Universität Regensburg Forschung an der Klotür

Kritzeleien an der Klotüren

Für einen Kurs an der Uni Regenburg sammelten Studenten die Kritzeleien an den Klotüren und entwickelten dazu eigens eine Webseite. mehr...

Eklig: die öffentliche Toilette. An der Uni Regensburg wird sie nun zum Forschungsobjekt. Studenten sammeln Kritzeleien an den Klotüren, um sie sprach- und kulturwissenschaftlich zu analysieren. Einer der Kloforscher erklärt, was es damit auf sich hat.

Von Christoph Hollender

Eklig: die öffentliche Toilette. Selten ein Ort, an dem man lange verweilen möchte. Vier Studenten aus Regensburg sehen das anders, für sie ist das stille Örtchen ein Ort der Forschung, der Philosophie gar. Für einen Kurs an der Uni sammelten sie die Kritzeleien an den Klotüren und entwickelten dazu eigens eine Webseite. Der Informationswissenschaftler Thomas Spröd ist einer der Kloforscher.

SZ: Kunst auf der Toilette - das klingt etwas unappetitlich, oder?

Thomas Spröd: Ja, ein wenig schon. Und um ehrlich zu sein, nur ein geringer Teil der Schmierereien ist Kunst. Es geht aber auch nicht um Kunst. Zumindest nicht um ästhetische Kunst.

Sondern?

Unser Ziel ist es, eine Datenbank dieser Schmierereien anzulegen, um diese anschließend auswerten und analysieren zu können.

Thomas Spröd arbeitet an der Uni Regensburg gerade an seinem großen Latrinum: Mit drei Kommilitonen hat er eine Webseite für Klosprüche gestaltet.

(Foto: privat)

Aber welcher Wissenschaftler interessiert sich denn für Klosprüche?

Zum Beispiel wäre das für die Psychologie oder die Sprachwissenschaft interessant. Welche Beweggründe Menschen haben, genau das an die Wand zu schreiben, wie sich die Sprache verändert oder die Kultur bricht.

Wie kam es zu dem Projekt?

Ich studiere Informationswissenschaft, meine drei Kommilitonen Medieninformatik. Im Wintersemester haben wir den Kurs "Digital Humanities" belegt, in dem es darum ging, geisteswissenschaftliche Forschung durch Möglichkeiten und Techniken der Informatik zu unterstützen. Eines der Themen für eine Abschlussarbeit war die Analyse von Toilettenschmierereien. Wir entschieden uns für dieses Thema und fingen an, die Webseite zu entwickeln.

Wie funktioniert die Webseite?

Wir haben uns für ein Prinzip entschieden, das sich "Crowdsourcing" nennt. Das bedeutet, dass man große Gruppen von Nutzern dazu bringt, jeweils kleine Datenmengen zu erfassen - in diesem Fall Bilder von Toilettenschmierereien, die sie zusätzlich kurz beschreiben und ihnen sogenannte Tags zuordnen. Das Programm teilt die Informationen dann ein und verwaltet die Bilder in den von uns angelegten Kategorien.

Welche sind das?

Es gibt auf unserer Homepage vier Punkte. Bei der "New"-Kategorisierung werden die aktuellsten Bilder präsentiert. Der Punkt "Hot" fasst die Inhalte auf, die am besten von anderen Nutzern bewertet wurden, denn jeder Besucher kann Bilder kommentieren und positiv oder negativ bewerten. Dann gibt es noch eine "Vote"-Kategorie, hier kann jeder beliebig kommentieren und abstimmen. Als vierten Punkt haben wir noch die "Transcribe"- Kategorie, in der Bilder gezeigt werden, für die noch keine Beschreibung vorliegt.

Und was laden die Nutzer so alles für Kritzeleien hoch?

Unterschiedlichste Bilder aus allen möglichen Toiletten. Das können gemalte Figuren sein, politische Meinungen, Sex- oder Fußballthemen, Ratschläge oder Fragen zu Beziehungsproblemen oder auch Gedichte. Auf Männertoiletten häufen sich Themen wie Sport, Sex oder Politik, auf Frauentoiletten kommen eher Beziehungsprobleme oder Liebe vor. Auch Hilferufe, was man denn mit dem Ex-Freund machen solle, sind keine Seltenheit. Aber es finden sich auch viele Dinge, die nicht jugendfrei sind und gegen den guten Geschmack verstoßen.

Zum Beispiel?

Ich drücke es mal so aus: Das männliche Geschlechtsteil nimmt ein große Rolle ein. Auf der Homepage haben wir solche Bilder jedoch verdeckt und entsprechend beschrieben. Man muss bewusst den Mauszeiger über das Bild bewegen, um sie anzusehen. Wir wollen ja nicht, dass man gleich beim Öffnen der Seite von so etwas angesprungen wird.

Aber es gibt tatsächlich auch niveauvolle Toilettenphilosophie?

Manchmal, ja. Das sind oft Sprüche von großen Denkern oder auch eigene Gedanken rund um die Gesellschaft, Politik oder Kultur. Das Meiste ist aber einfach nur lustig und ohne große Intention.

Gibt es da einen Renner?

Ja. Das sind die "Vermolst"-Sprüche. Das ist ein Kunstwort, das sich in einer Toilette der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Uni Regensburg etabliert hat und anstelle von bestimmten Wörtern eingesetzt wird. So werden Sprüche von Künstlern oder Persönlichkeiten ins Lustige gezogen.

Aha.

Zum Beispiel: Freiheit ist immer die Freiheit des Vermolst, nach Rosa Luxemburg.

Seit Ende März ist die Seite online. Wie soll es weitergehen?

Nachdem wir das Projekt als Arbeit für die Uni begonnen haben, dachten wir, es soll nicht unter den Tisch fallen. Deswegen haben wir uns entschieden, es öffentlich zu machen. Für die Zukunft erhoffen wir uns viele Bilder. Bisher sind es nur Kloschmierereien aus der Uni und aus Toiletten der Stadt. Es wäre schön, wenn sich das Projekt herumspricht und bald Bilder aus ganz Deutschland oder der ganzen Welt hochgeladen werden. Das kann eine Toilette im Bahnhof von Regensburg oder ein stilles Örtchen in einem Restaurant in New York sein. Je unterschiedlicher, desto besser. Im Moment können wir nämlich nicht viel auswerten, da noch zu wenig Fotos veröffentlicht wurden.

Und am Ende?

Am Ende können wir alle Daten auswerten und die Informationen weitergeben oder veröffentlichen. Man kann dann analysieren, welche Probleme die Menschen in welcher Gegend haben oder was sie lustig finden. Zum Beispiel, wie sich politische Meinungen aus Bahnhofstoiletten von denen in Universitätstoiletten unterscheiden.

Haben Sie selber schon mal etwas an eine Toilettenwand geschmiert?

Nein. Ich war bisher immer brav.

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