Therapie mit Drogenersatzstoff Methadon Mit neun der erste Vollrausch

Mit neun Jahren hatte er den ersten Vollrausch, mit 13 kaufte er sich sein erstes Haschisch. Mitglieder eines Motorradklubs fanden ihren Spaß an dem Buben, der irgendwo dazugehören wollte. Ein Gang-Mitglied gab ihm Codeinsaft, als sich Baumert mit einer Bronchitis herumquälte. Die Schmerzen waren sofort weg, und der 15-Jährige fühlte sich so leicht - "als hätte mir jemand Kilosäcke von den Schultern genommen". Rasch aber war die Flasche leer, und für die nächste musste er zahlen.

Zum 16. Geburtstag bekam er seinen ersten Schuss Heroin gesetzt - angeblich als Geschenk, doch bald darauf war er der billige Handlanger seines Dealers. Seinen Stoff finanzierte er durch Diebstähle, immer wieder saß er in Haft: in Bernau, Augsburg, Memmingen, Landshut, Stadelheim - am Ende gut fünf Jahre Knast und die Erkenntnis: So geht es nicht weiter.

"Wenn ich meine Nachbarn oder meinen Chef fragen würde, ob sie sich das bei mir vorstellen könnten, würden die mit dem Kopf schütteln", sagt Baumert. Das verdanke er allein dem Methadon, das ihm endlich den Kopf frei mache für das wirkliche Leben. Nun aber drohe alles in sich zusammenzubrechen. Seiner Ärztin will Baumert keine Vorhaltungen machen. "Sie hat mir bis jetzt immer geholfen", sagt er.

Schoder weiß um die schier aussichtslose Lage ihrer Patienten: "Die Kollegen nehmen derzeit keinen mehr auf, auch die Institutsambulanz in Regensburg hat einen Aufnahmestopp für Methadon-Patienten erlassen." Substitutionsärzte in München haben kürzlich nach Informationen aus der Landesärztekammer beschlossen, Methadon-Patienten aus Niederbayern abzuweisen. "Alle Praxen sind übervoll und verweisen im besten Fall auf den nächsten März", sagt Schoder. Doch dann ist es zu spät. "Wenn ich kein Methadon nehme, fange ich nach zwölf Stunden zu schwitzen an, am zweiten Tag geht der körperliche Entzug los, und dann beginnt der Suchtdruck", sagt Baumert.

Hinter den Kulissen wird derzeit hektisch verhandelt. Hohe Ärztefunktionäre haben einen Brief an den Generalstaatsanwalt in München geschickt - mit der Bitte, im Dialog auszuloten, "wie wir bei der Methadonversorgung mehr Rechtssicherheit für die behandelten Ärztinnen und Ärzte erlangen können". Das Gesundheitsministerium indes will die örtlichen Gesundheitsämter dazu motivieren, Substitutionsärzte in Problemfällen verstärkt zu beraten, statt gleich strafrechtliche Schritte einzuleiten. Vergangene Woche fand deshalb im Ministerium ein Treffen statt, an dem auch Substitutionsärzte aus Niederbayern teilnahmen. Ziel ist, möglichst viele von ihnen zum Weitermachen zu bewegen. KVB-Chef Wolfgang Krombholz sagt, man sei da auf einem guten Weg. Doch sicher ist im Moment nichts. Andreas Baumerts Mutter ist verzweifelt.

In einer Mail an die Süddeutsche Zeitung schrieb sie: "Will die Regierung, dass mein Sohn stirbt? Noch lebt er!"