Dort ist er allenfalls respektiert wegen seiner fachlichen Kompetenz. Aber eine Heimat fand er in der mächtigen Fraktion nie.

Stoiber hatte ihn von außen in sein Kabinett geholt: 1998, da war er Landrat von Kronach. Quereinsteiger wie Schnappauf trifft der Neid der Nicht-Berufenen, wie den Streber auf dem Schulhof hat ihn die Fraktion oft isoliert. "Es hat gedauert, bis ich mich an die Auseinandersetzungen gewöhnt habe", sagte er einmal. Aber so oft er auch gepiesackt wurde - Schnappauf lächelte es weg und arbeitete weiter. Wie er sich mit Fleiß aus einfachen Verhältnissen nach oben gearbeitet hat: promovierter Jurist, Beamter, Landrat, Minister.

Der Fachmann für Eigen-PR

Und als wäre es ein Naturgesetz: Nun hat ein anderer Fachmann für Eigen-PR und Karriereförderung die besten Aussichten. Als Nachfolger für das Umweltministerium hat sich gezielt CSU-Generalsekretär Markus Söder ins Spiel gebracht, indem er umweltpolitische Akzente setzte. Ob sie ernst gemeint waren oder taktischer Natur, das können nicht einmal enge Weggefährten beurteilen.

Beckstein wird sein neues Kabinett am 16. Oktober vorstellen, Schnappauf muss sich drei Wochen vorher, am 24. September, beim BDI der Wahl stellen. Trotz aller Vorbehalte kann er wohl mit großer Zustimmung rechnen. Alles andere würde die Demontage Thumanns bedeuten.

Für den vornehm auftretenden Westfalen ist die Neubesetzung des Hauptgeschäftsführerpostens zu einem ernsten Problem geworden. Im vergangenen Jahr hatte sich Thumann mit der gescheiterten Berufung des CDU-Politikers und Merkel-Vertrauten Norbert Röttgen blamiert. Die Ex-BDI-Präsidenten Hans-Olaf Henkel und Michael Rogowski hatten die geplante Ernennung des Abgeordneten zum Lobbyisten solange torpediert, bis Röttgen in letzter Minute zurückzog.

Thumann war seine wichtigste Personalentscheidung misslungen. Nochmal dürfe das nicht passieren, heißt es bei den BDI-Mitgliedern. Und, ganz im Sinne der Bitte aus Berlin: "Wir müssen das jetzt unterstützen."