Steinmetz-Unternehmen Auslaufmodell Grabstein

Grabsteine der Firma Natursteine Halbich am Perlacher Forst

Verblassende Traditionen oder ganz einfach zu teuer: Die Nachfrage nach kunstvoll gestalteten Grabsteinen sinkt. Das spürt auch Stephan Halbich, der in vierter Generation ein Grabmal-Unternehmen in München führt. Immer mehr Menschen lassen sich nach ihrem Tod in Urnen beisetzen - oder unter Bäumen.

Von Frank Seibert

Schon von Weitem kann man den Lärm schwerer Maschinen hören. Die Tür zur Werkstatt geht auf, mit einem Mal schmeckt die Luft staubig. Im Raum verteilt stehen große Steinblöcke, auf denen mit Bleistift Schnittlinien aufgezeichnet wurden. Ein junger Mann mit Gehörschutz betrachtet lange einen Marmor, bevor er eine Maschine an den Stein setzt. Die Säge kreischt auf.

In direkter Nachbarschaft des Friedhofs am Perlacher Forst steht eine der Filialen von "Halbich Naturstein". Die Firma verkauft Steine für Grabmäler. Vor dem Büro, das direkt an die Werkstatt anschließt, stehen Dutzende Grabsteine - kleine und große, in den verschiedensten Formen. Aufwendig verzierte stehen neben massiven und klobigen, manchmal auch ganz einfachen Steinen. Im Büro unterhält sich Stephan Halbich gerade mit einem Mitarbeiter, der auf einem Höckerchen vor einem Stein sitzt und eine eingravierte Inschrift mit roter Farbe nachzeichnet.

Das Unternehmen wurde schon 1908 gegründet - damals von Halbichs Urgroßvater. Für den heute 46-Jährigen stand schon früh außer Frage, dass er die Firma weiterführen würde. "Das Unternehmen gab es ja bereits, und da habe ich gar nicht drüber nachgedacht, was anderes zu machen", sagt der gebürtige Münchner mit ausgeprägtem Dialekt. Seit 1999 führt er das Geschäft mit seiner Frau. Sein Sohn hat dieses Jahr die Ausbildung abgeschlossen und arbeitet seit September im Unternehmen mit. Auch er wird den Laden einmal übernehmen, hofft Halbich.

In den Anfangsjahren hatte der Betrieb hauptsächlich mit Grabmälern Umsatz gemacht. Heute ist das anders. "Die Nachfrage ist eher gesunken", sagt Halbich. Das hänge damit zusammen, dass die Leute insgesamt weniger Geld zur Verfügung hätten. Vor allem ältere Menschen, die Grabsteine kaufen, hätten bei den heutigen Renten keine Möglichkeit, zwischen 5000 und 6000 Euro zu bezahlen. So viel aber koste ein Produkt der gehobeneren Klasse im Durchschnitt.

Und auch die Bedeutung der Grabsteine habe sich verändert, sagt Halbich. Ein stattlicher Grabstein war zu Beginn des Jahrhunderts Ausdruck des Wohlstands einer Familie - ein Statussymbol. "Es kommt mir so vor, als spielten Gräber nicht mehr so eine große Rolle - da geht schon einiges vom Kulturellen verloren", glaubt der Steinmetz.

In der Großstadt sei, wohl auch durch die Anonymität, das Interesse an einem in mühevoller Kleinarbeit gestalteten Stein geringer als auf dem Dorf. Und es gibt nicht nur Unterschiede zwischen Stadt und Land, sondern sogar zwischen den verschiedenen Friedhöfen Münchens. "Hier am Perlacher Forst schauen die Leute ein bisschen mehr aufs Geld als an anderen Friedhöfen", sagt Halbich. Zwar gebe es auch dort immer mal wieder große Aufträge. Doch in anderen Stadtvierteln, wie am Nordfriedhof, wären die Bewohner viel eher bereit, mehr Geld für Grabstätten auszugeben.

Wölfsköpfe, die den Mond anheulen

Und hin und wieder kommen die Angehörigen eines Verstorbenen auch mit ausgefallenen Wünschen zu ihm: Dann wollen sie Abbildungen des Verstorbenen auf dem Grabstein oder einen Wolfskopf, der den Mond anheult. "Das sind schöne Aufträge. Da kann man sich als Steinmetz austoben", sagt er.

Dass die Menschen immer seltener Grabsteine kaufen, hängt nach Ansicht des Steinmetzes aber auch mit einem gesellschaftlichen Wandel zusammen. Heutzutage wollen viele Menschen nach ihrem Tod kein klassisches Begräbnis bekommen. "Sie lassen sich viel eher in Urnen oder unter Bäumen begraben", hat Halbich festgestellt. Das Referat für Gesundheit und Umwelt bestätigt diesen Trend. Während der Anteil an Urnenbeisetzungen 2001 in München noch bei 48 Prozent lag, liegt er mittlerweile bei 61 Prozent.

Auch deshalb glaubt Stephan Halbich, dass das Geschäft mit den Grabsteinen immer weiter zurückgehen wird. Er hat, wie viele andere Steinmetze und Grabmal-Unternehmen, mittlerweile ein zweites Standbein: Er stellt auch Küchenarbeitsplatten aus Granit, Bäder aus Marmor, Waschtische und Fensterbänke her. "Ohne diese Einkünfte würde sich mein Unternehmen nicht tragen. Dann müsste ich sicher Leute entlassen", sagt Halbich. Im Winter brauche man zudem eine Alternative - der Innenbau sei da eine gute Möglichkeit.

Ein Mitarbeiter malt die Inschrift eines Grabsteins aus.

Stephan Halbich sitzt in blauem Pullover und Jeans am Schreibtisch. Gegenüber eine Frau und ein Mann, ganz in Schwarz gekleidet, wie die meisten seiner Kunden. Schließlich haben sie gerade einen Todesfall zu beklagen. Halbich führt sie nach draußen, zeigt ihnen all die unterschiedlichen Steine.

Häufig würden sich die Kunden für portugiesischen Marmor entscheiden, beliebt ist aber auch Granitstein. Der ist zwar witterungsbeständiger, aber für den Steinmetz nicht so gut zu formen. Mit der Zeit lerne man, mit den Trauernden umzugehen, sagt Stephan Halbich. Er führe sehr oft gute Gespräche - und nicht selten seien die gar nicht so ernst und traurig, wie man annehmen würde.

Bei so vielen Möglichkeiten, ein Grab zu gestalten - macht man sich da als Steinmetz nicht hin und wieder so seine Gedanken, wie einmal der eigene Stein aussehen soll? Halbich lacht, dann schüttelt er den Kopf. Über seinen eigenen Stein, nein, da hat er sich noch keine Gedanken gemacht.