Therapie mit Drogenersatzstoff Methadon Jeder Entzugsversuch ist sinnlos

Doch die Sorge, bald kein Methadon mehr zu bekommen und die Arbeit, die Wohnung und damit den mühsam wieder aufgebauten Kontakt zu den Kindern zu verlieren, ist größer. Baumert schrieb Mails an Ärzte-Organisationen, die stets betonen, wie wichtig doch die Substitutionstherapie ist: an die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) sowie an die Landesärztekammer etwa. Darin beschrieb er, wie sich bei ihm vor gut zehn Jahren "negativen Sozialprognosen zum Trotz" das Leben zum Positiven gewendet habe. Und wie ihm nun der Boden unter den Füßen weggezogen werde. Eines der Schreiben endete so: "Bitte, bitte helfen Sie mir, wenn es Ihnen irgendwie möglich ist!"

Auf diese Mail erhielt Baumert rasch Antwort. Man wolle gerne seine "Zeilen anonymisiert als Argument in der politischen Diskussion um das Thema Substitution verwenden". Baumert ist fassungslos: "Die sehen mich nicht als Einzelperson, deren Existenz in wenigen Tagen vor dem Aus steht", sagt er. Für ihn steht mittlerweile fest: "Ich bin ein gewollter Kollateralschaden, der passieren soll, damit die Politik unter Druck kommt." An alle Verantwortlichen habe er sich jetzt gewandt - und was komme dabei unter dem Strich heraus? "Gute Wünsche für die Zukunft."

Nun quält ihn der Gedanke, dass er von Januar an kein Methadon mehr bekommt - zumindest nicht die Sieben-Tage-Ration à 100 Milligramm, die es ihm bislang ermöglicht, pünktlich zur Arbeit zu erscheinen. "Das ist recht hoch dosiert", sagt er, "es war aber auch so gedacht, dass ich für mein Leben lang auf dieses Medikament eingestellt bleibe." Baumert hat es schriftlich, dass angesichts seiner langjährigen Opiatabhängigkeit "eine längere Suchtmittelfreiheit" nicht zu erwarten sei - auf gut deutsch: Jeder Entzugsversuch ist sinnlos und sogar mit "schwerwiegenden" gesundheitlichen Beschwerden verbunden.

Seit 17 Jahren wird Baumert mittlerweile mit Methadon behandelt - mit Unterbrechungen in der Haft. So kennt er den Unterschied zum Heroinentzug: "Der ist zwar grob, aber nach sieben Tagen vorbei." Der letzte Methadonentzug dauerte bei ihm hingegen vier Monate, und danach fühlte er sich wie ein Wrack. Vor allem aber kam dieser Drang zurück, den die Fachleute als "Opiathunger" bezeichnen. "Was ich jetzt am meisten fürchte, ist meine schlafende Suchtpersönlichkeit", sagt er. Es falle ihm schwer, das zu beschreiben. "Der Suchtdruck, das ist der innere Wolf, der einen beißt", sagt er schließlich, "ich muss nur irgendwo einen Löffel liegen sehen, der ein bissl braun ist, und schon geht es los."

Baumerts Bilanz unter seine Suchtkarriere fällt schonungslos aus - schonungslos auch gegen sich selbst: Jahrelang habe er seine schwere Kindheit mit einem Trinker als Vater wie einen Schutzschild vor sich hergetragen, um sich das eigene Verhalten nicht anschauen zu müssen: "In meiner Verantwortungslosigkeit habe ich immer gesagt: Ich bin nicht schuld", gesteht er heute ein. Dann erzählt er seine Geschichte: Kurz bevor er eingeschult wurde, diagnostizierten Ärzte bei ihm das "Zappelphilipp-Syndrom" - heute als ADHS bekannt. "Es wurde angeraten, mich mit Lexotanil zu behandeln", sagt Baumert. Inzwischen warnen Apotheker vor der suchtfördernden Eigenschaft dieses Mittels. Baumert hat die Worte immer noch im Ohr: "Hast Kopfweh? Da hast du eine Tablette. Bist traurig? Kriegst eine Tablette."